Wiederentdeckte Zeitgenossin von Otto Dix

Die sensationellen Bilder von Elfriede Lohse-Wächtler – Ausstellung in Heilbronn

Elfriede Lohse-Wächtler war als Zeichnerin und Malerin auf Augenhöhe mit ihrem Zeitgenossen Otto Dix. Die Kunsthalle Vogelmann zeigt in Heilbronn ihr kaum bekanntes Werk – eine fulminante Entdeckung.

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Von Autor/in Andreas Langen

Elfriede Lohse-Wächtler, Foto aus der Krankenakte der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, Hamburg, 1929
Elfriede Lohse-Wächtler, Foto aus der Krankenakte der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, Hamburg, 1929. Pressestelle Kunsthalle Vogelmann | © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Durchbruch mit Bildern aus der Psychiatrie

Ein Nervenzusammenbruch mit anschließendem Psychiatrie-Aufenthalt ist nicht gerade der ideale Ausgangspunkt für künstlerische Kreativität. Die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler aber findet just in einer solchen Krise zur größten Schaffenskraft.

Elfriede Lohse-Wächtler, Im blauen Kittel – Selbstporträt IV, 1929
Elfriede Lohse-Wächtler, Im blauen Kittel – Selbstporträt IV, 1929. Pressestelle Kunsthalle Vogelmann | © Ketterer Kunst Bild in Detailansicht öffnen
Elfriede Lohse-Wächtler, Bildnis des Bruders, 1917
Elfriede Lohse-Wächtler, Bildnis des Bruders, 1917. Pressestelle Kunsthalle Vogelmann | © Privat Bild in Detailansicht öffnen
Elfriede Lohse-Wächtler, Die Blumenalte, 1930
Elfriede Lohse-Wächtler, Die Blumenalte, 1930. Pressestelle Kunsthalle Vogelmann | © Privat Bild in Detailansicht öffnen
Elfriede Lohse-Wächtler, Blick über den Hafen, um 1929
Elfriede Lohse-Wächtler, Blick über den Hafen, um 1929. Pressestelle Kunsthalle Vogelmann | © Privat Bild in Detailansicht öffnen
Elfriede Lohse-Wächtler, Über den Leib, 1930
Elfriede Lohse-Wächtler, Über den Leib, 1930. Pressestelle Kunsthalle Vogelmann | © Privat Bild in Detailansicht öffnen
Elfriede Lohse-Wächtler, Lissy, 1931
Elfriede Lohse-Wächtler, Lissy, 1931. Pressestelle Kunsthalle Vogelmann | © Privat Bild in Detailansicht öffnen
Elfriede Lohse-Wächtler, Eine alte Patientin, 1929
Elfriede Lohse-Wächtler, Eine alte Patientin, 1929. Pressestelle Kunsthalle Vogelmann | © Privat Bild in Detailansicht öffnen
Elfriede Lohse-Wächtler, Selbstbildnis, 1931.
Elfriede Lohse-Wächtler, Selbstbildnis, 1931. Pressestelle Kunsthalle Vogelmann | © Hamburger Kunsthalle /bpk / E. Walford Bild in Detailansicht öffnen

Ein Kollaps bringt die knapp 30-jährige im Winter 1929 in die Psychiatrie. In der Hamburger Anstalt Friedrichsberg schafft sie beeindruckende Porträts, berichtet Rita Täuber von der Heilbronner Kunsthalle Vogelmann. 

In der Psychiatrie hat sie viel gearbeitet, weil ihr das aus dieser Situation heraus geholfen hat. Und zwei, drei Monate nach ihrer Entlassung sind diese Arbeiten am Jungfernstieg in einer von Frauen geführten Galerie ausgestellt worden. Das war ihr künstlerischer Durchbruch. 

Einfühlender als Otto Dix

Zwei gute Jahre folgen. Die Hamburger Kunsthalle erwirbt einige Bilder, Elfriede Lohse-Wächtler nimmt an zahlreichen Ausstellungen teil, sie malt und zeichnet Motive wie den Hafen, vor allem aber den Alltag kleiner Leute und das Rotlichtmilieu von St. Pauli. 

„Mit derselben Energie wie Dix eigentlich an die Arbeit geht, geht sie auch an ihre Arbeit. Aber da ist ein einfühlendes Moment da, dass das Eigentliche dieser Person, die mir da gegenüber sitzt, verdichtet“, schildert Rita Täuber. Ähnlich begeistert ist vor fast 100 Jahren das Feuilleton; selbst wenn so manches damalige Lob von heute aus ziemlich bizarr klingt. 

