SWR1 Sonntagmorgen vom 01. Februar 2026

Warum wir Bargeld brauchen - Ein Appell der Wohlfahrtsverbände

Bezahlen mit EC-Karte oder mit dem Handy, Überweisungen via Online-Banking. In einer immer digitaleren Finanzwelt appellieren Wohlfahrtsverbände: Das Bargeld muss bleiben!

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Stand

Von Autor/in Leonore Kratz

Für bestimmte Menschen-Gruppen sei Bargeld essentiell, betont Michael David von der Diakonie Deutschland. Er leitet das Zentrum Soziales und Beteiligung und denkt beispielsweise an obdachlose Menschen. Sie verkauften vielleicht Straßenzeitungen oder bekämen von Passanten etwas Geld zugesteckt. Diese Einnahmequellen müssten dann über ein bargeldloses System laufen - die obdachlose Person müsste ein Karten-Lesegerät dabei haben und ein Konto besitzen. Das sei kompliziert, etwa wegen der Kontogebühren.

Bargeld ist soziale Teilhabe, sagte Michael David im Gespräch mit SWR1 Sonntagmorgen. Darum hat die Diakonie Deutschland zusammen mit anderen Verbänden diese Woche ihren Appell an die Bundesregierung geschickt. Unterzeichnet haben beispielsweise auch der Wohlfahrtsverband AWO, das Deutsche Kinderhilfswerk und der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks. Sie fordern ein Gesetz, das sicherstellt, dass Bargeld grundsätzlich als Zahlungsmittel akzeptiert wird.

Bargeld verschwindend schleichend aus dem Alltag

Um es einmal klar zu sagen: Keiner will das Bargeld in Deutschland abschaffen. Aber es ist ein schleichender Prozess. Je mehr Menschen kontaktlos bezahlen und online überweisen, desto mehr Bank-Filialen und Geldautomaten verschwinden aus unserem Alltag, desto mehr Cafés und Läden akzeptieren vielleicht kein Bargeld mehr. Das lässt sich gut in anderen Ländern wie beispielsweise Schweden beobachten, wo selbst kleinste Beträge mit der Karte bezahlt werden.

Michael David von der Diakonie Deutschland fallen viele Situationen ein, die ohne Bargeld schwer vorstellbar seien: Der Flohmarkt für gebrauchte Kinderkleidung, ein Kuchenbasar für die Klassenreise oder eine Spendensammlung in der Kirchengemeinde für Geflüchtete. "Deswegen brauchen wir das Bargeld, damit es für alle Menschen möglichst einfach und unkompliziert ist, Dinge erwerben zu können, die sie täglich brauchen."

Ein Straßenmusiker in einer Fußgängerpassage
Auch für Straßenmusiker ist Bargeld essentiell Picture Alliance

Echtes Geld zum Üben für Kinder und Jugendliche

Ein weiteres Argument für Bargeld sieht Michael David in der Finanzkompetenz bei Kindern und Jugendlichen. Diese müsse gefördert werden. "Es macht einen großen Unterschied, ob ich dem Kind ein kleines Taschengeld gebe und das Kind erfährt, was Geld bedeutet, oder irgendwas auf eine Karte drauf buche und das Kind das dann entsprechend ausrechnen muss." Bargeld sei ein niedrigschwelliger und sinnlicher Zugang, Kinder sollten mit echtem Geld den Umgang lernen.

Ein Junge zählt sein Taschengeld
Bargeld kann eine sinnliche Lernerfahrung für Kinder sein Picture Alliance

Bargeld könne auch Freiheit bedeuten, so Michael David. Zum Beispiel, wenn man mit seinem Partner ein gemeinsames Konto besitze und dem anderen ein Geburtstagsgeschenk kaufen wolle. Durch die Kartenzahlung sei die Abbuchung möglicherweise schon vorher auf dem gemeinsamen Konto einsehbar und das Geschenk dann keine Überraschung mehr.

Gesetz zum Schutz des Bargelds

Die Wirtschafts- und Sozialverbände wollen mit ihrem Appell nicht die EC-Karte verbieten, betont Michael David von der Diakonie im SWR-Interview. Jeder solle selbst entscheiden, wie er bezahlen möchte, digital oder bar. Im Appell wird ein Gesetz zum Schutz des Bargelds gefordert. Ein Gesetz, das sicherstellt, dass alle Menschen kostenfrei und barrierefrei Zugang zu Bargeld haben - über Geldautomaten oder andere geeignete Lösungen.

