Rasante urbane Entwicklungen in China
Quadratische Steinplatten, teilweise aufeinandergestapelt, liegen vor einer großen Videoleinwand. Im Video selbst sind Berge von Trümmern eines Abbruchhauses zu sehen, Menschen, die den Schutt bearbeiten, und Hühner, die ihre Runden im staubigen Hof drehen.
Allerdings sind die Tiere ausgestopft und bewegen sich auf Saugrobotern hin und her. Das Video dokumentiert für Kuratorin Stephanie Seidel eine rasante urbane Entwicklung in China.
„Niedrigstöckige Häuser werden abgerissen und in Windeseile entstehen neue Stadtlandschaften. Das ist ein hochaktuelles Thema, das sie mit einem Augenzwinkern angeht“, sagt Seidel angesichts der surreal anmutenden Hühner auf den Saugrobotern.
Das ganze Museum ist einer Stadt nachempfunden
Das Video stammt aus dem Jahr 2015 und steht laut Seidel für das visuelle Empfinden und den Pioniergeist der chinesischen Medienkünstlerin.
Im Kunstmuseum für Gegenwartskunst bespielt Cao Fei auf 2.000 Quadratmetern gleich vier Stockwerke, farblich voneinander abgegrenzt. Auf jeder Ebene werden die Besucherinnen und Besucher in verschiedene Lebenswelten entführt – reale wie virtuelle gleichermaßen.
Das ganze Museum sei einer Stadt nachempfunden, so die Kuratorin: „Unten, auf Straßenlevel, wird ihre Hip-Hop-Serie gezeigt, die sie in Metropolen wie Sydney, New York, Guangzhou gefilmt hat.“
Es gibt Kaufhäuser, Kino, Bällebad
Weiter oben kommt die Fabrikebene. Hier geht es um Kaufhäuser und globale Warenflüsse. Es gibt ein Kino und einen Spielplatz mit einem großen Bällebad, das die Besucherinnen und Besucher einlädt, sich in pinken und hellblauen Bällen zu aalen.
Überwacht werden sie dabei von einem halb menschlichen, halb octopusähnlichen, freundlich wirkenden Avatar – einer Neuschöpfung Cao Feis.
Damit knüpft sie an ihre wohl bekannteste virtuelle Schöpfung, die sogenannte RMB-City, an. Das ist eine rein virtuelle Stadt auf der Online-Plattform Second Life, wo zuletzt Künstler und Museen ihre eigenen virtuellen Räume errichteten.
Wertfreie Betrachtung der digitalen Wirklichkeit
Was auffällt: Fei wertet nicht. Mit ihren neu erschaffenen, realen wie virtuellen Räumen bietet die Künstlerin ihrem Publikum verschiedene Betrachtungsweisen an. Einen erhobenen Zeigefinger, gar eine Warnung vor einem Zuviel an künstlich erschaffener Welt, gibt es nicht.
„Das ist das Schöne: Es ist sehr poetisch“, sagt Stephanie Seidel. „Bei all dem Wissen um diese technischen Entwicklungen bleibt dieser surreale Moment in ihren Arbeiten, der es ermöglicht, diese Arbeiten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.“
Zuletzt liegt es im Auge des Betrachters, was in den Arbeiten der chinesischen Künstlerin zu sehen ist. Ein Experiment, zu dem alle eingeladen sind, nicht nur die „Digital Natives“.
Aktuelle Ausstellungen im Südwesten
Vitra Design Museum Radikal und frei: Der legendäre dänische Designer Verner Panton in einer Ausstellung
In den 1960er- und 70er -Jahren entwarf Verner Panton Möbel für freiere Menschen. Das Vitra Design Museum widmet dem Visionär zum 100. Geburtstag eine umfassende Retrospektive.
Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen Schön und irritierend zugleich: Ausstellung über Ernährung in der Gegenwartskunst
Erstaunlich sinnlich ist die Ausstellung über Essen in der Gegenwartskunst. Sie spricht gleichzeitig schwerwiegende Themen an: Klimawandel, Verteilungskämpfe, Ausbeutung von Mensch und Natur.
Zwischenwelten und Wüstenlandschaften Wie im Fiebertraum: Pierre Huyghe entwirft in der Fondation Beyeler eine posthumane Zukunft
Der französische Künstler Pierre Huyghe ist bekannt für Installationen, die alles andere als gewöhnlich sind. Für die Fondation Beyeler hat er eine große Ausstellung konzipiert.