Mundart-Schauspieler aus Sigmaringen
Winfried Kretschmann – ein Hochstapler? „Schwäbisch gesagt: Die Katz is de Baum nauf.“ Oh ja.15 Jahre lang war dieser begabte Mundart-Schauspieler aus Sigmaringen Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Doch seine landesväterliche Art: War alles nur gespielt?
„Wie soll ich denn diese Frage beantworten? Ich bin doch kein Prophet. Ich bin nur Ministerpräsident.“ Kretschmann weicht aus. Dabei wusste er von Anfang an: Als langweiliger Normalo hat er in der Politik keine Chance.
„Ich werde ja eh schon kritisiert. Zu seriös und zu solide. Zu wenig Aufmachung.“ Kretschmann wusste: Da muss mehr kommen. „Insofern muss man eben einen gewissen Teil vom Klamauk auch mitmachen.“
Ein Grüner im S-Klasse-Daimler
Hat Winfried Kretschmann deshalb die Rolle seines Lebens erfunden? Den leicht überdrehten Landesvater? „Das ist doch Larifari!“ Keineswegs. Mit diabolischer Präzision entwarf Winfried Kretschmann seine Rolle. Angefangen mit hemmungsloser Anbiederung bei der Automobilindustrie. „Ach Leut! Ich nehm eine Daimler-S-Klasse. Ich kann doch koin Fiat fahre!“
Ein Grüner im Mercedes, wirklich? „Das ist sozusagen das kleine Einmaleins der Staatslehre.“ Dazu gehörte auch die Inszenierung schwäbischer Sparsamkeit: „Ich habe keinen Geldscheißer im Staatsministerium, wie im berühmten Märchen.“ Wie wahr. Anfangs wunderte sich Kretschmann, wie erfolgreich sein Märchen war.
Dabei fremdelte er noch mit seiner neuen Rolle: „Ich bin nicht der König von Württemberg, sondern nur der Oberbürgermei …, nur der Ministerpräsident von Baden-Württemberg.“ Gerne hätte er manchmal ausgepackt. „Ich mauschle schon immer. Bitte schreiben Sie’s: Auch Kretschmann mauschelt.“
Die Entdeckung des Waschlappens
Doch als Landesvater hielt er durch. Besonders stark wirkte er im Bereich der Hygiene. „Gott, jetzt rutscht mir schon die Hose runter.“ In der Energiekrise 2022 passte alles zusammen: Sauberkeit in Verbindung mit Sparsamkeit: „Man muss nicht dauernd duschen. Der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung.“
Selten war Kretschmann besser in seiner Rolle. Geholfen hat ihm frühes Vorwissen. Vor allem, „dass man bei der Klosettspülung spart, indem man zum Beispiel eine Zwei-Stufen-Lösung macht, entsprechend den physiologischen Bedürfnissen auf dem Klo, klein, groß.“
Besten Dank. In der Leidenschaft für das Handwerkliche wurzelt wohl auch Kretschmanns Selbstvertrauen. „Ich gehöre nicht zu den Politikern, die die Welt verändern wollen, aber ihre eigene Türklinke nicht reparieren können.“
Nur mit einer Marotte fiel Winfried Kretschmann immer wieder aus der Rolle: Seiner Leidenschaft fürs Philosophieren. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.“ Nicht immer war die Herleitung solcher Erkenntnisse verständlich. „Das wissen wir seit Sokrates. Der hat dafür den Giftbecher getrunken.“
Fernziel: Der große Froschkuttelnorden
Viele kamen da nicht mehr mit. Hat sich Winfried Kretschman aus seiner Rolle also einen Spaß gemacht? „Deswegen bin ich nicht in die Politik gegangen – um Spaß zu haben.“ Wirklich nicht?
Eine Theorie lautet: Er wollte eigentlich hauptamtlicher Fastnachter werden. „Washing by the hand, saving energy for the länd.” Doch eine Karriere in einer schwäbischen Narrenzunft blieb ihm verwehrt. Eine verblassende Erinnerung: die Verleihung des Froschkuttelnordens. „Wenn ich alt genug bin und dann noch hinkann, bekomme ich sogar den großen Froschkuttelnorden. Ein höheres Verdienst gibt es für mich nicht.“
Was also bleibt von Winfried Kretschmann? Der Landesvater – oder der Politik-Imposter? „Wenn ich jetzt irgendwann eine Fußnote in Geschichtsbüchern bin – bis die kommen, bin ich verfault in der Erde.“ Vielleicht aber stimmt auch das nicht. Vielleicht bleibt Winfried Kretschmann für immer. In unserer Erinnerung.
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Muhterem Aras, wurde 1966 in der Türkei geboren und kam mit ihren Eltern und Geschwistern 1978 nach Deutschland. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften und hat in Stuttgart ein Steuerberatungsbüro. In die Politik ging sie 1999, zunächst als Gemeinderätin, seit 2011 als Landtagsabgeordnete (für Bündnis90/Die Grünen). Seit 2016 ist Muhterem Aras Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, als erste Frau in dessen Geschichte und als erste mit Migrationshintergrund bundesweit.