Stuttgart

Katholische Kirche Deutschland zieht Bilanz Letztes Treffen des Synodalen Wegs: Was von der Aufbruchsstimmung geblieben ist

Nach sechs Jahren auf dem Synodalen Weg der katholischen Kirche wird in Stuttgart Bilanz gezogen: Was wurde erreicht, was ist gescheitert und wie geht es weiter?

Unser Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen CONTRA Bargeld von Michael Wegmer

Brauchen wir heute noch Bargeld? Nein, sagt SWR-Wirtschaftsredakteur Michael Wegmer.
Auch wenn es das übliche Klischeebild ist, jeder hat es schon erlebt: Eine nette ältere Dame schüttet vorne an der Kasse ihr komplettes Portemonnaie aufs Band und sucht wühlt minutenlang in vergilbten Ein- und Zwei-Cent-Stücke. Dahinter gefühlt immer ich. Und ich frage mich jedes Mal. Warum?!? Warum wird in Deutschland wieder mal nur gemahnt vor der Abschaffung des Bargeldes, während in so vielen anderen Ländern die Menschen längst überwiegend bargeldlos bezahlen, ganz geräuschlos, auch die Älteren? Die Liste der Argumente gegen Bargeld ist endlos: Es erleichtert Geldwäsche. Die Herstellung ist teuer. Es verbraucht Rohstoffe. Es ist unhygienisch. Es kann einfach geklaut werden. Argumente für Bargeld, äh, ja, wenn der Blitz einschlägt, dann sind vielleicht die Kartenterminals kaputt. Einen Tag lang. Es geht hier nicht um die Ausgrenzung von Älteren und sozial Schwächeren. Die sollen mitgenommen werden. Auf dem Weg in eine überwiegend bargeldlose Zukunft. Wie in anderen Ländern. Damit wir nicht auch in diesem Bereich wieder jahrelang hinterherhinken.

Sonntagmorgen SWR1

Unser Standpunkt in SWR1 Sonntagmorgen PRO Bargeld von Jasmina Belardo

Sollen wir das Bargeld abschaffen? Auf keinen Fall, findet Jasmina Belardo aus der SWR-Redaktion Religion, Migration und Gesellschaft.
Ja, auch ich zahle öfter mal mit Karte. Trotzdem will ich nicht auf Bargeld verzichten. Bargeld hilft meinen Kindern den Umgang mit Geld zu lernen. Sie zählen gerne ihr Erspartes, bauen dabei Türme, wie Dagobert Duck und feiern jede Münze, die mit einem Klimpern ins Sparschein fällt. 
Sie erlernen den Umgang mit Geld sichtbar, hörbar und greifbar. Der Wert von Scheinen und Münzen prägt sich ihnen ein.
Bargeld ist für mich ein Kulturgut.
Es sollte geschützt bleiben – und für uns Erwachsene ist es ebenfalls wichtig!  
Viele behalten ihre täglichen Ausgaben mit Bargeld besser im Blick. Das „sichtbare Geld“ verhindert mehr auszugeben als vorhanden ist.
Ist der Geldbeutel leer, muss Neues geholt werden- was mittlerweile nicht nur am Geldautomaten funktioniert, sondern auch an vielen Supermarktkassen.
Außerdem schützt Bargeld die Privatsphäre. Digitale Spuren nach der Zahlung- Fehlanzeige. Da fühle ich mich direkt freier, weniger überwacht. Mein Konsum geht niemanden was an!
Scheine und Münzen sorgen für Unabhängigkeit, für Datenschutz und für soziale Teilhabe. Und zwar für junge wie alte Menschen gleichermaßen. Das Beste daran- es ist immer einsetzbar, (ganz ohne Strom und ohne Internet.) 
Denn nicht nur ein Blitzeinschlag kann einen Stromausfall auslösen, wie wir Anfang des Jahres in Berlin gesehen haben…

Sonntagmorgen SWR1

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Leonore Kratz
SWR-Redakteurin Leonore Kratz
Redakteur/in
Utku Pazarkaya
Porträt Utku Pazarkaya