Die Diskussion ist nicht neu. Seit Jahren wird darüber geredet, ob man weiter auf X bleiben sollte. Der Diskurs hat sich dort merklich nach rechts verschoben, dazu wird die App von KI-Bots geflutet. Und auch vor Pornografie kann man sich dort nicht retten, seit Elon Musk den Kurznachrichtendienst, ehemals bekannt als Twitter, übernommen hat.
Europa unabhängig(er) machen
Kurz: Es spricht viel für das, was SPD, Grüne und die Linke Anfang Mai getan haben, nämlich X zu verlassen. Nur wohin? Genauso lange wie über die Fehlentwicklungen bei X diskutiert wird, genauso lange wird die Notwendigkeit einer rein europäischen Plattform beschworen. Vor allem seit dem zweiten Amtsantritt von Trump sei ihr dieses Projekt immer dringlicher vorgekommen, sagt Anna Zeiter am Telefon.
Die Juristin, die sich jahrelang bei eBay um den Datenschutz gekümmert hat, ist Geschäftsführerin von „W Social“, einem schwedischen Startup, das das nicht gerade bescheidene Ziel hat, eine eigene Alternative zu X auf den Markt zu bringen. „Europa muss unabhängiger werden“, sagt sie. Seit diesem Wochenende ist sie diesem Ziel einen Schritt näher: Am 9. Mai startete die erste Testphase für das Projekt.
Garantiert menschliche Accounts
Zeiters Idee: ein europäischer Kurznachrichtendienst, geführt nach europäischem Recht, gehostet auf europäischen Servern und – ganz zentral – mit ausschließlich menschlichen Accounts. „Wir hatten den Eindruck, dass es auf den existierenden Social Media-Plattformen eine zunehmende Anzahl von KI-Bots gibt, die den Diskurs bestimmen“, so die Juristin. Auf „W Social“ ist deshalb ein Verfikationsverfahren verpflichtend.
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Wer sich einen Account machen möchte, der muss seinen Ausweis abfotografieren und einem Videoabgleich mit dem eigenen Gesicht zustimmen. Keine kleine Hürde. Zeiter betont jedoch, dass diese Daten nach der Verifizierung sofort gelöscht werden. Entscheidend ist nur der einmalige Beweis, dass hinter dem Account ein Mensch steckt und der User über 18 Jahre alt ist.
Auch Anonymität ist weiter möglich
Auch anonyme Accounts sollen möglich sein, erklärt Zeiter. Wichtig vor allem für Userinnen und User, die sich aus Diktaturen zu Wort melden. Bisher habe sie Anmeldungen aus über 180 Ländern erhalten, sagt sie. Das Interesse an der App ist anscheinend groß. Und Zeiter hofft auf ein schnelles Wachstum – immerhin benutzt W Social das gleiche Datenprotokoll wie zum Beispiel Bluesky oder Eurosky.
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Viele X-Nutzer wollen die Plattform endgültig verlassen. Nur wohin? Warum sich noch keine alternative Plattform etablieren konnte – und wie sich dies ändern ließe.
Wer eine dieser Messenger-Apps nutzt, der wird in Zukunft also auch Content von W Social angezeigt bekommen. Immerhin 40 Millionen potentielle Nutzerinnen und Nutzer könne man so ab sofort erreichen, sagt Zeiter. „Und das bringt uns natürlich eine gute kritische Masse, mit der man anfangen kann.“
Gute Kontakte in die Politik
Außerdem ein Vorteil: Zeiter ist gut vernetzt. Im Januar konnte sie das Projekt zum Beispiel beim Weltwirtschaftsforum in Davos vorstellen. Da helfen die richtigen Kontakte. Wie zum Beispiel der zu Philipp Rösler, der ehemalige deutsche Wirtschaftsminister und Vizekanzler (FDP), der im Beirat von „W Social“ sitzt.
Unter den Gründerinnen und Gründern sind außerdem zwei ehemalige schwedische Minister. Dazu kommen Investoren aus verschiedenen Europäischen Ländern. Größter Anteilseigner ist „We Don't Have Time“, eine schwedische Plattform, die sich für Klimaschutz einsetzt.
Das ganze politische Spektrum abbilden
Die Hauptgeldgeber kommen also eher aus dem progressiven politischen Spektrum – das bedeute jedoch nicht, dass „W Social“ eine bestimmte politische Agenda verfolge, betont Zeiter: „Wir wollen zeigen, dass es mehr als die linksalternative Bubble gibt. Ich glaube, das ist in Zeiten von politischer Fragmentierung und Polarisierung wichtig. Und wir hätten auch gerne mehr Nutzerinnen und Nutzer aus dem konservativen Spektrum.“
Zeiter hat deshalb auch zu Kontakt zu konservativen Medienhäusern aufgenommen. Das gesamte politische Spektrum wollen sie abbilden, sagt sie. Allerdings will sie es den Userinnen und Usern überlassen, ob sie dieses Spektrum angezeigt bekommen oder nicht. Jeder Nutzer soll in der Lage sein, seinen Algorithmus entsprechend anzupassen.
Ob das gelingt, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Anfang 2027 soll die App für alle verfügbar sein.