Raumerlebnisse im Kunstmuseum Basel

„Testimonies to the Near Future“ – Cao Fei zeigt China zwischen Schutt und Cyberspace

Die chinesische Medienkünstlerin hat das Kunstmuseum Basel in eine begehbare Stadt verwandelt. In surrealen Installationen, Videos und Bildern treffen Hip-Hop und Konsumkultur auf digitale Welten.

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Von Autor/in Laura Könsler

Rasante urbane Entwicklungen in China

Quadratische Steinplatten, teilweise aufeinandergestapelt, liegen vor einer großen Videoleinwand. Im Video selbst sind Berge von Trümmern eines Abbruchhauses zu sehen, Menschen, die den Schutt bearbeiten, und Hühner, die ihre Runden im staubigen Hof drehen.

Porträt Cao Fei
Pionierin im Erschaffen digitaler Bildwelten: Cao Fei (*1978, Guangzhou) zählt zu den prägenden Stimmen ihrer Generation. Pressestelle Kunstmuseum Basel | Samuel Bramley

Allerdings sind die Tiere ausgestopft und bewegen sich auf Saugrobotern hin und her. Das Video dokumentiert für Kuratorin Stephanie Seidel eine rasante urbane Entwicklung in China.

„Niedrigstöckige Häuser werden abgerissen und in Windeseile entstehen neue Stadtlandschaften. Das ist ein hochaktuelles Thema, das sie mit einem Augenzwinkern angeht“, sagt Seidel angesichts der surreal anmutenden Hühner auf den Saugrobotern.

Das ganze Museum ist einer Stadt nachempfunden

Das Video stammt aus dem Jahr 2015 und steht laut Seidel für das visuelle Empfinden und den Pioniergeist der chinesischen Medienkünstlerin.

Im Kunstmuseum für Gegenwartskunst bespielt Cao Fei auf 2.000 Quadratmetern gleich vier Stockwerke, farblich voneinander abgegrenzt. Auf jeder Ebene werden die Besucherinnen und Besucher in verschiedene Lebenswelten entführt – reale wie virtuelle gleichermaßen.  

Cao Fei, Hip Hop: Shanghai, 2025
Cao Fei filmt Menschen in großen Städten wie Shanghai oder New York und zeigt, wie sie zu Hip-Hop-Musik tanzen. Pressestelle Kunstmuseum Basel © Cao Fei

Das ganze Museum sei einer Stadt nachempfunden, so die Kuratorin: „Unten, auf Straßenlevel, wird ihre Hip-Hop-Serie gezeigt, die sie in Metropolen wie Sydney, New York, Guangzhou gefilmt hat.“

Es gibt Kaufhäuser, Kino, Bällebad

Weiter oben kommt die Fabrikebene. Hier geht es um Kaufhäuser und globale Warenflüsse. Es gibt ein Kino und einen Spielplatz mit einem großen Bällebad, das die Besucherinnen und Besucher einlädt, sich in pinken und hellblauen Bällen zu aalen.

Installationsansicht, Cao Fei: Testimonies to the Near Future
Installationsansicht, Cao Fei: Testimonies to the Near Future. Pressestelle Kunstmuseum Basel © Cao Fei | Samuel Bramley

Überwacht werden sie dabei von einem halb menschlichen, halb octopusähnlichen, freundlich wirkenden Avatar – einer Neuschöpfung Cao Feis.  

Damit knüpft sie an ihre wohl bekannteste virtuelle Schöpfung, die sogenannte RMB-City, an. Das ist eine rein virtuelle Stadt auf der Online-Plattform Second Life, wo zuletzt Künstler und Museen ihre eigenen virtuellen Räume errichteten.

Wertfreie Betrachtung der digitalen Wirklichkeit

Was auffällt: Fei wertet nicht. Mit ihren neu erschaffenen, realen wie virtuellen Räumen bietet die Künstlerin ihrem Publikum verschiedene Betrachtungsweisen an. Einen erhobenen Zeigefinger, gar eine Warnung vor einem Zuviel an künstlich erschaffener Welt, gibt es nicht.

Cao Fei, Whose Utopia, 2006
Cao Fei, Whose Utopia, 2006. Der Film zeigt Arbeiter:innen in der Glühbirnen-Fabrik von Osram in Foshan im Perlflussdelta. Pressestelle Kunstmuseum Basel © Cao Fei

„Das ist das Schöne: Es ist sehr poetisch“, sagt Stephanie Seidel. „Bei all dem Wissen um diese technischen Entwicklungen bleibt dieser surreale Moment in ihren Arbeiten, der es ermöglicht, diese Arbeiten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.“

Zuletzt liegt es im Auge des Betrachters, was in den Arbeiten der chinesischen Künstlerin zu sehen ist. Ein Experiment, zu dem alle eingeladen sind, nicht nur die „Digital Natives“. 

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Autor/in
Laura Könsler
Porträtfoto Laura Könsler