Melanie Garanin ehrt Rilke zum 150. Geburtstag

Auf Tuchfühlung mit einem Lyriker – „Mein Freund Rilke“ als Graphic Novel

Zum 150. Geburtstag hat die Berliner Comic-Künstlerin Melanie Garanin dem Dichter Rainer Maria Rilke eine Graphic Novel gewidmet, die weit über die klassische Biografie hinausgeht.

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Von Autor/in Silke Arning

„Von Tod und Wut. Und von Mut“ handelt Melanie Garanins erster Comic, in dem sie vor fünf Jahren den Tod ihres Sohnes Nils zum Thema gemacht hat. Damals habe sie, so erzählt sie im Comic, das Mut machende Wort, bei Rilke gefunden: „Zeitlos schwülstig“, aber zerstörte Herzen streichelnd.

Man sieht in einer kleinen Szene wie der Dichter zum Ansprechpartner, zum Seelenverwandten, wird.

Aus dem Buch: Mein Freund Rilke von Melanie Garanin, S.39
Aus dem Buch: „Mein Freund Rilke“ von Melanie Garanin

Im Zusammenspiel mit Rilke

„Da habe ich ihn vorgestellt als ‚Mein Freund Rilke‘“, erklärt Garanin. „Ich habe ihn gefragt, ob ich ihn so vorstellen darf, weil er mir bald so eine Stütze war in schweren Zeiten. Und später dann in normalen Zeiten und auch in lustigen Zeiten. ich glaube, er ist deshalb mein Freund, weil ich gut seine Gedichte sehen kann.“

Wenn sie seine Werke lese, habe sie den Eindruck, dass sie in manchen Sachen die Welt ähnlich sehen, so die Zeichnerin: „Das ist wie so ein Zusammenspiel.“ Ihrem Freund Rilke hat die Berliner Comic-Künstlerin jetzt ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk gemacht: In ihrer neuen Graphic Novel schickt sie die Kulturjournalistin Ellen auf die Spuren des Dichters.

Aus dem Buch: Mein Freund Rilke von Melanie Garanin, S. 84
Aus dem Buch: „Mein Freund Rilke“ von Melanie Garanin

Eine Kulturjournalistin trifft auf Herrn R.

Auf zwei Ebenen bewegt sich die Erzählung: in Sepiafarben getauchte Bilder skizzieren kenntnis- und detailreich die Lebensgeschichte Rilkes, die immer wieder von Ellens Recherchereise im Hier und Jetzt unterbrochen wird.

Die Journalistin hat mit ihrer beruflichen Karriere abgeschlossen. Ihr Ehrgeiz habe dem Alltag nicht stand gehalten, muss sie sich eingestehen. Aber nun will sie sich noch einmal mit ein paar sorgfältig recherchierten Online-Artikeln zu Rilke profilieren.

Auf einer Ausstellungseröffnung in Worpswede läuft sie einem Mann, Herrn R., in die Arme. Dieser zeigt ebenso wie Ellen wenig Interesse an den wohlfeilen Festtagsreden.

Aus dem Buch: Mein Freund Rilke von Melanie Garanin, S.36

Am Anfang stand die Idee einer Liebesgeschichte

Sie habe die Idee gehabt, eine Liebesgeschichte zu zeichnen, so Garanin: „Ich wollte unbedingt so eine romantische Komödie oder Tragödie, also wie einen Spielfilm zeichnen. Ich hatte nicht vor, eine Biografie über Rilke zu zeichnen und dann überlegt, daraus eine Liebesgeschichte zu machen. Es war eher umgedreht.“

Rilke wäre passend als Hauptfigur. In wen kann man sich nicht besser verlieben als in Rilke?

Rilke wird von nun an Ellens ständiger Begleiter. Zusammen erobern sie Paris, sie diskutieren über Rilkes Verhältnis zu Frauen und über Rodins Skulpturen. Sie lachen, scherzen, machen ein gemeinsames Selfie auf der Bank und schauen mit hoch rotem Kopf in den nächtlichen Sternenhimmel.

Autorin und Comiczeichnerin Melanie Garanin (* 1972)
Autorin und Comiczeichnerin Melanie Garanin (* 1972).

Liebesnacht mit einem Weltklasse-Dichter

Der Auftakt für eine stürmische Liebesnacht: „Ich wollte eine Liebesgeschichte und ich wollte unbedingt mal Bettszenen zeichnen. Das wollte ich von Anfang an“, sagt Zeichnerin Garanin. Ihre Lektorin habe ihr von Anfang an davon abgeraten: Bettszenen im Comic seien immer peinlich. „Aber ich habe gesagt: ich will das trotzdem.“

Ganz schön mutig, den gefeierten Dichter empfindsamer Lyrik auf dünnen, unrasierten Beinen nackig durchs Schlafzimmer schlappen zu lassen. Es sind witzige, detailverliebte, sehr filigrane, bunte Tuschezeichnungen, mit denen Melanie Garanin diese Liebesgeschichte erzählt. Und überall tauchen Zitate und Gedichte Rilkes wie Post-its auf gelben Zetteln auf.

Aus dem Buch: Mein Freund Rilke von Melanie Garanin, S. 118
Aus dem Buch: „Mein Freund Rilke“ von Melanie Garanin

Eine Graphic Novel, die nach Abenteuer schmeckt

„Teilweise hat es eine Logik, teilweise hat es auch einen Sinn. Manchmal ist es reine Intuition, manchmal ist es purer Zufall von mir, der dann wiederum verrückt gut passt“, sagt Melanie Garanin. „Aber das ist das, was ich an Rilke so lieb hab. Dass der Zufall, Textstellen zu finden, manchmal mehr ist als Zufall.“

Man blättert manchmal so rein und es ist schicksalhaft, dass man diese eine Seite so aufgeblättert hat.

„Mein Freund Rilke“ – ist eine pfiffig konstruierte Graphic Novel, die nach Aufbruch und Abenteuer schmeckt. So einen Freund hätte man auch ganz gern.

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Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Silke Arning
Moderatorin Silke Arning
Onlinefassung
Dominic Konrad