Was wird erzählt? Und was nicht?
Dieses Geschichtskapitel ist kein Geheimnis: König Karl von Württemberg mochte Männer. „Ich fühle, wie wir uns lieben“, schreibt sein „Intimfreund“ Tully an seinen geliebten Karl. „Er hatte einen Liebhaber namens Charles Woodcock Sauvage – kann man sich fast nicht ausdenken für den Partner eines schwulen Königs“, sagt Elfi Carle, zuständig für kulturelle Teilhabe am Landesmuseum Württemberg.
„Der war Vorleser am Hof und hat auch durchaus Einfluss auf das Leben von Karl gehabt. Es ist eigentlich eine offen ablesbare Geschichte, die aber nicht mit diesen Begriffen arbeitet – „homosexuell“, „queer“ – weil Homosexualität war strafbar, war kriminalisiert. Auch bei Königen finden wir dadurch ablenkende Begriffe, die wiedergeben: was nicht sein darf, kann nicht sein“, führt Elfi Carle aus.
Geschichte soll nicht umgeschrieben, sondern ergänzt werden
Zwischen den herrschaftlichen Gemäldeportraits von Karl und seiner Frau, der Großfürstin Olga, macht eine Station diese andere Seite des württembergischen Königs sichtbar: Man kann sich in den Briefwechsel mit dem Freund vertiefen, öffentliche Reaktionen in der Presse verfolgen oder wie Homosexualität in der damaligen Gesellschaft bewertet wurde, welche Code-Wörter benutzt wurden.
Zusammen mit Künstler*innen und Kurator*innen der queeren Community Stuttgart hat ein Museumsteam sieben Interventionen geschaffen, die ganz bewusst zwischen die Vitrinen und damit in die traditionelle Museumserzählung gestellt wurden. Es gehe nicht darum, die Geschichte umzuschreiben, betont die Direktorin des Landesmuseums Württemberg, Christina Haag.
Wir bieten nicht eine andere Interpretation an, sondern wir stellen in erster Linie Fragen. Wir fordern auch unsere Besuchenden heraus und sagen: Wenn Du die oder die Brille aufsetzt, dann hat das Objekt vielleicht eine andere Geschichte zu erzählen.
Liegt in dem mittelalterlichen Männergrab ein Liebespaar?
Die queere Kuratorin Ida Liliom ist vor allem bei den archäologischen Funden schwer ins Grübeln gekommen. „Bei den Knochen fand ich es spannend, dass da anhand sehr weniger Attribute zum Beispiel Geschlecht oder Klasse festgestellt wird und so vieles, was man gar nicht ablesen kann. Und genau mit dieser Lückenhaftigkeit fand ich es spannend reinzugehen: Welche Interpretationen gab es denn dann von der Gesellschaft? Was sagen die aus darüber, wie die kuratierende Person die Gesellschaft wahrgenommen hat. Warum es nie queere Interpretationen gab, wenn man das Gegenteil nicht beweisen kann?“
Ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist ein Männergrab aus dem Mittelalter, das jahrzehntelang in nationalsozialistischer Lesart als Kriegergefolgschaft interpretiert wurde.
Doch wie zwei der Männer bestattet wurden, das könne man auch ganz anders lesen, meint Sammlungsleiter Georg Kokkotidis: „Ich meine, wenn Sie zwei Männer untergehakt im Grab liegen haben mit einander zugewandten Gesichtern, dann würde man heute natürlich zuerst denken: Ja, die haben eine Beziehung in irgendeiner Weise. Es gibt eine DNA-Analyse, die beiden waren nicht verwandt. Also können wir das so interpretieren, dass wir es hier mit einer Liebesbeziehung, einer intimen Beziehung zu tun haben.“
Verschieden farbige Karten verdeutlichen an dieser Station die unterschiedlichen Sichtweisen auf dieses mittelalterliche Männergrab.
Neue Perspektiven auf die Sammlung
Das Landesmuseum Württemberg hat mit den queeren Interventionen einen bemerkenswerten Schritt unternommen. Denn letztlich geht es um die Machtfrage: Wer bestimmt was und wie etwas im Museum gezeigt wird?
Aisha Soraya, der queeren Mitkuratorin, geht es vor allem um das Museum als Instanz: „Warum halt gerade marginalisierte Gruppen da selten Zugriff zu hatten und ihre eigenen Geschichten teilen können, obwohl die ja auch Teil unserer Geschichte sind.“
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