Zwischen Alpha-Männern und Incel-Foren

Neue Inszenierung von Männlichkeit: Fünf Medien über die Manosphere

Vom Alpha-Male bis zum Incel: Comics, Bücher, Dokumentationen und Serien erkunden, warum alte Männerbilder im digitalen Zeitalter neue Kraft gewinnen.

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Von Autor/in Helen Roth

Louis Theroux: Inside The Manosphere
Louis Theroux: Inside The Manosphere Everett Collection

Die neue Inszenierung des starken Mannes

Der starke Mann erlebt Konjunktur. Ob als Männlichkeitscoach auf TikTok, als Fitness-Influencer auf YouTube oder als autoritärer Politiker auf der Weltbühne: Die Inszenierung von Härte, Dominanz und Unverletzlichkeit ist allgegenwärtig. Im Internet hat sich daraus längst eine eigene Kultur entwickelt: die sogenannte Manosphere.

Der Begriff beschreibt ein loses Netzwerk aus Foren, Podcasts, Social-Media-Kanälen und Influencer-Profilen, in denen über Männlichkeit, Beziehungen und Geschlechterrollen gesprochen wird. Was als Selbsthilfe für verunsicherte Männer daherkommen kann, verbindet sich nicht selten mit antifeministischen und frauenfeindlichen Weltbildern.

Dass die Manosphere längst mehr ist als ein Nischenphänomen des Internets, zeigt auch die Kultur. Comics, Sachbücher, Dokumentationen und Serien setzen sich zunehmend mit den digitalen Männerwelten auseinander und fragen, warum ihre Erzählungen eine solche Anziehungskraft entwickeln. Fünf Medien, die unterschiedliche Antworten darauf geben.

Wie Männlichkeit zur Bühne wird: „Strong Men von Meikel Mathias

Was macht einen Mann zum „starken Mann“? Dieser Frage nähert sich Meikel Mathias in seinem Sachcomic „Strong Men über Bilder, Symbole und Inszenierungen. Er spannt den Bogen von historischen Herrscherfiguren bis zu heutigen Männlichkeits-Influencern wie Andrew Tate und zeigt, dass das Ideal des starken Mannes häufig auf Dominanz, Kontrolle und der Abwertung anderer beruht.

Beispielseite: „Strong Men. Die zerstörerische Kraft fragiler Männlichkeit“ – Sachcomic zeigt Meikel Mathias
„Strong Men. Die zerstörerische Kraft fragiler Männlichkeit“ – Sachcomic von Meikel Mathias Pressestelle avant-verlag

Der Comic interessiert sich dabei weniger für einzelne Skandale als für die kulturellen Mechanismen dahinter. Männlichkeit erscheint als Performance – als Rolle, die immer wieder neu inszeniert und vermarktet wird. Wer Männern einredet, sie seien nicht erfolgreich, nicht durchsetzungsfähig oder nicht männlich genug, kann ihnen anschließend die vermeintliche Lösung verkaufen.

Besonders spannend ist der Blick auf die Bildsprache des Internets. Meikel Mathias zeigt, wie Memes und Humor die Grenzen des Sagbaren verschieben können. Und warum diskriminierende Botschaften gerade dann erfolgreich sind, wenn sie als Witz getarnt werden. Sein Comic entlarvt die Inszenierung der „Strong Men“ – und macht deutlich, dass ihre gesellschaftlichen Folgen alles andere als fiktional sind.

Verunsicherung als Geschäftsmodell: „Alpha Boys von Aurel Mertz

Autor und Comedian Aurel Mertz
Der Comedian und Autor Aurel Mertz verbindet in „Alpha Boys – Der Anti-Bro-Code“ Humor mit Recherche und wirft einen Blick auf die Welt der Alpha-Males und Dating-Coaches. Horst Galuschka

Was versprechen die neuen Männlichkeitsgurus und warum finden sie ein Millionenpublikum? Diesen Fragen geht Aurel Mertz in seinem satirischen Sachbuch-Debüt „Alpha Boys – Der Anti-Bro-Code nach. Zwischen Selbstversuch und Recherche taucht er in die Welt von Dating-Coaches, Motivationsrednern und Bro-Influencern ein, die Erfolg bei Frauen, finanziellen Wohlstand und ein überlegenes Männerbild verkaufen.

Das Buch zeigt, dass die moderne Männlichkeitsindustrie von Unsicherheit lebt. Erst wird das Gefühl erzeugt, den Anforderungen an den „echten Mann“ nicht zu genügen, dann werden Coachings, Onlinekurse oder exklusive Communitys als Ausweg präsentiert. Mertz beschreibt diese Welt mit Humor, verliert dabei aber nie den Blick für ihre gesellschaftliche Dimension.

