Um Umweltveränderungen und die Rolle von Technologie in der Gesellschaft geht es im Werk des amerikanischen Künstlers Carl Cheng aus Kalifornien. Weil er sich den Mechanismen des Kunstbetriebs und dem System der Galerien entzogen hat, ist der 83-jährige nicht so bekannt.
Sein vielfältiges Schaffen, das von der Fotografie über Skulpturen bis zu Installationen reicht, wird nun zum ersten Mal umfassend ausgestellt. In der Ausstellung des US-amerikanischen Künstlers Carl Cheng ist der Titel „Nature Never Loses“ Programm.
Diese Wanderausstellung ist nun nach Stationen in Austin, Philadelphia und Maastricht bis zum 10. Mai im Museum Tinguely in Basel zu sehen, bevor sie nach L.A. weiterzieht.
Nature is everything, nature always wins, nature never loses.
Es ist Carl Chengs eigene Stimme aus Lautsprechern, die das Museumspublikum auf dem leicht ansteigenden Gang zu den Ausstellungsräumen begrüßt. „Die Natur verliert nie“ – das ist der Leitspruch des Künstlers und der Ausstellung. Da passt es gut, dass die Glasfassade den Blick freigibt auf den Rhein und die Bäume am Basler Ufer, am kleinen Strand hinter den Museum Tinguely.
Von der Zeit überholte Leiterplatten
Was im ersten Ausstellungsraum an der Wand hängt und sich „Anthropocene Landscapes“ nennt, könnte ein mehrere Quadratmeter großes Luftbild einer Landschaft sein. Tatsächlich hat Carl Cheng aber viele graue, grüne oder braune Platinen auf einer Aluminiumplatte wie Mosaiksteine aneinandergelegt: Ausgediente Überbleibsel aus der Leiterplatten-Industrie.
Der Co-Kurator der Ausstellung, Andres Pardey, erklärt: „Was einst wirklich an der Spitze der Entwicklung stand, ist ein paar Jahre drauf schon alt und ausgemustert und nichts mehr wert.“
Auch damit spiele Cheng in seinen „Anthropocene Landscapes“: „Er zeigt uns, wie sich auch die Platinen über wenige Jahre verändert haben. Was groß war ist plötzlich nur noch ganz klein.“
Keine Trennung von Technik und Natur
Hier die Natur, dort die Technik. Diese im Westen weit verbreitete Trennung ist Carl Cheng, dessen Eltern aus China stammen, fremd. Der Künstler selbst ist nach Basel ins Museum gekommen, um seine Sicht der Dinge zu erklären, dass nämlich alles Natur ist:
Ob man an Hinduismus, Buddhismus oder Daoismus denkt oder andere Religionen in Asien: Der Mensch ist nicht getrennt von der Natur, sondern Teil von ihr.
Vor Jahren hat Carl Cheng in einem künstlerischen Experiment Kegel aus Sand und Beton auf das Dach seines Ateliers in Kalifornien gestellt und sie Wind und Wetter ausgesetzt.
Dieses Experiment hat er nun in einer Art Mini-Labor nachgebaut, in der „Erosion machine“. Die Erosionsmaschine sieht aus wie ein gelber Briefkasten, in den ein Aquarium eingebaut ist: Darin tröpfelt Wasser auf einen Kegel aus Beton.
„Jeder Künstler, der mit Maschinen arbeitet, ist sich bewusst, dass Maschinen eine Zeit haben, in der sie gut funktionieren und eine Zeit, in der sie Liebe brauchen und Unterhalt“, sagt Kurator Pardey. Chengs Kunstmaschinen seien per se vergänglich. Aber er arbeite aber auch gezielt mit vergänglichen Materialien mit Avocado-Schalen, die, sobald trocken, sehr zerbrechlich werden.
Vergänglichkeit als zentrales Motiv
Die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit ist ein zentrales Motiv im Werk von Carl Cheng. Berühmtestes Beispiel dafür war eine Stadtlandschaft, die Carl Cheng am Strand von Santa Monica als Relief in den Sand gepresst hat – mit Hilfe einer riesigen zwölf Tonnen schweren Walze, die von einem Traktor gezogen worden ist.
Diese vergängliche Kunst befindet sich dabei oft im im öffentlichen Raum: „Er hat sich immer dafür interessiert, seine Kunst herauszutragen.“ Darin liege auch ein Grund, warum er Carl Cheng nicht so berühmt geworden sei wie andere, so Pardey:
Als Künstler, dessen Werke eine Zeit lang existieren und dann wieder entschwinden, kommt man in unserer heute sehr vom Markt getriebenen Kunstwelt nicht dazu, einer dieser Topshot-Künstler zu sein.
Ein Kunstwerk der Ausstellung sieht an jedem der vier Ausstellungsorte in den USA und Europa übrigens anders aus: Ein Sandrelief mit Hügeln und Furchen auf dem Fußboden, so groß wie zwei, drei Autostellplätze, hergestellt mit einer Spezialmaschine vom Künstler selbst in tagelanger Arbeit. „Die Ausstellung dauert bis zum 10. Mai. Am 11. Mai ist dort nur noch ein Sandhaufen“, betont der Kurator.