"Kidults" sind die neuen Sammler
Große Ohren, riesige Füße, weißes Fell und schwarze Stupsnase: Die Diddl-Maus eroberte in den 90er-Jahren und frühen 2000ern Kinderzimmer und Schulhöfe.
Knapp dreißig Jahre später kehrt die Maus zurück – als Sammelobjekt von Erwachsenen. Sogenannte "Kidults" (eine Zusammensetzung aus den englischen Begriffen "Kid" und "Adult") gelten mit ihrer Kaufkraft als wichtige, neue Zielgruppe der Spielwarenindustrie.
Diddl-Tauschtreffen in Stuttgart
Für Sammlerin Jasmin Einhauser bedeutet die Maus unter anderem die Rückkehr in warme Kindheitserinnerungen, aber auch das Erleben von Gemeinschaft. Etwa bei einem Diddl-Tauschtreffen in Stuttgart – dort wird auf aneinandergereihten Tischen alles präsentiert, was das Diddl-Sammler-Herz begehrt.
Sammelbildchen, Sticker und Plüschtiere Diddl, Panini & Co.: Was fasziniert uns am Sammeln?
In Frankreich ist die Diddl-Maus zurück: Blöcke, Stifte und Plüsch der Kultsammelfigur sind wieder zu kaufen. Warum übt das Sammeln bestimmter Dinge eine so große Faszination aus?
Neben dicken Ordnern voller bunter Blätter und Blöcken in unterschiedlichen Größen gibt es unter anderem Stofftiere, Gläser, Stifte, Postkarten und Spiele. Dabei allgegenwärtig: Die berühmte 90er-Jahre-Maus und ihre Freunde.
Diddl ist für mich so glücklich, so fröhlich, positiv
„Als Kind hat man so auf dem Schulhof irgendwie so hin und her getauscht und das war so ein positives Gefühl“, erinnert sich Jasmin Einhauser, Sammlerin und Organisatorin eines Diddl-Tausch-Events, das am Wochenende in Stuttgart stattfand. Für sie bedeutet Diddl ein Stück Kindheit, aber auch: „Diddl ist für mich so glücklich, so fröhlich, positiv.“
Positive Gefühle aus der Kindheit zurückholen – in Zeiten globaler Krisen wie der Corona-Pandemie, Klimawandel und Kriegen scheint sich das immer mehr zum Trend zu entwickeln.
Journalist Georg Diez | 18.3.2025 Kriege, Krise, Klimakatastrophe: die 90er als Schlüsseljahrzehnt
Journalist Georg Diez beschreibt in seinem Buch "Kippunkte" die 90er als Schlüsseljahrzehnt unserer Gegenwart und Zukunft und zeigt alternative Wege auf.
Spielende Erwachsene sind salonfähig
Neben Diddl erleben auch bekannte Spielzeugmarken wie Lego, Tamagotchi oder Barbie ein Revival. Mit blockbusterartigen Filmen, Sondereditionen und Neuauflagen sprechen sie aber nicht etwa Kinder, sondern gezielt erwachsene Menschen an.
Für Spielzeug- und Spielforscher Volker Mehringer von der Universität Augsburg, Teil einer neuen Form des Erwachsenseins. Dieser Trend sei salonfähig geworden: als Erwachsener sich Spielzeug zu kaufen, ohne schräg angeschaut zu werden. Erwachsene entwickelten für sich wieder eine gewisse Begeisterung für Spielzeug, meint Mehringer.
„Ich glaube, dass Spielzeug auch für Erwachsene total gut funktionieren kann und total reizvoll sein kann, dass es eher so eine gesellschaftliche Konvention ist“, so der Forscher. Man sei aus dem Spielzeugalter raus und das Thema solle nun durch sein, aber es verändere sich etwas: „Wir haben einen kleinen Zeitenwandel.“
Alltagsgefühle Erwachsener adressiert
So knüpft das Diddl-Universum – in Hörspielen oder im „Käseblatt“, der markeneigenen Zeitschrift – an Alltagsgefühle an, die auch Erwachsene kennen: Neben Freude etwa Angst oder Liebe, erklärt Jasmin Einhauser.
Es gebe auch diese „Frogbrothers“, eine Art Feinde, die Diddle ein bisschen ärgerten. Sie seien wie Kollegen, die man nicht mag. Das seien Themen, die auch Erwachsene im Alltag immer noch beträfen, sagt sie.
Gefühle bewusst erleben, weich sein, spielen dürfen – die neue Zielgruppe der sogenannten „Kidults“, einer Zusammensetzung aus den englischen Begriffen „Kid“ und „Adult“ – gewinnt auch wirtschaftlich zunehmend an Relevanz.
Reiz des Sammeln und Tauschens
So erklärte eines der wichtigsten deutschen Branchenevents, die Spielwarenmesse in Nürnberg, Kidults bereits im vergangenen Jahr zu ihrem Schwerpunktthema. Der neue, alte, Diddl-Trend verbindet dabei positive Emotionen des Spielens und nostalgischen Erinnerns mit dem Reiz des Sammeln und Tauschens.
Fast schon ein „Flow“, sagt Sammlerin Jasmin Einhauser und dabei vergesse man, was drumherum passiere. Denn „man guckt: Habe ich das schon und wie sieht das aus und ja, man tut es in seine Sammlung rein und dann ist man irgendwie total glücklich.“
Getauscht, gesammelt und vernetzt wird sich inzwischen aber auch digital. Etwa über Plattformen wie Kleinanzeigen, Vinted, Facebook-Marketplace oder in Chatgruppen. Dabei erfüllt das Sammeln auch eine soziale Funktion, sagt der Spielforscher Volker Mehringer.Das Sammeln erzeugt eine Gemeinschaft.
Sammeln biete einerseits eine gewisse Gemeinschaft, so der Forscher, anderseits aber auch „eine Möglichkeit zur Individualisierung. Das heißt, ich habe besondere Sammlerstücke, die die anderen vielleicht nicht haben.“
Labubus, Funkos, Trading Cards und mehr Sammel-Hypes: Labubus, Pokémon & Co.
Schon in den 90ern sammelten Kids Ü-Ei-Figuren oder Diddl-Mäuse. Heute heben Labubus, Funkos, Trading Cards oder Lego den Hype auf ein neues Level – angetrieben von Social Media, Influencer*innen und künstlicher Verknappung.
Sammlung mit 7000 Diddl-Mäusen
Neben alten Postkarten, Blechdosen oder seltenen Auflagen gehören dazu auch besonders große Sammlungen. Wie die einer Teilnehmerin mit knapp 7000 Diddl-Kuscheltieren. Welche Sammlerstücke dabei noch fehlen, wird mit Hilfe von Listen dokumentiert.
Was nicht mehr gebraucht wird, wird angeboten. Jasmin Einhauser: „Also ich habe zum Beispiel eine ziemlich große Sammlung, die ich doppelt habe oder Sachen, die ich nicht sammle. Ich sammle zum Beispiel keine Kuscheltiere. Aber wenn jemand anders damit glücklich wird, dann gebe ich das natürlich voll gerne her gegen etwas, was ich noch sammle.“
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