In der Mitte eines Ausstellungsraums steht ein ein Baumstumpf aus Bergahorn. Auch ohne viel Fantasie hat das Holzstück Ähnlichkeiten mit einem Herzen – also dem Organ, wie eine leicht schräge, muskulöse Faust. Äste, die vom Stamm abzweigen, wirken wie Blutgefäße, die vom Herzen in den restlichen Körper führen.
An mehreren Stellen finden sich Metallplatten aus Aluminium, wie Teile einer Rüstung. Sie stehen in Kontrast zum organischen Holz. Der Kurator der Ausstellung, Dierk Höhne, erklärt zu der Arbeit des dänischen Künstlers Rasmus Myrup: „Man fragt sich hier: Gegen was soll hier der Baumstamm abgepanzert werden?“
„Das kalte Herz“ handelt von sozialer Isolation
Das Spiel mit den Gegensätzen ziehe sich bei Myrup durch das ganze Œuvre, so Höhne. „Und er versucht das in einer cleveren und humoristischen Formsprache umzusetzen."
Das Herz ist nicht warm und schlägt, es ist an mehren Stellen gefangen in einer Art Rüstung. Ein kaltes Herz also. Der Verlust der Gefühle und soziale Isolation sind zentrale Motive in dem bekannten Märchen von Wilhelm Hauff.
Der Köhler Peter Munk aus dem Schwarzwald ist arm und unzufrieden. Er wünscht sich ein besseres Leben und lässt sich auf einen verhängnisvollen Tausch ein: Er gibt sein Herz und Mitgefühl für ein Steinherz – seine Gefühle für Geld und sozialen Aufstieg. Am Ende kommt es zur Katastrophe und Peter erkennt, dass Reichtum nicht glücklich macht. Er versucht sein Herz zurückzugewinnen.
Das Märchen als Allegorie für eine Gesellschaft in Umwälzungen
Das Schwarzwald-Märchen ist eng verwurzelt mit der Region und den dortigen Sagen und Mythen. Es wird zu einer Art Allegorie für die bewegte Epoche zwischen Industrialisierung und neuem Menschenbild auf der einen, Umwälzung, Verunsicherung und Verlust auf der anderen Seite.
„Wir wollten eine Ausstellung, die keine reine literaturhistorische Auseinandersetzung mit Hauff und seinem Schaffen ist“ , erklärt Kurator Dierk Höhne, „sondern vier Kernelemente aus dem Märchen herausgreift und untersucht, inwieweit diese Leitmotive gesellschaftlich noch relevant sind. Und wie sie an zeitgenössische Kunstproduktion anschließen.“
Ausgewählte Archivschätze, zum Beispiel aus dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, zeigen, wie vielfältig „Das kalte Herz“ in den letzten Jahrhunderten rezipiert wurde. Anhand von vier Themen – Ökologische Ausbeutung, Identität, Affekt und Gewalt, Heilung – setzt die Ausstellung den über 200 Jahre alten Stoff in Bezug zur Kunst.
Werke treten miteinander in Dialog
So treten in einem Raum spätromantische Werke von Friedrich von Keller, die Arbeiter bei ihrer schweißtreibenden Tätigkeit im Steinbruch oder in einer Schmiede zeigen, in Dialog mit Arbeiten von Erik Sturm.
Für seine tiefschwarzen, plastischen Reliefs hat er in Stuttgart Feinstaub gesammelt. Der häufigste Verursacher dieser Luftverschmutzung: der Straßenverkehr.
Spannungsverhältnis von Mensch und Natur
Die Partikel verarbeitet er mit Bindemittel zu Farbe, die er dann auf eine Folie aufträgt. Beim Trocknen entsteht eine spannende Reliefstruktur. „Die Reliefs symbolisieren hier auf der einen Seite die unbekannten, unsichtbaren Gefahren des technologischen Fortschritts.“, meint Kurator Höhne.
Auf der anderen Seite sei das Automobil gerade in Stuttgart mit einer Erfolgsgeschichte verknüpft, mit einer Erzählung von Wohlstand und Erfolg der Region. „Deshalb werden diese Objekte dann sozusagen doppelt aufgeladen.“, erklärt der Kurator.
Zwei Neuproduktionen exklusiv für die Ausstellung
Zwei Neuproduktionen für die Ausstellung im Kunstgebäude beziehen sich unmittelbar auf das Märchen „Das kalte Herz“. Unter anderem eine Arbeit von Julius Pristauz.