Die 16-jährige startet Karriere gegen den Willen der Eltern

Die junge Elfriede startete gegen den Willen ihrer Eltern als Teenie mit 16 Jahren eine Kunst-Karriere – in den 1910er-Jahren absolut unerhört. Nach dem Ersten Weltkrieg findet sie in ihrer Heimatstadt Dresden rasch Anschluss an die Avantgarde.

Elfriede Lohse-Wächtler mit ihrem Bruder Hubert im Treppenhaus des Dresdner Elternhauses, 1931
Elfriede Lohse-Wächtler mit ihrem Bruder Hubert im Treppenhaus des Dresdner Elternhauses, 1931. Pressestelle Vater G. A. Wächtler | © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Dort lernt sie über Otto Dix den Künstler Kurt Lohse kennen, heiratet ihn rasch und taumelt durch eine von Beginn an unglückliche Ehe. Das Drama endet in Armut und Obdachlosigkeit. Anfang der 1930er-Jahre kehrt Elfriede völlig erschöpft zu ihren Eltern zurück. Die weisen sie schließlich wieder ins Krankenhaus ein.

Von den Nazis als geisteskrank erklärt und ermordert

1935 wird Elfriede Lohse-Wächtler von den Nazis für geisteskrank erklärt, entmündigt und zwangssterilisiert, fünf Jahre später ermordet. Ihrem Bruder Hubert ist es zu verdanken, dass Elfriede und ihr Werk nicht vollständig in Vergessenheit geraten sind.

Dank Bruder Hubert ist ihr Werk nicht gänzlich vergessen

„Dieses Schicksal seiner Schwester hat ihn zeitlebens berührt und beschäftigt. Auch bei den Prozessen gegen die Beteiligten an den Krankenmorden hat er ausgesagt, er war da Mit-Ankläger. Das war für ihn ganz wichtig. Auf der anderen Seite hat er das schmale Werk, das wir haben, bewahrt“, sagt Rita Täuber.

Elfriede Lohse-Wächtler während eines Ausflugs in der Dresdner Umgebung, um 1933
Elfriede Lohse-Wächtler während eines Ausflugs in der Dresdner Umgebung, um 1933. Pressestelle Kunsthalle Vogelmann | © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Pionierin auch in Geschlechterfragen

Elfriede Lohse-Wächtler war ein Ausnahmetalent, ihrer Zeit teils weit voraus, besonders im Hinblick auf Geschlechterfragen. Kuratorin Rita Täuber zeigt auf eine große Pastellzeichnung von 1930; ein nacktes Paar in enger, fast brutaler Umklammerung. Teilnahmslos starrt die Frau ins Leere.

Elfriede Lohse-Wächtler, Über den Leib, 1930
Elfriede Lohse-Wächtler, Über den Leib, 1930. Pressestelle Kunsthalle Vogelmann | © Privat

„Man merkt, es ist eine absolut weibliche Perspektive. Wie erfahre ich männliche Sexualität? Die geballte Ladung an Gier, die da auch drin ist, die die Frau irgendwie auch bedroht. So ein Blatt gab es bis dahin nicht, sagt Täuber.
Sie kennt Leben und Werk von Elfriede Lohse-Wächtler wie kaum jemand sonst, spricht aber ganz bescheiden nur von Annäherung. Und eigentlich ist die Wissenschaftlerin sogar dankbar, dass sich die Rätsel dieser Kunst wohl niemals ganz lösen lassen:

„Ich weiß nicht, wo dieses Geheimnis ist. Es liegt in diesen Arbeiten, es liegt in ihrer Arbeitsweise. Das bereitet so richtig Freude - dass man dieses Geheimnis eben nicht lüften kann.“ 

Heidelberg

Gesellschaft Malerei aus der Psychiatrie – Wie die "Sammlung Prinzhorn" die Kunst beeinflusst hat

Einst von den Nazis geächtet, ist die Sammlung Prinzhorn heute weltbekannt. Seit 100 Jahren zeigt sie Kunstwerke von psychisch kranken Menschen und ändert unseren Blick auf sie.

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Autor/in
Andreas Langen
Andreas Langen, Autor und Redakteur, SWR Kultur