Das moderne Leben in Paris um 1900
Damen im Sonntagskleid mit Hütchen und Regenschirm, die sich bei ihren herausgeputzten Männern unterhaken. Dazwischen Kutschen, Marktstände, im Hintergrund die typischen hohen Pariser Hausfassaden: So malte Pierre Bonnard seine Version eines Pariser Boulevards, mit schnellen, fast flüchtig geführten Pinselstrichen – eine impressionistische Lithografie aus dem Jahr 1900.
Ein Eindruck, der sinnbildlich für „La vie moderne“ steht, also: für die damalige Vorstellung des „modernen Lebens“.
Das begann, so Kuratorin Ursula Drahoss, spätestens mit dem radikalen Umbau von Paris durch den Stadtplaner Georges Eugène Haussmann: „Große Boulevards, Unterhaltungslokale, all das entstand. Dadurch formierte sich eine ganz neue Gesellschaft, die mit ihren politischen Unruhen und der sozialen Frage den Künstlern neue Motive und Blickwinkel zeigte.“
Zeit der großen Umbrüche
Also eine Zeit der Umbrüche – nicht nur städtebaulich, sondern auch in der Welt der Malerei. Die französische Künstler-Avantgarde der Belle-Époque hat keine Lust mehr, wie bisher historische oder mythologische Dramen auf Leinwände zu malen. Sie will viel lieber die Gegenwart, den Alltag der ganz normalen Menschen in der Großstadt in den Blick nehmen.
Wie zum Beispiel Henri Toulouse-Lautrec, der mit ganz neuer künstlerischer Perspektive Werbeplakate malte. Unter anderem für das Künstler-Café „Le divan Japonais“ im Pariser Montmartre-Viertel.
Armut und Existenzängste
Auf weiteren Grafiken werden aber auch Existenzen am Rande der Gesellschaft und bittere Armut dargestellt. Sehr beeindruckend: Die Radierung „Le Repas frugal“ – die karge Mahlzeit – aus dem Jahr 1903 von Pablo Picasso.
Ein Mann und eine Frau sitzen am Tisch, ihre Körper ausgemergelt, davor ein leerer Teller und ein halbleeres Glas Wein. „Das karge Mahl ist in einer Zeit entstanden, als Picasso als einfacher Künstler nach Paris kam, in einer armen Lebenssituation verhaftet, noch nicht der große Star“, sagt Drahoss.
Grafiken können es aufnehmen mit der großen Malerei
Ein Teil der Ausstellung bildet unter der Überschrift „Stadtflucht“ einen deutlichen Kontrast zur hektischen Metropole Paris – mit Bildern zum Beispiel von Emile Bernard, vom vermeintlich ruhigen und entspannten Landleben in der Bretagne. All dies und mehr zeigt, welche Schätze im Depot der Mannheimer Kunsthalle schlummern.
Es mag Menschen geben, die Radierungen, Zeichnungen und Lithografien nur als „kleine Schwestern der Malerei“ abtun. Doch sie irren. Zurecht bereitet die Kunsthalle jetzt einem Teil ihrer Grafiksammlung eine große Bühne.
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