Für seine Installation nutzt er wiederverwertete Bürotrennwände. Er tauscht einzelne Elemente durch Spiegel und getönte Gläser aus. Durch einen Bewegungsmelder lösen Menschen in der Ausstellung eine Licht-Choreografie aus, mit der eine Art Bühnen- oder Clubatmosphäre entsteht. Immer wieder spiegelt und entdeckt man sich selbst in der begehbaren Installation.
„Spannend für mich an der Auseinandersetzung mit dem Märchen war, wie lange es dauert und dass es auch Fehltritte braucht, um sich selbst gut kennen zu lernen“, sagt der 28-jährige Künstler. „Diese Begegnung mit dem Selbst spielt auch in meiner Installation eine große Rolle.“
Wo verorte ich mich im Raum, aber auch innerhalb gesellschaftlicher Strukturen? Zentrale Fragen auch für Märchen-Protagonist Peter Munk.
Heimat und Herkunft spielen auch bei der Künstlerin Gabriela Oberkofler eine zentrale Rolle. Ihre Fotoserie „Buggelkraxen“, süddeutsch für Rucksack, zieht sich durch mehrere der Ausstellungsräume.
Die Künstlerin fotografiert sich auf Wanderschaft an Orte ihrer Biografie – ihrer Heimat in den Bergen bis nach Stuttgart, ihrem heutigen Zuhause. Auf den Fotos schleppt die Künstlerin auf dem Rücken eine Miniaturausgabe ihres Dorfes aus Holz.
Oberkofler erklärt: „Ich war circa 20 Jahre alt, als ich mein Dorf in Südtirol verlassen habe. In einem Moment der Einsamkeit habe ich gemerkt, dass ich diesen Ort, mein Dorf, ja in mir trage.“ Um dieses Bild sozusagen einzufangen, habe sie das Bergdorf aus Obstkisten nachgebaut, wie ein Stecksystem. Und mit diesem Rucksack ist sie für ihre Fotos auf Reisen gegangen.
Motiv der Gewalt in Hauffs Märchen
Schließlich ist da noch das Motiv der Gewalt in Hauffs Märchen, dem sich auch die Ausstellung „Das kalte Herz“ aus unterschiedlichen Perspektiven nähert.
Sehr eindrücklich sind die Arbeiten des Künstlers Kader Attia. Gezeigt werden übergroße Holzbüsten auf Metallsockeln, wie verstörende Totempfähle. Die Gesichter der Figuren wirken wie Fratzen.
Sie erinnern an die Bilder, die man von frühen Versuchen der plastischen Chirurgie an verwundeten Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg kennt, erklärt Kurator Höhne. „Kader Attia ist bekannt für seien Beschäftigung mit der europäischen Kolonialgeschichte. Mit den Schäden, die dadurch entstanden sind. Bei diesen Büsten ist es so, dass man hier eine fast körperliche Reaktion auf diese zerstörten Gesichter hat.“
Die Arbeiten wirken wie Mahnmale für die Zeit und die Gewalt, die an Mensch und Umwelt begangen wurde.
Verlust der Empathie führt zur Katastrophe
„Das kalte Herz“ ist eine sehr ambitionierte und komplexe Ausstellung. Sie wirft einen neuen Blick auf die zentralen Motive des Märchens und zeigt dabei, wie aktuell der Stoff ist – in Bezug auf soziale Anerkennung, die Macht des Geldes und bestimmte Moralvorstellungen.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Egal in welcher Kultur und welchem Konflikt, der Verlust von Empathie mündet zwangsläufig in einer menschlichen Katastrophe.
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Gespräch Katharina Grosse: „Ich habe mich eigentlich nie an die Regeln gehalten“
Sie malt mit Spritzpistole. Ziemlich radikal. Überzieht Objekte und Architektur mit ihrer grellen Welt. „Zweidimensionale Malerei existiert für mich nicht“. Zuletzt hat sie mit ihrer Spray-Technik den Kunstbau am Stuttgarter Schlossplatz, im Volksmund „Kunsthaus zum Goldenen Hirsch“ genannt, in reine Farbgewalt verwandelt – für die Ausstellung „The Sprayed Dear“, ein Wortspiel mit dem englischen Begriff für Hirsch.
Seit mehr als 30 Jahren untersucht Katharina Grosse, geboren 1961 in Freiburg, die Möglichkeitsräume der Malerei. Und zählt damit zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart.
Ausstellungs-Tipp:
Staatsgalerie Stuttgart (Kunstgebäude am Schlossplatz):„The Sprayed Dear“ (bis 11. Januar 2026)