Wie Frauen für das Recht zu kicken kämpften

Spiel gegen alte Rollen – Frauenfußball als Wegbereiter der Gleichstellung

Vom strikten Verbot bis zum Tor des Monats: Fußballerinnen mussten jahrzehntelang für das Recht auf ihren Sport kämpfen. Besonders im Südwesten feierte der Frauenfußball große Erfolge. Doch der Weg zur echten Gleichstellung ist noch weit.

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Stand

Von Autor/in Christian Batzlen

Der sensationelle Triumph von TuS Wörrstadt

Es war ein sonniger 8. September im Jahr 1974, als der kleine TuS Wörrstadt aus Rheinland-Pfalz Geschichte schrieb. Das Team gewann 4:0 und damit überraschend die erste offizielle deutsche Frauenfußball-Meisterschaft gegen Eintracht Erle aus Gelsenkirchen.

Spielerin Bärbel Wohlleben schoss ein Tor aus 25 Metern, das prompt zum ersten weiblichen „Tor des Monats“ gewählt wurde. Ein Moment, der mehr war als nur ein sportlicher Sieg – es war ein Meilenstein im Kampf um Anerkennung und Gleichstellung.

Bärbel Wohlleben, Spielführerin des TuS Wörrstadt, hält 1974 den Pokal für die erste deutsche Frauenfußball-Meisterschaft hoch
Bärbel Wohlleben, Spielführerin des TuS Wörrstadt, hält 1974 den Pokal der ersten deutsche Frauenfußball-Meisterschaft hoch. Wohlleben war eine der prägenden Figuren dieser Pionierzeit, ihr Tor im Finale wurde zum Tor des Jahres gekürt – als erstes Tor einer Frau überhaupt im deutschen Fußball.

Doch hinter dieser Erfolgsgeschichte standen Jahre der Mühe und des Widerstands, angetrieben von Leidenschaft und dem Wunsch nach Anerkennung. Dieser Triumph wurde ein symbolischer Wendepunkt, doch bis zur vollständigen Gleichstellung blieb es noch ein langer Weg.

Fußballverbot für Frauen – Eine absurde Vorgeschichte

Der Sieg des TuS Wörrstadt erscheint noch erstaunlicher, betrachtet man die lange Geschichte der Unterdrückung weiblicher Fußballspielerinnen. Fußball galt seit seiner Entstehung als männliche Domäne und war innerhalb des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) bis 1970 verboten.

Bereits 1921 hatte der englische Fußballverband Frauen ausdrücklich verboten, Fußball zu spielen, da dies angeblich „ungeeignet für Frauen“ sei. Diese Haltung breitete sich global aus. In Brasilien etwa wurde Frauenfußball sogar erst 1941 offiziell verboten und erst 1979 wieder erlaubt.

Tränen nach dem verlorenen EM-Finale 2022.
Tränen nach dem verlorenen EM-Finale 2022. 17,95 Millionen Menschen sahen das Spiel in Deutschland, so viele wie nie zuvor. Das Turnier weckte neue Begeisterung und zeigte vor allem: Frauenfußball kann fesseln.

Verboten und verspottet im Nachkriegsdeutschland

Nach dem Zweiten Weltkrieg blühte die Fußball-Euphorie in Deutschland neu auf – allerdings ohne Frauen. Am 30. Juli 1955 verfügte der DFB, Fußball sei für Frauen unzumutbar. Die Begründungen waren absurde Vorstellungen von verloren gegangener „weiblicher Anmut“.

Dennoch spielten viele Frauen heimlich weiter und trotzten Spott und gesellschaftlichem Druck. Öffentliche Spiele fanden selten statt, und wenn doch, schwankte die mediale Berichterstattung zwischen Empörung, Spott und Sensationslust.

Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.

Porzellan statt Prämien – Symbol der Geringschätzung

Noch lange nach dem symbolträchtigen Sieg von TuS Wörrstadt war echte Gleichstellung fern. Als die deutschen Fußballerinnen 1989 ihren ersten Europameistertitel gewannen, erhielten sie anstelle finanzieller Prämien ein Kaffeeservice – ein Symbol der Geringschätzung.

Der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger lobte zwar den sportlichen Erfolg, merkte jedoch an jedoch, dass Spielerinnen „weiblicher“ auftreten könnten. Diese Aussagen offenbarten tief verwurzelte, sexistische Rollenbilder und machten deutlich, wie weit der Weg zur tatsächlichen Gleichberechtigung noch war.

