Eklat bei Berlinale
Die Chefin der Internationalen Filmfestspiele Berlin, Tricia Tuttle, steht unter massivem politischen Druck. Auslöser war eine umstrittene Rede bei der diesjährigen Preisverleihung: Der palästinensisch-syrische Regisseur Abdallah Alkhatib warf in seiner Dankesrede der Bundesregierung vor, „Partner des Völkermordes im Gazastreifen“ zu sein.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat der Berlinale-Chefin indirekt vorgeworfen, sie habe antisemitischen Positionen eine Bühne geboten beziehungsweise sich nicht klar genug davon distanziert. Nach Berichten über eine mögliche Entlassung Tuttles erklärte die Berliner Aufsichtsgesellschaft der Berlinale nun nach einer Sondersitzung, dass sie ihren Posten behalten werde.
Keine Kritik auf Bühnen ist „sehr deutscher Anspruch“
Der Leiter der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, hebt in der Debatte um Berlinale-Chefin Tricia Tuttle die Bedeutung der Meinungsfreiheit hervor. Im Gespräch mit SWR Kultur sagte Mendel, es sei ein „sehr deutscher Anspruch“, dass „bestimmte Kritik auf einer Bühne nicht ausgesprochen werden dürfe“, „egal von wem“.
Man müsse davon ausgehen, so Mendel, „dass Inhalte ausgesprochen werden, die wir auch empörend finden.“ Dazu gehöre der Vorwurf, Deutschland sei „Mittäter des Völkermordes“. Natürlich sei das eine falsche Anschuldigung. Dennoch müsse man es akzeptieren, dass solche Auffassungen geäußert würden: „Das gehört zu Kunst- und Meinungsfreiheit.“
Fragwürdiges Signal an die Kultureinrichtungen
Die Spekulationen um Tuttles Entlassung wertete Mendel als fragwürdiges Signal „an alle Kultureinrichtungen und Festivals“ in Deutschland, „dass sie ab sofort für jedes Wort, das dort gesagt würde, „direkt verantwortlich sind.“ Dies könne zu Gesinnungsprüfungen führen, so Mendel. Man müsse fragen, wie so etwas stattfinden solle.
Unter diesen Umständen mache er sich große Sorgen, ob internationale Festivals in Kunst- und Kulturbetrieben in Deutschland überhaupt möglich seien.