Der silbergraue Business-Koffer aus dem Stuttgarter ‚Magazin‘
Er ist der Liebling stahlharter Manager: der silbergraue Business- Aluminiumkoffer mit den geradezu ikonischen Rillen, gestaltet vom Stuttgarter Industrie Designer Otto Sudrow für die Firma Rimowa. Das Koffer-Exemplar in der neuen StadtPalais-Ausstellung hat sichtbar schon einige Jahre auf dem Buckel, denn es gehörte zu einer Reihe von Produkten einer ganz neuen Warenwelt – dem „Magazin“, einer bis heute bekannten Anlaufstelle für Designliebhaber in ganz Deutschland
„In den 1950er, 60er und 70er Jahren war die Ausbildung zum Produktdesign führend in Stuttgart“, erzählt Edith Neumann, die Sammlungschefin im Stuttgarter Stadtpalais. „Damals hat Herr Sudrow studiert, war frischer junger Designer und hat diesen Koffer entworfen. Das Besondere ist, dass der Koffer im ‚Magazin‘ verkauft worden ist. Damals war es ein Geschäft, das junge Designer selbst gegründet und ihre eigenen Stücke dort verkauft haben.“
Der weltweit erste „Atomanzug“
Seit der Gründung des Museums 2007 hat Edith Neumann sich auf die Suche nach repräsentativen Stücken gemacht, die ihre eigenen Geschichten haben und die etwas von den Menschen in Stuttgart, von ihren Erlebnissen, von Kultur, Religion und Migration erzählen können.
Stuttgart als Designstadt hat nicht nur den Koffer und einige berühmte Stuhlklassiker zu bieten, sondern auch den weltweit ersten Atomanzug: ein sportlich-eleganter ockerfarbener Anzug mit Wählscheibentelefon und Antenne, entworfen vom Stuttgarter Maßschneider Fritz Münch im Jahr 1954.
Entworfen hatte Fritz Münch diesen Anzug für einen großen europäischen Wettbewerb für Schneider in Rom, Thema: „Der elegante Herr im Jahr 2000“, wie Edith Neumann erzählt: „Er war der einzige, der diesen Anzug mit Wählscheibe und Telefon gemacht hat, in Voraussicht, was in 2000 sein würde.“
Im Szenetreff „Zapata“ wurde mit dem Kauf von Kunstpostkarten bezahlt
Stuttgart als Ort mondäner, dreistöckiger Edelcafés oder legendärer Szenetreffs – von dieser Vergangenheit zeugen heute nur noch ein paar sehr aufregende Fotos.
Das „Zapata“, entstanden 1994 auf dem ehemaligen Südmilch-Areal, wurde zum Zentrum lateinamerikanischer Kultur. Weil die Clubbetreiber keine Gewerbekonzession erhalten hatten, wurde mit dem Kauf von Kunstpostkarten bezahlt.
Berühmt für ihre Cocktails war wiederum die Hotelbar am Hauptbahnhof. Stars wie Caterina Valente oder die Band Depeche Mode signierten aus Dank die Glastafeln am Tresen von Barmann Jonny, die jetzt, übersät mit zahlreichen anderen Unterschriften, die Ausstellung schmücken.
Auch die dunklen Kapitel der Stadtgeschichte werden thematisiert
Eine Ausstellung, die sich nicht nur heiter gibt. Sie erzählt ebenso von Zwangsarbeit und Gefangenschaft, vom Kriegsende. Die Leiterin der Stadtpalais-Sammlung Edith Neumann deutet auf ein Set mit Spritzen und Ampullen in einer Vitrine.
„Das ist eine ganz gruselige Geschichte“, erzählt sie. „1945 waren erst die Franzosen, dann die Amerikaner hier als Besatzungsmacht. Der Vater, der selbst Arzt war, hat für seine Tochter eine Spritze mit sechs Ampullen Morphium besorgt, damit sie sich umbringen kann, falls sie von Soldaten vergewaltigt wird. Das ist heute unvorstellbar, wir würden heute anders handeln.“
Und so ist diese Ausstellung nicht nur eine nostalgisch muntere Zeitreise. Sie scheut sich nicht, auch die dunklen Kapitel der Stadtgeschichte anzusprechen.