Ausstellung

Die Künstlerin Mehtap Baydu in der Kunsthalle Baden-Baden

Mehtap Baydu hat traditionelle Sprechgesänge kurdischer Frauen aus der Ost-Türkei in einer Installation verarbeitet. Die Baden-Badener Ausstellung zeigt neben ihren Werken auch Arbeiten von Egemen Demirci, der sich mit Sprache und Räumen beschäftigt. Beide wurden in der Türkei geboren, leben und arbeiten aber in Berlin.

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Stand

Von Autor/in Marie-Dominique Wetzel

In dem Video von Mehtap Baydu sitzt eine alte Frau auf dem Boden. Hinter ihr türmen sich Matratzen. Die Frau wiegt im Rhythmus ihres Sprechgesangs mit dem Oberkörper hin und her. Mehtap Baydu über den traditionellen kurdischen Sprechgesang der Frauen in ihrer Heimat:

„Dêrik“ 6-Kanal-Video-Installation (2018)
Mehtap Baydu: „Dêrik“ 6-Kanal-Video-Installation (2018). Die Installation macht spürbar, wie sich kulturelle Identität nicht nur in großen Erzählungen, sondern im gelebten Alltag, im Körper und in der Stimme fortschreibt. Marie-Dominique Wetzel

„Die Frauen singen diese Erzählungen, also diese Melodie wenn sie alleine sind. Und diese Erzählung ist spontan. Sie erzählen über Liebe, über die politische Situation in ihrem Dorf oder im Land, sie erzählen über Blumen oder über ihren verlorenen Sohn, über ihre Enkelkinder und über alltägliche Themen.“

Eigentlich singen die Frauen nur, wenn sie alleine sind

Es ist wie eine Art Selbstgespräch, meditativ und heilend zugleich, erklärt Mehtap Baydu. Eigentlich singen die Frauen nur, wenn sie alleine sind. Umso glücklicher war die Künstlerin, dass die Frauen ihr erlaubt haben, sie zu filmen.

Mehtap Baydu: Foto-Serie „Mitgift“ (202425)
Mehtap Baydu: Aus der Foto-Serie „Mitgift“ (2024/25). Marie-Dominique Wetzel

Die Stimmen der Frauen hörbar machen

Jetzt stehen im Museumsraum sechs Bildschirme im Kreis. In der Mitte liegen große Kissen und wenn man dort Platz nimmt, hört und sieht man, wie sich die verschiedenen Stimmen und Geschichten der Frauen vermischen.

Mehtap Baydu: „Es geht darum, dass die Stimme der Frau in Anatolien eigentlich tabu ist. Und für mich war sehr wichtig, die Stimmen der Frauen sichtbarer zu machen.“

Eingestrickt in einen Kokon

Viele dieser Frauen seien einsam, weil sie ihre eigenen Familien nach der Heirat verlassen und zu ihrem Ehemann ziehen mussten, erklärt Mehtap Baydu. In einer ihrer Performances strickt sie sich selbst in einen riesigen Kokon ein, bis sie völlig bewegungsunfähig ist.

Glas-Skulptur „The Distance Between Me and Everything Else“ (2025)
Mehtap Baydu: Glas-Skulptur „The Distance Between Me and Everything Else“ (2025). Marie-Dominique Wetzel

Interaktive Installation „Lass Deinen Regen regnen“

Für eine interaktive Installation hat Mehtap Baydu eine Decke auf einem Wäscheständer ausgebreitet. Mit Schöpfkellen sollen die Besucherinnen und Besucher Wasser aus Behältern unter dem Wäscheständer entnehmen und über die Decke gießen, so dass es durch die Decke sickert und wieder in die Behälter tropft. „Lass Deinen Regen regnen“ heißt die Arbeit, die Mehtap Baydu als einen Akt der Selbstermächtigung verstanden haben will.

Installation „Lass Deinen Regen regnen“
Mehtap Baydu: Installation „Lass Deinen Regen regnen“. Marie-Dominique Wetzel

In ihren Arbeiten setzt sich die Künstlerin immer wieder mit tradierten weiblichen Rollenzuschreibungen auseinander und bricht diese auf – mal wütend, mal humorvoll - immer berührend.

Egemen Demirci fragt nach der Wirkung von Sprache und Räumen

Die Arbeiten von Egemen Demirci bilden dazu einen starken Kontrast. Der Künstler interessiert sich für die Wirkung von Sprache und Räumen. Isoliert hängt er Wörter wie „think“ und „hope“ in großer Leuchtschrift an die Museumswände.

Was erwarten wir von einem Besuch im Museum? Wie wirken diese Räume auf uns? Egemen Demirci zeigt ein Video, in dem eine Frau bedächtig und still durch die Kunsthalle geht. Immer wieder bleibt sie stehen, scheint etwas aufmerksam zu betrachten, macht mit ihrem Handy Fotos.

Egemen Demirci: „Eigentlich passiert nichts! Eine anonyme Zuschauerin besucht eine Ausstellung. Und wir sehen die Werke nicht, vielleicht gibt es sie gar nicht! Was wir sehen, sind die Bewegungen dieser einen Zuschauerin. Und das ist die Kernidee, dieser Video-Arbeit.“

Kritik an der Institution „Museum“

Diese Arbeit ist durchaus als Kritik an der Institution „Museum“ an sich oder zumindest als Denkanstoß gedacht. Es ist bereits die dritte Version dieses Videos, erklärt Egemen Demirci. In zehn Jahren möchte er wieder nach Baden-Baden kommen und filmen. Man darf gespannt sein, wie sich die Räume bis dahin verändert haben – und welche Kunstwerke in ihnen dann nachhallen werden.

Die Ausstellung mit Werken von Mehtap Baydu und Egemen Demirci ist noch bis zum 14. September in der Kunsthalle Baden-Baden zu sehen. Und einen Termin können Sie sich schon mal vormerken: Beim Baden-Badener Museums-Sommerfest am 20. Juli wird Mehtap Baydu eine Live-Performance zeigen.

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Marie-Dominique Wetzel