Kommentar

„United States of Angst“ – Gayle Tufts über Amerika, Trump und ihre innere Zerrissenheit

Seit über 30 Jahren lebt die US-amerikanische Entertainerin und Autorin Gayle Tufts in Deutschland. Ihr Kommentar erzählt von Heimatliebe, Trump-Frust, Antiamerikanismus und der Frage, was uns noch verbindet.

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Von Autor/in Gayle Tufts

Persönlich nie Antiamerikanismus erlebt

Ich wohne seit über 30 Jahren in Deutschland und bin immer noch (doch) Amerikanerin. Ich bin immer wieder von meinen deutschen Freunden leicht enttäuscht, wenn ich auf mein herzliches „Hey, wie geht’s?“ ein blasses „Muss ja“ als Antwort bekomme. Aber – ich habe persönlich nie ein Problem mit Antiamerikanismus erlebt. 

In Berlin habe ich jahrelang mehrmals Cowboystiefel tragende Deutsche getroffen, die einen viel positiveren Blick auf die USA hatten als ich. Grand Canyon! Las Vegas! Miami! Sie hatten mit ihrem Campingwagen Orte besucht, von denen ich bisher nur gehört hatte, und waren begeistert von der Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft meiner Landesbrüder- und Schwestern.

Ich werde niemals das Mitgefühl und die Fürsorge meiner deutschen Nachbarn vergessen, welche mir nach den Terroranschlägen vom 11. September angeboten wurden, oder den überbordenden Enthusiasmus um die Siegessäule beim ersten Berlin-Besuch von Kandidat Barack Obama, oder die schier unersättliche Deutsche Vorliebe für Burger, Pancakes, Dunkin Donuts und Kim Kardashian.

Entertainerin Gayle Tufts schmunzelt in die Kamera.
Gayle Tufts: Seit Wochen tut mein Rücken weh – und ich gebe Donald Trump die Schuld.

Karriere als „In-Deutschland-lebende-Amerikanerin“

Ich habe meine Karriere als „In-Deutschland-lebende-Amerikanerin“ aufgebaut, auf die „Never-To-Be-erschütternde“ transatlantische Freundschaft.

Aber heute leben wir in einer – wie kann ich dass auf Gutdeutsch sagen? – „Crazy Fucked-Up-Welt“. Donald Trump verwandelt die USA in Schwindel erregendem Tempo in eine faschistische Diktatur – „The United States of Angst“ –  und ich finde es really schwierig nicht antiamerikanisch zu sein.

Seit Wochen tut mein Rücken weh – und ich gebe Donald Trump die Schuld. 

 Freiheit und Gerechtigkeit nicht mehr für alle

Ich habe eine Art seelisches Schleudertrauma – ich bin hin- und hergerissen. Auf der einen Seite die Liebe für meine Heimat und ihre ursprünglichen Werte: Life, Liberty and the Pursuit of Happiness! Auf Deutsch: Leben, Freiheit und das Streben nach Glück – oder das Versprechen „of the Pledge of Allegience“, der Treueschwur, den wir als Kinder jeden Tag in der Schule rezitierten – Liberty and Justice für all!

Aber Freiheit und Gerechtigkeit sind nicht mehr zugänglich für alle in Trumps USA. Schauen sie sich einfach die Bilder aus Minnesota an, wo ICE, die Einwanderungs-Gestapo – ah, Polizei – amerikanische Bürger kaltblütig tötet. Es tut meiner Seele weh und meinem Rücken auch.

Dieses Jahr Schwarzwald statt Grand Canyon

Meine Osteopathin hat mich mit Physiotape zusammengeklebt, aber was kann meine Seele und die transatlantische Beziehung zusammenhalten?

Wenn Kritik an der Trump-Regierung antiamerikanisch ist, müssen wir jetzt alle antiamerikanisch sein und widerständige Fantasie haben. Müssen Fußballmannschaften in die USA fahren, wenn am Ende doch nur Trump den Pokal gewinnt?

Oder dieses Jahr Schwarzwald statt Grand Canyon? Oder Stuttgart statt Miami? Finden wir einen Weg zusammen? Muss ja.

 

Rheinland-Pfalz

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