Pionierinnen und Erfolge im Südwesten

Heidi Mohr, eine der größten Torjägerinnen im deutschen Frauenfußball.
Heidi Mohr, eine der größten Torjägerinnen im deutschen Frauenfußball, im Einsatz für die Nationalmannschaft in den 1990er-Jahren. Mit ihrem Tempo und Torriecher erzielte sie 83 Länderspieltore und wurde 1999 zur Europas Fußballerin des Jahrzehnts gewählt. 2019 starb sie mit nur 51 Jahren in ihrer Geburtsstadt Weinheim in Baden-Württemberg.

Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wurden dennoch zu bedeutenden Regionen für die Entwicklung des Frauenfußballs. Heidi Mohr aus Weinheim in der Kurpfalz, später zur europäischen Fußballerin des Jahrhunderts gekürt, gewann 1993 mit dem TuS Niederkirchen die deutsche Meisterschaft und inspirierte unzählige junge Mädchen.

In Baden erreichte der SC Klinge Seckach 1996 sogar das DFB-Pokalfinale. Diese regionalen Erfolge halfen entscheidend, Frauenfußball gesellschaftlich zu etablieren und sichtbarer zu machen.

Fakten, Zahlen und heutige Realitäten

Heute erlebt der Frauenfußball eine neue Blütezeit, doch Statistiken offenbaren weiterhin bestehende Ungleichheiten:

Laut FIFA erhielten die Siegerinnen der Frauen-WM 2019 insgesamt 4 Millionen US-Dollar, die Männer hingegen bei der WM 2018 stolze 38 Millionen US-Dollar.

Der DFB vergibt für weibliche und männliche Nationalspieler*innen noch immer unterschiedliche Prämien, obwohl andere Verbände wie Norwegen, England und die USA mittlerweile Equal Pay eingeführt haben.

In Deutschland liegt die durchschnittliche TV-Übertragungszeit für Frauenfußball weit unter dem Männerfußball, der die Sportberichterstattung dominiert.

Frauen sind in Führungspositionen im deutschen Fußball stark unterrepräsentiert: Nur rund sieben Prozent des Top-Managements sind weiblich (Quelle: Inklusion-fussball.de).

Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft am 1. Juli 2025
Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft am 1. Juli 2025: Sie stehen für Tempo, Technik – und den langen Weg zur Anerkennung. Heute füllen ihre Spiele Stadien und ziehen Millionen vor die Bildschirme. Doch auch 2025 kämpfen die Spielerinnen noch um gleiche Bezahlung, Sichtbarkeit und Einfluss im Fußballgeschäft.

Die nächsten Schritte zur Gleichstellung

Um diese Defizite anzugehen, braucht es umfassende Maßnahmen: Gleiche Prämien und Gehälter müssen der Standard werden. Förderprogramme speziell für Trainerinnen, Schiedsrichterinnen und Managerinnen sind essenziell. Medien, Sponsoren und Fußballverbände müssen Frauenfußball deutlich stärker in den Fokus rücken.

Der DFB hat dazu konkrete Ziele definiert: Bis 2027 soll die Anzahl aktiver Spielerinnen, Trainerinnen und Schiedsrichterinnen um 25 Prozent steigen. Zudem strebt der Verband einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent in Gremien, im Hauptamt und in Kommissionen an (Quelle: DFB Strategiepapier).

Darüber hinaus müssen strukturelle Hindernisse wie unzureichende Trainingsplätze, fehlende finanzielle Unterstützung und mangelnde Präsenz in Entscheidungsgremien konsequent beseitigt werden. Die Förderung junger Talente und die Sicherstellung gleicher Zugänge zu Ressourcen sind unerlässlich.

Ein bemerkenswertes Zeichen aus Dänemark

Ein eindrucksvolles Zeichen setzten die dänischen Fußballer: Das Männer-Nationalteam lehnte 2024 eine Gehaltserhöhung ab, um die Gleichstellung des Frauenteams finanziell zu ermöglichen. Anfang 2025 hat sich das Frauenteam dann sich mit dem dänischen Verband auf eine Angleichung der Siegprämien geeinigt. Diese solidarische Haltung macht deutlich, wie wichtig es ist, dass auch Männer aktiv für Gleichberechtigung eintreten.

Auch der DFB hat mittlerweile die Prämien für die deutschen Fußballerinnen bei der Frauen-EM 2025 deutlich erhöht. Im Falle eines Titelgewinns erhält jede Spielerin 120.000 Euro, doppelt so viel wie noch bei der Europameisterschaft 2022

Der Fußballplatz bleibt ein wichtiger Schauplatz gesellschaftlicher Veränderungen – und solange hier Ungleichheit besteht, dauert der Kampf um echte Gleichstellung an.

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