Tschaikowsky, Chopin, Bernstein, Smyth – die Liste schwuler, lesbischer, bisexueller und transidentitärer Komponistinnen und Komponisten ist lang. Da mag man sich im ersten Moment fragen: Ja, und weiter? Warum soll das denn bitte wichtig sein?
Wichtig ist es in jedem Fall. Bei Schriftstellerinnen und Schriftstellern wird weithin akzeptiert, dass biografische Aspekte einen nicht unerheblichen Einfluss auf das künstlerische Werk haben. Bei anderen Kunstschaffenden, eben auch bei Komponistinnen und Komponisten, ist das nicht anders.
Während wir heute in einer Zeit leben, in der wir unterschiedliche Identitäten genau benennen können, gab es diese Bezeichnungen in anderen Jahrhunderten noch nicht. Trotzdem waren sie stets Teil der Gesellschaft. Deshalb lässt sich in klassischer Musik aller Epochen die Queerness ihrer Urheber erkunden.
Wir stellen acht bemerkenswerte Komponist*innen jenseits der Hetero-Norm vor.
- Peter Tschaikowsky
- Franz Schubert
- Frédéric Chopin
- Ethel Smyth
- Jean-Baptiste Lully
- Leonard Bernstein
- Wendy Carlos
- Benjamin Britten
Peter Tschaikowsky (1840-1893)
Tschaikowskys Sexualität bewegt bis heute die Gemüter – allen voran in seiner russischen Heimat. Immer wieder suchte Tschaikowsky die Nähe zu Männern, unter ihnen der Violinist Iossif Kotek. Über diese Beziehung schrieb der Komponist in einem Brief an seinen Bruder Modest: „Ich bin so verliebt, wie ich es lange nicht war.“
Seine Ehe mit der neun Jahre jüngeren Antonina Miljukowa sollte Gerüchte über seine Homosexualität zerstreuen, nach nur sechs Wochen suchte Tschaikowsky jedoch die Trennung.
Unter anderem Tschaikowskys berühmtestes Ballett „Schwanensee“ wird gerne bemüht, um eine Verbindung zwischen seiner Musik und seiner Liebessehnsucht herzustellen.
Im Ballett wird Odette in einen weißen Schwan verwandelt und muss erleben, wie der geliebte Prinz einer anderen Frau, der verzauberten Odile, verfällt. Choreograph Matthew Bourne hat in seiner berühmten Interpretation des Stücks die Geschichte homoerotisch umgedeutet.
Franz Schubert (1797-1828)
Franz Schubert gilt als Begründer des romantischen Kunstliedes. Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Enge, teils schwärmerische Freundschaften mit Männern wie Franz von Schober und Johann Mayrhofer haben zu Spekulationen über seine sexuelle Orientierung geführt.
Musikwissenschaftler Maynard Solomon argumentierte 1981 erstmals öffentlich, dass Schuberts erotische Beziehungen überwiegend mit Männern waren. Die These stieß auf heftige Ablehnung und offenbarte lange verdrängte Homophobie in der Musikwissenschaft. Die Debatten darüber dauern bis heute an.
Frédéric Chopin (1810-1849)
Auch Frédéric Chopin wurde Opfer homophober Wissenschaft. Er führte eine emotionale und erotische Beziehung mit seinem früheren Klavier-Mitschüler Tytus Woyciechowski, später Politaktaktivist und Kunstmäzen, auf die einige Briefe mit leidenschaftlichen Liebesbekundungen hindeuten. Die Briefe wurden später zensiert oder mit weiblichen statt männlichen Pronomen aus dem Polnischen übersetzt.
Auffällig ist, dass ausgerechnet die Briefe, welche Chopin von Tytus Woyciechowski und weiteren Männern erhielt, als verschollen gelten. Sie enthalten vermutlich auch Homoerotisches. In Polen wird Chopin als Nationalheld verehrt, seine Liebe zu Männern ist politisch brisant.
