Finanziert von Peter Thiel

Mehr als Privatinseln für Superreiche – „Seasteading“-Bewegung lehnt den Staat ab

„Das ist nur eine Freiheit für Leute, die sich das leisten können“, sagt der Soziologe Andreas Kemper über die „Seasteading“-Bewegung. Diese Bewohner künstlicher Inseln auf dem Meer sehen sich als Flüchtlinge vor staatlicher Überregulierung. Dahinter steckt der reine Kapitalismus.

Teilen

Stand

Von Autor/in Pia Masurczak

Eine künstliche Insel auf dem offenen Meer

Chad und Nadia lassen die Korken knallen auf ihrer weißen Schachtel mitten im Meer. 20 Quadratmeter schaukelnde Freiheit Ein Leuchtfeuer für Freiheitsliebende überall, ein historischer Moment sei dieses achteckige Konstrukt, das drei Meter über seinen Pontons aus dem Wasser ragt.

Chad und Nadia haben sich ein Seastead gebaut: Eine kleine, künstliche Insel auf dem offenen Meer. Und möglichst bald sollen es mehr werden. Aber nicht nur wegen der schönen Aussicht.

Eine Community sehr reicher Menschen

Das gesamte Seasteading-Konzept soll eine bessere Regierungsführung bringen: Das eigene Business würde wachsen, weil man sich in einem intelligenteren System befinde – im Gegensatz zu all den Blockaden, die gegenwärtige Regierungen einem auferlegten.

Das erhoffen sich die beiden und mit ihnen eine Community meist sehr reicher anderer Menschen. In der Theorie geht das grob gesagt so: Außerhalb der staatlichen Hoheitsgewässer und Wirtschaftszonen gelten laut den Seasteadern keine Gesetze und Vorschriften. Also könne man sich da vom Ballast staatlicher Überregulierung befreien.

Flucht vor vermeintlich dysfunktionalen Regierungen

Der Mitgründer des Seasteading Institutes, Joe Quirk, sieht sich in illustrer Tradition. Schließlich gebe es Seasteading schon seit Jahrzehnten, doch die meisten Menschen wüssten nichts davon.

Die USA seien ein riesiges Floß gewesen, auf das Menschen aus dysfunktionalen Regierungen kommen konnten, die bessere Ideen hätten ausprobieren können.

Dahinter steckt der reine Kapitalismus

„Das ist nichts Neues“, sagt der Soziologe Andreas Kemper. „Hier ist aber das Neue der reine Kapitalismus dahinter. Unternehmern soll nichts mehr im Wege stehen.“

Kemper hat sich die Bewegung genauer angeschaut. Und die Akteure dahinter: Unter den Gründern des Seasteading Institutes, das die Idee vermarktet, ist Patri Friedman, Enkel von Milton, dem einflussreichen Wirtschaftswissenschaftler der Chicagoer Schule.

Peter Thiel ist der große Geldgeber

Finanziert wird das Institut unter anderem von – wen wundert’s – Peter Thiel, dem deutschstämmigen Investor mit großer Nähe zu Donald Trumps MAGA-Bewegung. Den klassischen Staat inklusive Staatsbürgerschaft, aber auch seinen sozialen oder ökologischen Leitplanken für die Wirtschaft, lehnen die Seasteading-Vertreter ab, sagt Kemper.

„Die künstlichen Inseln sollen ein ganz neues Modell mit sich bringen: Die sprechen davon, dass das die wirkliche Demokratie sei. Das ist dann allerdings nur eine Freiheit für die Leute, die sich das auch leisten können“, sagt Kemper.

Bewohnbare künstliche Inseln bleiben Zukunftsmusik

In der Praxis ist es dann doch ein bisschen komplizierter. Seasteads gibt es derzeit nicht. Technisch sind dauerhaft bewohnbare, sturmsichere und bepflanzbare künstliche Inseln noch nicht so recht ausgereift.

Vorerst könne man auf ausgediente Kreuzfahrtschiffe oder Ölplattformen ausweichen, schlagen manche Seasteader vor. Und juristisch ist das Ganze auch nicht so klar wie es scheint, denn die Ozeane sind kein rechtsfreier Raum.

Polizei und Justiz vorerst unersetzlich

Außerdem will man sich vom Schutz, den Polizeibehörden und ein Justizsystem an Land bringen, nicht so schnell verabschieden. Erst einmal tendiert die Bewegung eher in Richtung Privatstadt, errichtet auf festen Untergrund, an Land.

Chad und Nadia übrigens wurden ziemlich bald von der thailändischen Marine verjagt, ihre Mini-Insel an Land geschleppt. Aber der Traum, der lebt.

Parallelgesellschaft Privatstädte – Libertäre Utopie als Geschäftsmodell

Keine Verfassung, keine demokratische Mitsprache. Dafür keine Steuern und ein Vertrag mit dem Betreiber der Privatstadt, der Dienstleistungen garantiert und sich möglichst reiche Mitbewohner aussucht.

Das Wissen SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Pia Masurczak
Pia Florence Masurczak