„Bundesregierung muss ihre völkerrechtlichen Pflichten wahrnehmen“
Barenboim greift die Politik der Bundesregierung im Nahost-Konflikt an. Die Groß-Demo "All eyes on Gaza - Stoppt den Genozid!" wolle den Druck auf Berlin erhöhen.
„Ich persönlich bin der Ansicht, dass wir alle alles tun müssen, um die deutsche Bundesregierung dazu zu bringen, ihre völkerrechtlichen Pflichten wahrzunehmen, Völkermord zu verhindern und zu bestrafen“, so Barenboim im Gespräch.
Barenboim verwendet den Begriff „Völkermord“
Zugleich kritisiert er, dass sich die Regierungskoalition weigere, den Begriff „Genozid“ für das Geschehen im Gazastreifen zu verwenden: „Deutschland ist selbst angeklagt wegen Beihilfe zum Völkermord vor dem Internationalen Gerichtshof. Deutschland ist also keine neutrale Partei.“
Barenboim finde die Verwendung des Begriffs „Völkermord“ gerechtfertigt: „Es gibt da keine Diskussion mehr - unter Experten ist er nicht mehr umstritten.“
Anerkennung Palästinas dürfe keine Symbolpolitik bleiben
Barenboim argumentiert, ein Bericht von Amnesty International im Dezember 2024 und unlängst der UN-Menschenrechtsrat hätten von einem „Genozid“ im Gazastreifen gesprochen. Die Welle von Anerkennungen Palästinas als Staat durch eine Reihe wichtiger Staaten, darunter Frankreich und Großbritannien dürfe kein symbolischer Schritt bleiben.
„Wenn das dazu führt, dass Staaten wie Frankreich nicht alles tun, um Völkermord zu verhindern, dann war das völlig sinnfrei“, sagt der Musiker.
Versöhnung ist das Allerwichtigste
Dass die Berliner Groß-Demo am 27. September in Antisemitismus abrutschen könne, befürchtet Barenboim nicht: „Wir haben einen ganz klaren Aufruf-Text“, verteidigt er das Organisationsbündnis, zu dem auch Amnesty International, medico international und der Zentralrat der Muslime gehören.
Gegenüber SWR Kultur gesteht der gefeierte Violinist, der immer wieder auch Benefiz-Konzerte für Palästina gibt, auch ein: „Das sind einfach sehr, sehr viele Menschen. Wir können nur für unsere Inhalte grade stehen und das in die Öffentlichkeit transportieren. Viel mehr können wir nicht tun.“
Die Möglichkeit der Versöhnung zwischen Arabern und Juden in Palästina sieht Barenboim weiter als gegeben an: „Das Allerwichtigste ist, dass wir für die Werte von Gleichheit und Gerechtigkeit zusammenstehen, und diesen universellen Anspruch auch für Palästinenser vereinen können."
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