In Wien sind Awareness-Konzepte Pflicht
Pinke Westen in der Menschenmenge, Rückzugsräume für überforderte Festivalgäste, Hinweise in Toiletten, die erklären, wo flirten aufhört und Belästigung beginnt: Was vor wenigen Jahren noch Nischenthema von queeren Clubs und DIY-Festivals war, gehört heute zum guten Ton fast aller größeren Veranstaltungen.
Ohne Awareness-Konzept kommt heute kaum ein Festival mehr aus. In Wien geht die Stadt noch einen Schritt weiter: Seit Juli 2026 sind Awareness-Konzepte für Veranstaltungen ab 300 Besuchenden gesetzlich vorgeschrieben.
Nicht alle Menschen feiern gleich sicher
Auch Das Fest in Karlsruhe arbeitet seit 2023 mit einem Awareness-Konzept. Annika Böck koordiniert das Team. „Wir schaffen Strukturen, dass Grenzüberschreitungen gar nicht erst passieren. Wir stellen Ansprechpersonen, wenn sich jemand nicht wohl fühlt“, sagt Böck gegenüber SWR Kultur. So ein Festival schaffe verletzliche Situationen, weil Menschen mit unterschiedlichen Grenzen, Erfahrungen und Bedürfnissen aufeinander träfen.
Awareness, das bedeutet: anzuerkennen, dass nicht alle Menschen gleich sicher feiern, weil Diskriminierung, Sexismus, Rassismus oder Queerfeindlichkeit unser Miteinander prägen. Awareness fordert, dass Veranstaltende Räume und Regeln schaffen, die vor Übergriffen schützen.
SOS-Inseln bei Das Fest: Grenzüberschreitungen vorbeugen
Wie sieht das in der Praxis aus? Bei Das Fest gab es lange schon sogenannte SOS-Inseln, berichtet Böck. Heute gehören auch ein gut sichtbarer Awareness-Point, drei mobile Teams, ein Rückzugsraum und ein Begleitservice für Menschen mit Behinderung zum Festivalalltag.
Alle sollen sich willkommen fühlen. Es gehe gar nicht so sehr um Krisenmanagement, sagt Annika Böck, sondern viel mehr um Prävention. „Durch Schulungen für das Team, Aufklärung und Gespräche mit Besuchenden und neue Strukturen auf dem Festival machen wir Das Fest jedes Jahr zugänglicher.“
Aus der Subkultur entstanden
Die Wurzeln dieses Konzepts liegen in der Clubkultur. Vor allem Underground-Clubs und Do-it-yourself-Festivals verstehen sich bis heute als Schutzraum für Menschen, die Diskriminierung erfahren: queere, migrantische oder feministische Communities. Awareness ist hier auch eine bewusste Abgrenzung zur klassischen Mainstream-Partylogik und ihrer Tendenz, Übergriffigkeiten als „Partyrisiko“ zu verharmlosen.
Doch jüngste Berichte über Machtmissbrauch in der Technoszene, Vorwürfe gegen bekannte DJs oder die Diskussionen um eine mutmaßliche Vergewaltigung im Berliner KitKatClub zeigen: Auch vermeintliche Safe Spaces sind keine diskriminierungsfreien Räume. Viele Initiativen sagen selbst: Awareness verhindert keine Übergriffe. Sie kann aber dafür sorgen, dass Betroffene nicht alleine bleiben.
Wie können Besuchende besser geschützt werden?
Spätestens die Vorwürfe gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann katapultierten das Thema vor drei Jahren weit über die Clubszene hinaus. Die öffentliche Debatte drehte sich nicht mehr nur um einzelne Vorfälle, sondern um die Verantwortung von Veranstaltenden.
Wie können Besucherinnen und Besucher von Großveranstaltungen besser vor Übergriffen geschützt werden? Festivals wie auch Volksfeste und sogar Fußballclubs setzen seither verstärkt auf Awareness-Strukturen als Teil eines erweiterten Sicherheitskonzepts.
Fridas Pier: Awareness braucht ein gut geschultes Team
Für Benny Kieninger gehört Awareness seit jeher zum Selbstverständnis eines guten Clubs. Er ist Geschäftsführer von Fridas Pier in Stuttgart und sagt: Awareness fängt schon an der Clubtür an. „Da geht es nicht um Schuhe oder das Outfit, sondern darum, die Besuchenden zu sensibilisieren und zu schauen, wie sich jemand benimmt.“
Awareness gehöre seit Tag eins zum Konzept des Stuttgarter Technoclubs: „Wir haben unsere Mitarbeiter geschult, unsere Türsteher haben eine Ausbildung. Wir haben einen Safer Space eingerichtet, da können Leute, denen es nicht gut geht, sich zurückziehen“, sagt Kieninger gegenüber SWR Kultur.
„Sie bekommen Wasser, können ihr Handy laden, sich aufwärmen oder abkühlen.“ Über eine App lässt sich zudem ein sicherer Heimweg organisieren – ein Thema, das in Stuttgart viel diskutiert wird.
Kieninger ist überzeugt, dass auch kleinere Clubs viel erreichen können. „Als Clubbetreiber sollte man alles dafür geben, dass die Gäste sich sicher und wohl fühlen. Auch wenn man sich kein großes Awareness-Team leisten kann, müssen Mitarbeitende helfen können. Eigentlich sollte der ganze Club ein Safe Space sein.“
Awareness ist auch eine Kostenfrage
Dass heute fast jede größere Veranstaltung mit Awareness wirbt, bedeute allerdings nicht automatisch, dass die Konzepte auch funktionieren. „Ein Konzept ist schnell aufgeschrieben und auf die Homepage gestellt“, sagt Kieninger. Entscheidend sei, ob Mitarbeitende tatsächlich geschult würden, aktiv auf die Menschen zuzugehen.
Bei großen Veranstaltungen setzt Fridas Pier zusätzliche Teams ein. Sie sprechen Gäste bereits in der Warteschlange an und erklären die Regeln. Wirtschaftlich sei das allerdings nur bei ausverkauften Nächten oder Großevents möglich, sagt Kieninger. Gerade in Zeiten, in denen viele Clubs ums Überleben kämpften, sei das auch eine Kostenfrage.
Safe Space oder Party-Polizei?
Und es gibt Kritik: Manche Gäste fühlen sich beobachtet und sprechen von „Party-Polizei“. Kieninger hält dagegen. Wer sich von Awareness bevormundet fühle sei oft genau die Art von Gast, deren Verhalten diese Konzepte überhaupt notwendig machten. Annika Böck betont die Freiwilligkeit des Angebots: Wer Hilfe möchte, findet sie. Wer nicht, muss sie nicht annehmen.
Wäre ein Modell wie in Wien auch etwas für Städte im Südwesten? Nur wenn es auch Zuschüsse gäbe, sagt Kieninger, weil viele Clubs wirtschaftlich kämpften. Annika Böck setzt eher auf Vernetzung vor Ort. In Karlsruhe unterstützten sich verschiedene Veranstaltende beispielsweise gegenseitig.
„Ich persönlich denke, dass Awareness-Arbeit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die nie fertig ist. Es gibt immer Ansatzpunkte, wo man Festivals noch inklusiver gestalten kann, noch barrierefreier“, betont die Festivalkoordinatorin.
Für beide steht fest: Ein guter Club oder ein gutes Festival schafft Räume, in denen möglichst alle ohne Angst feiern können. Oder wie Annika Böck es sagt: „Wir können viel dazu beitragen, dass alle Menschen einfach eine gute Zeit haben.“