Baden-Württembergs Ministerpräsident über ein großes Vorbild

„Geistig-politischer Leitstern“ – Winfried Kretschmann über Hannah Arendt

Als eine „geistige Heimat“ bezeichnet der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Philosophin Hannah Arendt. Über seine „Hausheilige“ hat er nun ein Buch geschrieben.

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Stand

Hannah Arendt habe ihn in den 1970er-Jahren aus einem linksradikalen Weltbild befreit, sagt der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90 / Die Grünen) heute rückblickend. Arendts Buch über den Totalitarismus habe ihm schließlich die Augen geöffnet.

„Darum war dieses Buch natürlich nicht nur erhellend, sondern auch im Widerspruch dazu“, sagt der Politiker im Gespräch mit SWR Kultur. „Das gab mir Gott sei Dank zu denken und war, glaube ich, ein wichtiger Anstoß, mich auch davon zu lösen.“

Arendts „Politik des Gehörtwerdens“ prägt Kretschmanns Politikverständnis

Arendts Werke seien kein Rezeptbuch für die Alltagspolitik, so Kretschmann: „Es ist ja eine Grundierung für die langen Linien.“ Für sein politisches Verständnis sei vielmehr ihre „Politik des Gehörtwerdens“ prägend gewesen.

Als politische Stimme habe Arendt leidenschaftlich dafür geworben, dass Bürgerinnen und Bürger auch zwischen den Wahlen die Möglichkeit haben, am Streit über das, was gemacht werden soll, teilzuhaben. Sie forderte, dass in einer Demokratie auch zwischen den Wahlen die Möglichkeit bestehen müsse, auf den Gang der Dinge einzuwirken.

Hannah Arendt wärend eines Vortrags über autoritäre und totalitäre Staatsformen im Jahr 1955 in Berlin.
Hannah Arendt wärend eines Vortrags über autoritäre und totalitäre Staatsformen im Jahr 1955 in Berlin. 1951 nahm die 1906 bei Hannover geborene Jüdin die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an. akg-images / Gert Schuetz

Kretschmann betrachtet die Politikverdrossenheit mit Sorge

Dass sich Menschen angesichts der weltweiten Krisen von der Politik abwenden, sieht Kretschmann mit Sorge. Wenn dem so sei, dann sei es ein Ausdruck dafür, dass die Menschen den Geschmack an der Freiheit ein Stück weit verloren hätten.

Wenn Menschen handeln, wenn sie einer Idee folgen und dann gemeinsam handeln, dann entsteht Macht und damit Wirksamkeit. Und das ist ja der Kern der Bürgergesellschaft.

Das bedeute, dass sich das Verhältnis zwischen Staat, Markt und Bürgergesellschaft immer wieder neu sortiere. Die Bürgerschaft als dritte Größe spiele bei Arendt eine ganz andere Rolle als in vielen klassischen Theorien über den Staat und seine Bürger.

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Fakten und Meinungen müssen unterschieden werden können

Ebenfalls mit Sorge betrachtet Kretschmann die Tendenz in der aktuellen Debattenkultur, dass Engagement und Haltung schnell Shitstorms oder Skandale heraufbeschwören. Hannah Arendt sah den öffentlichen Raum als eigentlichen Ort dieses politischen Handelns, so der Ministerpräsident.

„Da findet alles statt“, so Kretschmann. „Wenn dieser Ort nicht mehr funktioniert, dann gerät die Demokratie, ja die ganze Gesellschaft, in Gefahr. Deswegen ist dieser öffentliche Raum so wichtig. Dazu gehört zum Beispiel, dass er funktioniert, dass man Fakten von Meinungen unterscheidet.“

Jeder Bürger muss um die Wahrheit kämpfen

Jeder Bürger müsse engagiert um die Wahrheit kämpfen, fordert Kretschmann, auch mit Blick auf die aktuelle politische Situation in Washington: „Wenn Sie mal jetzt in die USA schauen, dann sehen Sie die massiven Angriffe auf die Wissenschaft und die Wissenschaftsfreiheit.“

Wenn man geschichtliche Tatsachen einfach negiert, dann geht es ans Eingemachte. Darum müssen wir erstmal alle kämpfen, denn das ist die Grundlage für den politischen Raum.

Darüber hinaus fordert Kretschmann eine bessere Debattenkultur: Man dürfe sein Gegenüber nicht diskreditieren. „Das heißt, dass wir aus dem politischen Gegner keinen Feind machen.“ Das sei Hannah Arendt sehr wichtig gewesen. Doch in den sozialen Medien machten viele genau das Gegenteil: „Andere einfach persönlich zu diskreditieren oder schlimmeres: sie mit Hass- Tiraden richtig auszugrenzen.“

Mit seinem Buch habe er versucht, die „großartige politische Denkerin Hannah Arendt“ für Leute greifbar zu machen, die sich mit ihr bislang nicht beschäftigt haben. Sein Buch sei eine Art Einführung in ihre politische Theorie. Danach könne man auch selbst Hannah Arendt lesen, selbst wenn deren Texte durchaus schwierig sind.

Stuttgart

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In seinem neuen Buch gleicht Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann seine politische Arbeit mit Hannah Arendts Leitlinien für politisches Handeln ab.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Martin Gramlich
Martin Gramlich, SWR Kultur Moderator
Interview mit
Winfried Kretschmann Ministerpräsident von Baden-Württemberg
Onlinefassung
Dominic Konrad