Der Blick in eine digitale Parallelwelt: „Louis Theroux: Inside the Manosphere“

Justin Waller und Louis Theroux
Für seine Dokumentation „Inside the Manosphere“ trifft Louis Theroux (rechts) auf den Unternehmer und Influencer Justin Waller, eine der prägenden Figuren der Online-Männlichkeitsszene. Everett Collection

Der britische Dokumentarfilmer Louis Theroux ist bekannt dafür, schwierige Gesprächspartner ohne große Gesten zu befragen. Auch in der Netflix-Doku „Inside the Manosphere“ verzichtet er auf schnelle Urteile und sucht stattdessen das direkte Gespräch mit Vertretern der Szene und ihren Anhängern.

Gerade diese ruhige Herangehensweise macht die Dokumentation sehenswert. Sie zeigt, dass hinter vielen radikalen Positionen Einsamkeit, Kränkungen und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit stehen können, ohne die frauenfeindlichen und demokratiegefährdenden Aspekte der Ideologie auszublenden. Die Stärke des Films liegt darin, die Denkweisen der Manosphere sichtbar zu machen, statt sie nur von außen zu beschreiben.

Louis Theroux: Inside The Manosphere | Offizieller Trailer | Netflix

Kartografie eines Netzwerks: „Männer, die Frauen hassen“ von Laura Bates

Die feministische Schriftstellerin Laura Bates
Mit „Männer, die Frauen hassen“ hat die britische Autorin Laura Bates eine der bekanntesten Analysen der Manosphere und ihrer Netzwerke vorgelegt. ZUMA Press

Die britische Autorin Laura Bates gehört zu den wichtigsten Stimmen, wenn es um digitale Frauenfeindlichkeit geht. Für ihr Buch „Männer, die Frauen hassen“ hat sie über Jahre zu Incels, Pick-up-Artists und Männerrechtsaktivisten recherchiert und ihre Netzwerke untersucht.

Bates macht deutlich, dass die Manosphere kein Sammelsurium isolierter Internetgruppen ist, sondern ein eng verflochtenes System gemeinsamer Erzählungen. Frauenfeindlichkeit, Verschwörungsideologien und antifeministische Positionen greifen ineinander und finden über soziale Medien immer neue Verbreitungswege. Ihr Buch ist weniger Bestandsaufnahme als Landkarte einer digitalen Parallelwelt.

Was passiert, wenn das Internet ins Kinderzimmer kommt?: Serienerfolg „Adolescence“

Nicht jede Auseinandersetzung mit der Manosphere ist dokumentarisch. Die Serie britische Mini-Serie „Adolescence“ nähert sich dem Thema über eine fiktionale Geschichte und richtet den Blick auf Jugendliche, deren Vorstellungen von Männlichkeit zunehmend im digitalen Raum entstehen.

Die Serie interessiert sich weniger für die Mechanismen sozialer Netzwerke als für ihre Auswirkungen auf Familien, Freundschaften und die Identitätsfindung junger Menschen. Sie liefert keine einfachen Erklärungen für Radikalisierung, macht aber sichtbar, dass die Konflikte der digitalen Welt längst Teil des Alltags geworden sind.

Wie die Kultur auf die Manosphere blickt

Die vorgestellten Medien suchen nicht nach der einen Erklärung für die Manosphere. Sie erzählen von Einsamkeit und Macht, von Identität und Inszenierung, von digitalen Geschäftsmodellen und alten Rollenbildern in neuer Verpackung.

Gerade darin liegt ihre Stärke. Sie machen deutlich, dass die Manosphere nicht am Rand des Internets entstanden ist, sondern mitten in patriarchal geprägten Machstrukturen, die Männlichkeit immer wieder neu entwerfen und vermarkten.

Sachcomic über die Manosphere „Strong Men“ – Warum performative Männlichkeit nicht stark ist

Meikel Mathias entlarvt in seinem Sachcomic, wie Männlichkeitsideale performt und vermarktet werden – von Alexander dem Großen über Donald Trump bis Andrew Tate.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Männlichkeiten in der Krise „Donald Trump ist die perfekte Definition eines Alpha Boys“ – Aurel Mertz über sein neues Buch

Alpha Boys inszenieren sich auf Social Media als harte, unangreifbare Männer. Der Stuttgarter Comedian hat auf Bali Teilnehmer eines Alpha-Coachings getroffen – und Zweifel statt Stärke gefunden.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Männer, ran an die Gefühle! Ole Liebl ruft mit „Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle“ zu einer Trendwende der Maskulinität auf

Angesichts der steigenden Gewalt gegen Frauen, braucht es ein Umdenken der Männer und einen Ausstieg aus dem Teufelskreis von Maskulinität, schreibt Ole Liebl in seinem neuen Buch.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Essay I’m gonna kill that woman – Femizide in der Kunst

Barbara Kaufmann durchkämmt die Kunst der vergangenen Jahrhunderte nach Rolemodels von eifersüchtigen, rachsüchtigen, gewalttätigen Männern. Von Barbara Kaufmann

Essay SWR Kultur