Kunstmuseum Reutlingen

Falscher Marmor und glühende Sterne – ein poetisches Spiel mit Schein und Sein

Das Kunstmuseum Reutlingen zeigt eine Ausstellung, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt. Die italienischen Künstler beherrschen das Spiel mit Schein und Sein mühelos.

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Stand

Von Autor/in Luisa Klink

Gleich am Eingang herrscht Hochspannung, und das im wörtlichen Sinne: Ein Hinweisschild direkt neben dem Kunstwerk „Glühender Stern” von Gilberto Zorio warnt: „Vorsicht, Lebensgefahr!” Dabei wirkt der aus grazilem Draht an die Wand gespannte Stern mit fünf Zacken scheinbar harmlos – wie ein leuchtendes Pentagramm.

Bei genauerer Betrachtung nimmt man ein rötliches Glühen wahr und wird von einer zarten Wärme umhüllt. Befestigt ist der Stern seitlich an einer spitzen Metallkonstruktion, erklärt Museumsleiter und Kurator, Holger Kube Ventura: 

„Einer der Haltepunkte dieses Pentagrammsist ein olympischer Wurfspeer. So formuliert das Werk auf ganz verschiedenen Ebenen Energie. Energie erstmal, weil dieses Ding tatsächlich glüht und wenn ich es anfasse, dann trifft mich der Schlag und ich falle um.”

Gilberto Zorio, Stella incandescente (1973)
Gilberto Zorio, Stella incandescente (1973), Wurfspeer, Widerstandsdraht, Isolatoren, Strom, 9 x Metallrohr. Pressestelle Kunstmuseum Reutlingen | Holger Kube Ventura

Elektrische Energie trifft auf menschliche Energie

Einerseits handelt es sich um elektrische Energie, andererseits um menschliche Energie, symbolisiert durch den Speer. Den 1944 geborenen Künstler Gilberto Zorio aus Norditalien fasziniert das Spiel mit geometrischen Figuren, wie dem Pentagramm.

„Das Pentagam steht immer für Unendlichkeit, für Universalität”, erklärt der Künstler. „Es kommt in der Bibel vor, bei Leonardo Da Vinci. Das kommt in vielen Kulturen vor und ist an sich ein sehr aufgeladenes energetisches Symbol.”

Giuseppe Spagnulo, Antigone (1980)
Giuseppe Spagnulo, Antigone (1980). Kunstmuseum Reutlingen | Holger Kube Ventura Bild in Detailansicht öffnen
Giuseppe Spagnulo, Cerchio spezzato „zerbrochener Kreis“ aus Eisen
Giuseppe Spagnulo, Cerchio spezzato „zerbrochener Kreis“ aus Eisen. Luisa Klink Bild in Detailansicht öffnen
Installationsansicht der Ausstellung: Falscher Marmor und glühende Sterne. Carrara mit Gastini, Spagnulo, Zorio
Installationsansicht der Ausstellung: Falscher Marmor und glühende Sterne. Carrara mit Gastini, Spagnulo, Zorio. Kunstmuseum Reutlingen | Holger Kube Ventura Bild in Detailansicht öffnen
Marco Gastini, Lavori (1983)
Marco Gastini, Lavori (1983). Kunstmuseum Reutlingen | Holger Kube Ventura Bild in Detailansicht öffnen
Gilberto Zorio, Cinque cere con rotazione (1974)
Gilberto Zorio, Cinque cere con rotazione (1974). Kunstmuseum Reutlingen | Holger Kube Ventura Bild in Detailansicht öffnen
Linda Carrara, Nel ventre della natura (2022)
Linda Carrara, Nel ventre della natura (2022). Kunstmuseum Reutlingen | Holger Kube Ventura Bild in Detailansicht öffnen

Vier Vertreter der Konkreten Kunst

Wie die anderen Künstler in der Ausstellung Marco Gastini, Giuseppe Spagnulo und Linda Carrara, ist Gilberto Zorio ein Vertreter der Konkreten Kunst: Mathematische Zeichen wie die Grundelemente Dreieck, Quadrat und Kreis finden sich häufig in der Konkreten Kunst, der sich das Reutlinger Kunstmuseum verschrieben hat.

Der Gründer des Museums und Namensgeber der Wandel-Hallen, Manfred Wandel, sammelte nämlich Werke genau dieser Kunstrichtung. Die Werke der jüngsten Künstlerin, Linda Carrara, geboren 1984, sind eigens für die Ausstellung nach Reutlingen geholt worden und nicht Teil der Sammlung des Museums.  

