Neuer Blickwinkel auf die Sammlung

Es gibt mehr als nur eine Geschichte: Queere Perspektive im Landesmuseum Württemberg

Welche Geschichten erzählt ein Museum und welche bleiben draußen? Das Landesmuseum Württemberg im Stuttgarter Alten Schloss lädt zu einer neuen Betrachtungsweise ein. Zusammen mit Künstler*innen und Kurator*innen der queeren Community wurde die Schausammlung nach Lücken hinterfragt.

Teilen

Stand

Von Autor/in Silke Arning

Was wird erzählt? Und was nicht?

Dieses Geschichtskapitel ist kein Geheimnis: König Karl von Württemberg mochte Männer. „Ich fühle, wie wir uns lieben“, schreibt sein „Intimfreund“ Tully an seinen geliebten Karl. „Er hatte einen Liebhaber namens Charles Woodcock Sauvage – kann man sich fast nicht ausdenken für den Partner eines schwulen Königs“, sagt Elfi Carle, zuständig für kulturelle Teilhabe am Landesmuseum Württemberg.

„Der war Vorleser am Hof und hat auch durchaus Einfluss auf das Leben von Karl gehabt. Es ist eigentlich eine offen ablesbare Geschichte, die aber nicht mit diesen Begriffen arbeitet – „homosexuell“, „queer“ – weil Homosexualität war strafbar, war kriminalisiert. Auch bei Königen finden wir dadurch ablenkende Begriffe, die wiedergeben: was nicht sein darf, kann nicht sein“, führt Elfi Carle aus.

König Karl von Würtemberg
König Karl von Würtemberg (1823–1891). Sein homosexuelles Liebesleben galt als verwerflich, als „unnatürliches Laster der Unkeuschheit“. Pressestelle Landesmuseum Württemberg | H.Zwietasch

Geschichte soll nicht umgeschrieben, sondern ergänzt werden

Zwischen den herrschaftlichen Gemäldeportraits von Karl und seiner Frau, der Großfürstin Olga, macht eine Station diese andere Seite des württembergischen Königs sichtbar: Man kann sich in den Briefwechsel mit dem Freund vertiefen, öffentliche Reaktionen in der Presse verfolgen oder wie Homosexualität in der damaligen Gesellschaft bewertet wurde, welche Code-Wörter benutzt wurden.

Zusammen mit Künstler*innen und Kurator*innen der queeren Community Stuttgart hat ein Museumsteam sieben Interventionen geschaffen, die ganz bewusst zwischen die Vitrinen und damit in die traditionelle Museumserzählung gestellt wurden. Es gehe nicht darum, die Geschichte umzuschreiben, betont die Direktorin des Landesmuseums Württemberg, Christina Haag.

Wir bieten nicht eine andere Interpretation an, sondern wir stellen in erster Linie Fragen. Wir fordern auch unsere Besuchenden heraus und sagen: Wenn Du die oder die Brille aufsetzt, dann hat das Objekt vielleicht eine andere Geschichte zu erzählen.

Mehr als eine Realität: Queere Perspektiven in der Schausammlung
Besucher*innen sind eingeladen, Geschichte neu zu entdecken. Pressestelle Landesmuseum Württemberg | J. Leliveldt | M. Damian

Liegt in dem mittelalterlichen Männergrab ein Liebespaar?

Die queere Kuratorin Ida Liliom ist vor allem bei den archäologischen Funden schwer ins Grübeln gekommen. „Bei den Knochen fand ich es spannend, dass da anhand sehr weniger Attribute zum Beispiel Geschlecht oder Klasse festgestellt wird und so vieles, was man gar nicht ablesen kann. Und genau mit dieser Lückenhaftigkeit fand ich es spannend reinzugehen: Welche Interpretationen gab es denn dann von der Gesellschaft? Was sagen die aus darüber, wie die kuratierende Person die Gesellschaft wahrgenommen hat. Warum es nie queere Interpretationen gab, wenn man das Gegenteil nicht beweisen kann?“

Ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist ein Männergrab aus dem Mittelalter, das jahrzehntelang in nationalsozialistischer Lesart als Kriegergefolgschaft interpretiert wurde.

Mehr als eine Realität: Queere Perspektiven in der Schausammlung
Woran und an wen erinnern Museen? Und welche Geschichten, Perspektiven und Lebensrealitäten fehlen dabei? Pressestelle Landesmuseum Württemberg | J. Leliveldt | M. Damian

Doch wie zwei der Männer bestattet wurden, das könne man auch ganz anders lesen, meint Sammlungsleiter Georg Kokkotidis: „Ich meine, wenn Sie zwei Männer untergehakt im Grab liegen haben mit einander zugewandten Gesichtern, dann würde man heute natürlich zuerst denken: Ja, die haben eine Beziehung in irgendeiner Weise. Es gibt eine DNA-Analyse, die beiden waren nicht verwandt. Also können wir das so interpretieren, dass wir es hier mit einer Liebesbeziehung, einer intimen Beziehung zu tun haben.“

Verschieden farbige Karten verdeutlichen an dieser Station die unterschiedlichen Sichtweisen auf dieses mittelalterliche Männergrab.

Neue Perspektiven auf die Sammlung

Das Landesmuseum Württemberg hat mit den queeren Interventionen einen bemerkenswerten Schritt unternommen. Denn letztlich geht es um die Machtfrage: Wer bestimmt was und wie etwas im Museum gezeigt wird?

Aisha Soraya, der queeren Mitkuratorin, geht es vor allem um das Museum als Instanz: „Warum halt gerade marginalisierte Gruppen da selten Zugriff zu hatten und ihre eigenen Geschichten teilen können, obwohl die ja auch Teil unserer Geschichte sind.“

Mehr als eine Realität: Queere Perspektiven in der Schausammlung
Mit neuen Perspektiven wird der Blick auf bislang unsichtbare Geschichten geöffnet. Pressestelle Landesmuseum Württemberg | J. Leliveldt | M. Damian
Basel

Kunstmuseum Basel Ausstellung „The First Homosexuals“: Queere Codes und Kunst im 19. Jahrhundert in Basel

Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel zeigt: Der Begriff „homosexuell“ veränderte Kunst und Identität – mit queeren Codes, Bildern und Geschichten aus dem 19. Jahrhundert.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Gespräch Martin Weinzettl: „Heute würde man sagen, Dürer war schwul“

„Wish you were queer“. Unter diesem Titel thematisiert das Museum im Prediger in Schwäbisch Gmünd die Sichtbarkeit und Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in Kunst und Geschichte. Für Kurator Martin Weinzettl ein Herzensprojekt.

Gespräch SWR Kultur

Sexuelle Vielfalt in der Klassik Klassik goes Pride: Diese Komponistinnen und Komponisten liebten queer

Sommer ist Pride-Zeit, die LGBTIQ*-Szene feiert und demonstriert. Auch prominente Komponistinnen und Komponisten empfanden queer. Wir stellen acht von ihnen vor.

Treffpunkt Klassik SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Silke Arning
Moderatorin Silke Arning