Durchbruch mit Bildern aus der Psychiatrie
Ein Nervenzusammenbruch mit anschließendem Psychiatrie-Aufenthalt ist nicht gerade der ideale Ausgangspunkt für künstlerische Kreativität. Die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler aber findet just in einer solchen Krise zur größten Schaffenskraft.
Ein Kollaps bringt die knapp 30-jährige im Winter 1929 in die Psychiatrie. In der Hamburger Anstalt Friedrichsberg schafft sie beeindruckende Porträts, berichtet Rita Täuber von der Heilbronner Kunsthalle Vogelmann.
In der Psychiatrie hat sie viel gearbeitet, weil ihr das aus dieser Situation heraus geholfen hat. Und zwei, drei Monate nach ihrer Entlassung sind diese Arbeiten am Jungfernstieg in einer von Frauen geführten Galerie ausgestellt worden. Das war ihr künstlerischer Durchbruch.
Einfühlender als Otto Dix
Zwei gute Jahre folgen. Die Hamburger Kunsthalle erwirbt einige Bilder, Elfriede Lohse-Wächtler nimmt an zahlreichen Ausstellungen teil, sie malt und zeichnet Motive wie den Hafen, vor allem aber den Alltag kleiner Leute und das Rotlichtmilieu von St. Pauli.
„Mit derselben Energie wie Dix eigentlich an die Arbeit geht, geht sie auch an ihre Arbeit. Aber da ist ein einfühlendes Moment da, dass das Eigentliche dieser Person, die mir da gegenüber sitzt, verdichtet“, schildert Rita Täuber. Ähnlich begeistert ist vor fast 100 Jahren das Feuilleton; selbst wenn so manches damalige Lob von heute aus ziemlich bizarr klingt.
Die 16-jährige startet Karriere gegen den Willen der Eltern
Die junge Elfriede startete gegen den Willen ihrer Eltern als Teenie mit 16 Jahren eine Kunst-Karriere – in den 1910er-Jahren absolut unerhört. Nach dem Ersten Weltkrieg findet sie in ihrer Heimatstadt Dresden rasch Anschluss an die Avantgarde.
Dort lernt sie über Otto Dix den Künstler Kurt Lohse kennen, heiratet ihn rasch und taumelt durch eine von Beginn an unglückliche Ehe. Das Drama endet in Armut und Obdachlosigkeit. Anfang der 1930er-Jahre kehrt Elfriede völlig erschöpft zu ihren Eltern zurück. Die weisen sie schließlich wieder ins Krankenhaus ein.
Von den Nazis als geisteskrank erklärt und ermordert
1935 wird Elfriede Lohse-Wächtler von den Nazis für geisteskrank erklärt, entmündigt und zwangssterilisiert, fünf Jahre später ermordet. Ihrem Bruder Hubert ist es zu verdanken, dass Elfriede und ihr Werk nicht vollständig in Vergessenheit geraten sind.
Dank Bruder Hubert ist ihr Werk nicht gänzlich vergessen
„Dieses Schicksal seiner Schwester hat ihn zeitlebens berührt und beschäftigt. Auch bei den Prozessen gegen die Beteiligten an den Krankenmorden hat er ausgesagt, er war da Mit-Ankläger. Das war für ihn ganz wichtig. Auf der anderen Seite hat er das schmale Werk, das wir haben, bewahrt“, sagt Rita Täuber.
Pionierin auch in Geschlechterfragen
Elfriede Lohse-Wächtler war ein Ausnahmetalent, ihrer Zeit teils weit voraus, besonders im Hinblick auf Geschlechterfragen. Kuratorin Rita Täuber zeigt auf eine große Pastellzeichnung von 1930; ein nacktes Paar in enger, fast brutaler Umklammerung. Teilnahmslos starrt die Frau ins Leere.
„Man merkt, es ist eine absolut weibliche Perspektive. Wie erfahre ich männliche Sexualität? Die geballte Ladung an Gier, die da auch drin ist, die die Frau irgendwie auch bedroht. So ein Blatt gab es bis dahin nicht, sagt Täuber.
Sie kennt Leben und Werk von Elfriede Lohse-Wächtler wie kaum jemand sonst, spricht aber ganz bescheiden nur von Annäherung. Und eigentlich ist die Wissenschaftlerin sogar dankbar, dass sich die Rätsel dieser Kunst wohl niemals ganz lösen lassen:
„Ich weiß nicht, wo dieses Geheimnis ist. Es liegt in diesen Arbeiten, es liegt in ihrer Arbeitsweise. Das bereitet so richtig Freude - dass man dieses Geheimnis eben nicht lüften kann.“