„Als Kurator versucht man ja immer, Verbindungslinien herzustellen, oder überhaupt zu spüren”, erklärt Holger Kube Ventura. „Und als ich das Werk von Linda Carrara gesehen habe, dachte ich, dass das verwandt ist mit den Positionen, die wir in der Sammlung haben. Die Werke scheinen wie füreinander gemacht zu sein.”

Kurator Holger Kube Ventura vor einem Kunstwerk von Marco Gastini
Kurator Holger Kube Ventura vor einem Kunstwerk von Marco Gastini. Luisa Klink

Linda Carrara: Rückbesinnung auf die Fresken alter Meister

Linda Carrara ist maßgeblich für den zweiten Teil des Titels „Falscher Marmor“ verantwortlich. Ihre Kunst beschäftigt sich mit dem edlen Gestein, das sie auf vielfältigste künstlerische Art und Weise interpretiert – aber nicht kopiert.  

„Es handelt sich vielmehr um eine künstlerische Arbeit, bei der die Malerei im Vordergrund steht”, so die Künstlerin. „Sie vermittelt den Eindruck von Marmor, was auch in der gesamten Kunstgeschichte vorkommt.”

Auch Künstler wie Fra Angelico, Giotto oder Masaccio hätten sich mit der Präsenz von Objekten in Fresken befasst und die Bildszenen mit Elementen aus falschem Marmor unterbrochen, so Carrara.

Linda Carrara, Equinozio di Settembre (2024), Gelber Siena-Marmor
Linda Carrara, Equinozio di Settembre (2024), Gelber Siena-Marmor. Kunstmuseum Reutlingen | Holger Kube Ventura

Die Verbindung von Name und Material ist bei Linda Carrara purer Zufall

Ihr Nachname sei da oft irreführend. Die Verbindung zum Carrara-Marmor sei purer Zufall, sagt Linda Carrara: „Erst nachdem ich mit dem Material Marmor gearbeitet habe, wurde mir klar, oder besser gesagt, klargemacht, dass mein Name von diesem edlen Stein herrührt. Er gab nicht den Ausschlag für die künstlichen Marmorarbeiten.“ 

Neben täuschend echt aussehenden Marmorplatten, -Säulen und -Stelen macht sie Natur in ihrem Œuvre auch darüber hinaus künstlerisch erfahrbar. So paust sie Felsen, Waldböden oder Kieswege kurzerhand ab und lässt die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. 

Werke zeigen den Technologie-Optimismus der 1960er-Jahre

Dieses Spiel mit der Täuschung gelingt auch den beiden inzwischen verstorbenen Künstlern Marco Gastini und Giuseppe Spagnulo. Zusammen mit Gilberto Zorio wurde ihre Kunst durch politische und soziokulturelle Konflikte der 1960er- und 1970er-Jahre in Italien geprägt – eine Zeit der Fortschrittseuphorie und des Technologieoptimismus.

Großes zu erschaffen eint sie dabei alle. So sticht etwa das imposante Werk von Marco Gastini an einer Wand der Halle ins Auge. Es gleicht willkürlichen Klecksen, aber auch das ist eine Illusion. Tatsächlich sind es 34 unterschiedlich große Bleiklumpen, die an die Wand montiert, und ansonsten in einer kleinen Kiste der Museumssammlung aufbewahrt werden. 

Giuseppe Spagnulo, Le armi di Achille (1980)
Giuseppe Spagnulo, Le armi di Achille (1980). Kunstmuseum Reutlingen | Holger Kube Ventura

Galaktische Atmosphäre im Kunstmuseum Reutlingen

Die Arbeit hatte der Künstler in den 1990er-Jahren eigens für die Wandel-Hallen in Reutlingen konzipiert. Jetzt wurde sie nach einem detailgetreuen Plan wieder an die Wand gebracht.  

„Ein explodierender Rhythmus an der Wand, der aussieht wie eine planetarische Konstellation oder vielleicht auch mikroskopisch klein sein könnte“ , erklärt Kube Ventura. „Man spricht hier von einem sogenannten ‚All over‘. Das heißt, das Bild ist nicht begrenzt, könnte sich in jede Richtung fortsetzen. Es sieht aus wie ein Ausschnitt aus etwas Universellem und das ist hier auch gemeint.“ 

Sterne aus Draht, Marmorscheiben, die dem Mond ähneln und Bleikleckse, die nach Universumssprenkeln aussehen – einfach galaktisch.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Luisa Klink
Onlinefassung
Dominic Konrad