Buch Friedrich Merz gewidmet

Bildungsinfluencerin Gina Waibel: „Lehrkräfte müssen sich klar positionieren“

„Schule, aber stabil“: Gina Waibel schreibt über Diskriminierung im Schulalltag, das Neutralitätsgebot und warum Lehrkräfte gegen Menschenfeindlichkeit eintreten sollten.

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Schule, das ist im besten Fall ein Ort an dem heranwachsende Menschen individuell auf das Leben vorbereitet werden. Sowohl mit dem im Lehrplan vorgesehenen Wissen, aber auch mit sozialen Kompetenzen: mit Verantwortungsgefühl, demokratischer Bildung, mit Förderung von Stärken und Unterstützung bei Schwächen.

Die Realität sieht jedoch oft anders aus. Schule sei ein Ort, an dem täglich diskriminiert, ausgeschlossen und benachteiligt würde, schreibt Gina Waibel in ihrem neuen Buch „Schule, aber stabil“. Die ehemalige Lehrerin ist heute vor allem als Bildungsinfluencerin „frau_waibel“ bei Instagram bekannt.

„Ich habe die letzten zehn Jahre erlebt, dass Schule Schülerinnen und Schüler formal gleich behandelt, obwohl sie ganz unterschiedliche Ausgangsbedingungen haben“, erklärt Waibel im Interview mit SWR Kultur. Damit verstärke die Schule Chancenungleichheit.

Gina Waibel, Jahrgang 1989, arbeitete zehn Jahre lang als Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg. 2025 verließ sie dann den aktiven Schuldienst, um sich ihrer Arbeiter als Influencerin und Referentin zu widmen. Mit ihren über 130.000 Followern auf Instagram tauscht sie sich über Bildungspolitik, Antidiskriminierungsarbeit und die wachsende Einflussnahme rechter Akteure auf den Schulalltag aus.

Frau auf Treppe
Bildungsinfluencerin Gina Waibel. Magdalena Kick (flânear)

Virales Video gegen Friedrich Merz' Äußerung: „Kleine Paschas“

Bekannt geworden war Waibel 2023 mit einem Video, das eine Äußerung des damaligen CDU-Chefs und heutigen Bundeskanzlers Friedrich Merz in der Talksendung Markus Lanz kritisierte. Merz hatte damals von „kleinen Paschas“ gesprochen, die in Schulen respektlos gegenüber Lehrkräften auftreten würden – eine Aussage, die ihm Diskriminierungsvorwürfe von Menschen mit Migrationshintergrund einbrachte.

„Ich weiß noch ganz genau, wie ich mit meinen Schülerinnen und Schülern damals überlegt habe, was wir dem entgegensetzen können“, erinnert sich Waibel. Waibels Video thematisierte, wie zuvorkommend ihre Schülerinnen und Schüler mit ihr als Lehrerin umgingen; der Clip ging auf TikTok viral. Ein Gegensatz zu dem Bild, das in der öffentlichen Debatte gezeichnet wurde.

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Doch Waibel beschreibt in ihrem Buch auch die Schattenseiten ihrer mehrjährigen Erfahrung als Lehrerin. Der zentrale Vorwurf: Das Bildungssystem behandle Schülerinnen und Schüler formal gleich, obwohl sie völlig unterschiedliche Ausgangsbedingungen haben. Das sei ungerecht.

„Wenn ich Erziehungsberechtigte ohne Fluchtgeschichte habe, ohne Migrationsgeschichte, keine sprachlichen Barrieren, dann habe ich wahrscheinlich Erziehungsberechtigte, die die Strukturen und die Logik von Schule verstehen. Und das verschafft mir einen Riesenvorteil“, meint die Pädagogin.

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Neutralitätsgebot: Was Lehrkräfte dürfen

Ein weiteres zentrales Thema in Waibels Buch und ihrer Arbeit ist das sogenannte Neutralitätsgebot für Lehrkräfte, auf das in den vergangenen Jahren vor allem von der AfD und anderen „rechten Akteuren“ gepocht wurde. Waibel macht klar, dass dieses Gebot oft missverstanden werde – oder bewusst falsch ausgelegt, um Lehrkräfte und Schulleitungen einzuschüchtern.

„Das Neutralitätsgebot bedeutet, dass wir als Lehrkräfte zwar nicht parteipolitisch sein dürfen. Aber wir müssen im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung handeln“, erklärt Waibel. Das bedeute, dass sich die Lehrkärfte gegen jegliche Menschenfeindlichkeit, gegen Rassismus und Diskriminierung sichtbar positionieren müssen, so die Bildungsinfluencerin weiter.

Schüler bei einer Veranstaltung
Schülerinnen und Schüler bei einer Veranstaltung. picture alliance / Frank May | Frank May

Lehrkräfte als „Gatekeeper“

Waibel bezeichnet Lehrkräfte in diesem Zusammenhang als sogenannte „Gatekeeper“, also Instanzen, die über den Zugang entscheiden, also in dem Fall über Zukunftschancen und Bildungswege der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Eine enorme Verantwortung, für die es bislang kaum Unterstützung gebe.

Ihre Forderung: Das Lehramtsstudium müsse dringend um Aspekte diversitätssensibler und rassismuskritischer Pädagogik ergänzt werden. Auch Lehrkräfte, die bereits im Schuldienst tätig sind, müssten fortgebildet werden und Werkzeuge an die Hand bekommen, um mit der Realität immer diverserer Klassenzimmer besser umgehen zu können.

„Ich sage immer: diversitätssensible, rassismuskritische Lehrkräfte sind keine Option, sie sind Notwendigkeit“, betont Waibel. Ohne eine Veränderung sehe es ihrer Meinung nach für die kommenden Jahre schlecht aus.

Widmung an Friedrich Merz

Ihr Buch hat Gina Waibel Bundeskanzler Friedrich Merz gewidmet – auch wenn der Kanzler es wahrscheinlich nicht lesen werde, so die Influencerin. Ihre eigentliche Zielgruppe seien alle, „die wissen möchten, welche Lebensrealitäten es noch gibt, außerhalb der normativen, weißen deutschen, gut bürgerlichen Mitte.“ Das sei aber die Lebenswirklichkeit, die man meistens in Lehrkräftezimmern finden würde.

Frau im roten Anzug
Bildungsinfluencerin Gina Waibel will mit klaren Aussagen Missstände an den Schulen benennen. Stephan Glathe

Waibel war durch ihre Arbeit immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Kritiker werfen ihr vor, die Lehrerschaft pauschal zu verurteilen und wiederholt die Grenze zwischen Engagement für Pädagogik und politischem Aktivismus zu überschreiten.

Zuletzt machte sie auf sich aufmerksam, weil sie auf rassistische Textstellen in dem Kinderbuch „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ von Christine Nöstlinger aufmerksam machte, wie die Verwendung des „N-Worts“. Das Buch gehöre ihrer Meinung nach nicht mehr in den Unterricht.

Es folgte eine Debatte in den sozialen Meiden, ob die Kritik an der 2018 verstorbenen Autorin, deren Werk als tief im Antifaschismus verwurzelt gilt, gerechtfertigt ist – oder, ob es sich um wenig zielführende Empörung handele.

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