Ob in den USA oder auch direkt vor der Haustür: Längst etabliert geglaubte Grundsätze wie Freiheit, Demokratie und Sicherheit scheinen sich in den letzten Jahren immer mehr aufzuweichen.
Eine, die dieses Phänomen kennt und tiefgründig untersucht hat, ist Hannah Arendt. Kein Wunder also, dass etwa der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann sie als große Inspiration für seine Politik bezeichnet.
Aktive Politik und die Leitlinien einer Vordenkerin „Der Sinn von Politik ist Freiheit“ – Winfried Kretschmann über Hannah Arendt
In seinem neuen Buch gleicht Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann seine politische Arbeit mit Hannah Arendts Leitlinien für politisches Handeln ab.
Ein unkonventionelles Leben
Schon Arendts Biografie lässt erkennen, dass die gebürtige Hannoveranerin kein konventionelles Leben führte. Als Jüdin floh sie 1933 vor dem Nazi-Regime aus Deutschland, geriet in Frankreich in Gestapo-Haft und emigrierte schließlich in die USA, wo sie unter anderem als Aktivistin und Journalistin wirkte und 1951 die US-Staatsbürgerschaft erhielt.
Anders als viele, die aus Hitler-Deutschland geflohen waren, setzte sie sich auch nach dem Krieg mit den Ursachen und Bedingungen dieser Katastrophe der deutschen Geschichte auseinander. Arendt wollte verstehen.
„Banalität des Bösen“
So forschte und schrieb sie unermüdlich zu der Frage, was genau ein Land in den Totalitarismus führte. Denn eines war für sie spätestens klar, nachdem sie als Korrespondentin die Eichmann-Prozesse in Jerusalem mitverfolgt hatte: Das Böse war kein Dämon, der Unschuldige heimsuchte, sondern entstand aus dem gedankenlosen Gehorsam von vielen. Arendt prägte den Begriff der „Banalität des Bösen“.
Kinodoku über Hannah Arendt: „Denken ist gefährlich“
Einen Ursprung sieht Arendt in der modernen Massengesellschaft. Vereinfacht ausgedrückt sorgt hier die Masse an Menschen für einen Verlust der Individualität bei gleichzeitiger Isolation des Einzelnen. Damit ist aus ihrer Sicht der Nährboden für aufkeimenden Totalitarismus geschaffen. Dass der Wunsch nach Zugehörigkeit und Gesehen-werden viele Menschen in die Arme populistischer Parteien und Meinungsführer treibt, zeigte sich damals genauso wie heute.
Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt, […] ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit.
„Denken ohne Geländer“
Ein großes Credo Arendts ist deswegen das „Miteinander-Reden“, der ständige Austausch in Gesellschaft und Politik. Arendt zählte sich niemals zu einem bestimmten Lager und warb immer für ein „Denken ohne Geländer“.
Dabei schreckte sie niemals davor zurück, Schuldige zu benennen, auch wenn sie dadurch Freundschaften und Sympathien aufs Spiel setzte: Ihre Aussage etwa, ohne die Unterstützung der Judenräte hätte es den Holocaust in diesem Ausmaß nicht gegeben, brachte ihr viel Kritik ein.
Stattdessen setzte Arendt auf radikale Selbstverantwortung. Als sie als Korrespondentin den Prozess gegen Eichmann mitverfolgt, entsetzt sie dessen Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen seiner Taten: Er habe ja nur Befehle befolgt, betont dieser immer wieder. Arendt schreibt daraufhin:
Trotz der Bemühungen des Staatsanwalts konnte jeder sehen, dass dieser Mann kein „Ungeheuer“ war, aber es war in der Tat sehr schwierig, sich des Verdachts zu erwehren, dass man es mit einem Hanswurst zu tun hatte.
Politik ist Aufgabe der Gesellschaft
Für Arendt ist klar: Erst der blinde Gehorsam vieler ist es, der das Böse möglich macht. Statt also vor einer aufkommenden Strömung in Resignation zu verfallen, erinnert sie, bis heute hochaktuell, an die Kraft des Handelns, wozu für sie auch das Reden zählt.
Politik, so ihre Überzeugung, sollte nicht an einzelne Spitzen abgegeben werden, sondern in der Gesellschaft stattfinden. Erst daraus resultierten Freiheit und Mitbestimmung.
Einen „öffentlicher Raum der Freiheit" forderte Arendt, um Prinzipien wie Demokratie und Menschenrechte zu erhalten. Noch oder gerade heute finden ihre Ideen deswegen großen Anklang.