Glosse

Die furchtbare Wahrheit über 15 Jahre Winfried Kretschmann

Winfried Kretschmann war 15 Jahre lang Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Der personifizierte Landesvater. Doch was, wenn alles ein großer Bluff war? Wenn Kretschmann die Rolle des Landesvaters ... bloß gespielt hat? Eine Glosse.

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Von Autor/in Wilm Hüffer

Mundart-Schauspieler aus Sigmaringen

Winfried Kretschmann – ein Hochstapler? „Schwäbisch gesagt: Die Katz is de Baum nauf.“ Oh ja.15 Jahre lang war dieser begabte Mundart-Schauspieler aus Sigmaringen Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Doch seine landesväterliche Art: War alles nur gespielt?

„Wie soll ich denn diese Frage beantworten? Ich bin doch kein Prophet. Ich bin nur Ministerpräsident.“ Kretschmann weicht aus. Dabei wusste er von Anfang an: Als langweiliger Normalo hat er in der Politik keine Chance.

Ein Narr der Narrenzunft Hagaverschrecker neckt 2017 den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann
Kaum Chancen als langweiliger Normalo: Setzte Winfried Kretschmann deshalb so sehr auf die Rolle als fastnachtender Landesvater? picture alliance / Marijan Murat/dpa | Marijan Murat

„Ich werde ja eh schon kritisiert. Zu seriös und zu solide. Zu wenig Aufmachung.“ Kretschmann wusste: Da muss mehr kommen. „Insofern muss man eben einen gewissen Teil vom Klamauk auch mitmachen.“

Ein Grüner im S-Klasse-Daimler

Hat Winfried Kretschmann deshalb die Rolle seines Lebens erfunden? Den leicht überdrehten Landesvater? „Das ist doch Larifari!“ Keineswegs. Mit diabolischer Präzision entwarf Winfried Kretschmann seine Rolle. Angefangen mit hemmungsloser Anbiederung bei der Automobilindustrie. „Ach Leut! Ich nehm eine Daimler-S-Klasse. Ich kann doch koin Fiat fahre!“

Ein Grüner im Mercedes, wirklich? „Das ist sozusagen das kleine Einmaleins der Staatslehre.“ Dazu gehörte auch die Inszenierung schwäbischer Sparsamkeit: „Ich habe keinen Geldscheißer im Staatsministerium, wie im berühmten Märchen.“ Wie wahr. Anfangs wunderte sich Kretschmann, wie erfolgreich sein Märchen war.

Winfried Kretschmann 2024 in Stuttgart vor seiner Dienstlimousine.
Bloß keinen Fiat: Für Landesvater Winfried Kretschmann konnte es von Anfang an nur einen Dienstwagen geben. imagebroker

Dabei fremdelte er noch mit seiner neuen Rolle: „Ich bin nicht der König von Württemberg, sondern nur der Oberbürgermei …, nur der Ministerpräsident von Baden-Württemberg.“ Gerne hätte er manchmal ausgepackt. „Ich mauschle schon immer. Bitte schreiben Sie’s: Auch Kretschmann mauschelt.“

Die Entdeckung des Waschlappens

Doch als Landesvater hielt er durch. Besonders stark wirkte er im Bereich der Hygiene. „Gott, jetzt rutscht mir schon die Hose runter.“ In der Energiekrise 2022 passte alles zusammen: Sauberkeit in Verbindung mit Sparsamkeit: „Man muss nicht dauernd duschen. Der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung.“

Selten war Kretschmann besser in seiner Rolle. Geholfen hat ihm frühes Vorwissen. Vor allem, „dass man bei der Klosettspülung spart, indem man zum Beispiel eine Zwei-Stufen-Lösung macht, entsprechend den physiologischen Bedürfnissen auf dem Klo, klein, groß.“

Winfried Kretschmann hängt sich beim politischen Aschermittwoch der Grünen 2023 einen großen Waschlappen um.
Zum politischen Aschermittwoch der Grünen erhielt Winfried Kretschmann 2023 einen Waschlappen - nachdem er zu dessen Rehabilitierung so viel beigetragen hatte. picture alliance/dpa | Marijan Murat

Besten Dank. In der Leidenschaft für das Handwerkliche wurzelt wohl auch Kretschmanns Selbstvertrauen. „Ich gehöre nicht zu den Politikern, die die Welt verändern wollen, aber ihre eigene Türklinke nicht reparieren können.“

Nur mit einer Marotte fiel Winfried Kretschmann immer wieder aus der Rolle: Seiner Leidenschaft fürs Philosophieren. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.“ Nicht immer war die Herleitung solcher Erkenntnisse verständlich. „Das wissen wir seit Sokrates. Der hat dafür den Giftbecher getrunken.“

Fernziel: Der große Froschkuttelnorden

Viele kamen da nicht mehr mit. Hat sich Winfried Kretschman aus seiner Rolle also einen Spaß gemacht? „Deswegen bin ich nicht in die Politik gegangen – um Spaß zu haben.“ Wirklich nicht?

Ex-Ministerpräsident Winfried Kretschmann in der Fastnacht mit angeklebte Riesen-Plastikohren
Winfried Kretschmann 2014 bei der Verleihung der Goldenen Narrenschelle der Schwäbisch-Alemannischen Narrenzünfte. Der damalige baden-württembergische Landtagspräsident Guido Wolf hatte ihm riesengroße Plastikohren geschenkt. picture-alliance/dpa | Patrick Seeger

Eine Theorie lautet: Er wollte eigentlich hauptamtlicher Fastnachter werden. „Washing by the hand, saving energy for the länd.” Doch eine Karriere in einer schwäbischen Narrenzunft blieb ihm verwehrt. Eine verblassende Erinnerung: die Verleihung des Froschkuttelnordens. „Wenn ich alt genug bin und dann noch hinkann, bekomme ich sogar den großen Froschkuttelnorden. Ein höheres Verdienst gibt es für mich nicht.“

Was also bleibt von Winfried Kretschmann? Der Landesvater – oder der Politik-Imposter? „Wenn ich jetzt irgendwann eine Fußnote in Geschichtsbüchern bin – bis die kommen, bin ich verfault in der Erde.“ Vielleicht aber stimmt auch das nicht. Vielleicht bleibt Winfried Kretschmann für immer. In unserer Erinnerung.

Stuttgart

Aktive Politik und die Leitlinien einer Vordenkerin „Der Sinn von Politik ist Freiheit“ – Winfried Kretschmann über Hannah Arendt

In seinem neuen Buch gleicht Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann seine politische Arbeit mit Hannah Arendts Leitlinien für politisches Handeln ab.

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