Den Brief, in welchem Du sagst ich solle Dich küssen, habe ich erhalten.
Ethel Smyth (1858-1944)
Ethel Smyth machte sich als eine der ersten Frauen in England einen Namen mit großen Opern. Als Komponistin kämpfte sie zeitlebens gegen Misogynie. Ihre Musik wurde weniger inhaltlich und mehr durch gesellschaftliche Vorurteile kritisiert.
Smyth entstammt einer wohlhabenden Familie und konnte ihre privilegierte Stellung nutzen, um offen in Beziehungen mit Frauen zu leben. An ihre einzige heterosexuelle Affäre mit Harry Brewster schrieb sie mal: „Ich frage mich, warum es mir so viel leichter fällt, mein eigenes Geschlecht leidenschaftlich zu lieben, als deines?“
Ihre Leidenschaft zu Frauen schürte auch Smyths Feminismus. Sie kämpfte für Frauenrechte und forderte Gleichberechtigung. Als Suffragette komponierte sie Werke wie „The March of the Women”, das zur Hymne der englischen Frauenbewegung wurde.
Jean-Baptiste Lully (1632-1687)
Jean-Baptiste Lully wurde als Giovanni Battisti Lulli in Italien geboren und kam als Hauslehrer für die Cousine Ludwigs XIV, Anne-Marie Louise d'Orléans, nach Frankreich. Er prägte mit Werken wie „Armide“ die französische Oper nachhaltig und wurde später ein zentraler Künstler am Hof von Ludwig XIV. Als Favorit des Königs stieg er rasch auf.
Lully heiratete 1662 Magdelaine Lambert, mit der er sechs Kinder bekam. Daneben soll er zahlreiche außereheliche Affären mit Frauen und Männern geführt haben. 1685 war Lully in eine Affäre mit einem jungen Musikpagen verwickelt, die der König nicht mehr ignorieren konnte.
Gleichgeschlechtliche Beziehungen standen im Frankreich des 17. Jahrhunderts unter Strafe, wurde in Teilen des Adels aber geduldet. Lully wurde nicht verfolgt, fiel aber in Ungnade des Königs. Er musste die Beziehung beenden und verlor sein Ansehen am Hof.
Leonard Bernstein (1918-1990)
Heute ist Leonard Bernstein als Schöpfer der „West Side Story“ und als einer der charismatischsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts in bester Erinnerung. Insbesondere die von ihm dirigierten Aufnahmen von Beethovens und Mahlers Sinfonien gelten bis heute als Referenzalben.
1951 heiratete Bernstein die Schauspielerin Felicia Cohn Montealegre, wohl auch um der Verfolgung Homosexueller in der McCarthy-Ära zu entkommen. Nach der Hochzeit schrieb seine Frau ihn einem Brief:
Du bist ein Homosexueller und wirst dich vielleicht nie ändern. Du gibst die Möglichkeit eines Doppellebens nicht zu, aber wenn dein Seelenfrieden, deine Gesundheit, dein gesamtes Nervensystem von einem bestimmten sexuellen Muster abhängen, was kannst du tun?
Das Paar hatte drei Kinder. Als sich in den 1970er-Jahren nach den Stonewall-Aufständen die Akzeptanz schwuler Beziehungen langsam verbesserte, trennte sich das Paar. Sie blieben bis zu Montealegres Tod 1978 verheiratet.
Wendy Carlos (geb. 1939)
Wendy Carlos revolutionierte mit „Switched-On Bach” die elektronische Musik. Das Album gewann drei Grammys und machte Synthesizer in der klassischen Musik salonfähig.
Auch wenn Carlos schon als Kind weiß, dass sie eine Frau ist, veröffentlicht sie ihre ersten Alben noch unter männlichem Geburtsnamen. 1968 beginnt sie ihre Geschlechtsangleichung, als „Switched-On Bach” überraschend ein Erfolg wird. Aus Angst vor Ablehnung tritt sie öffentlich weiterhin als Mann auf und verkleidet sich extra dafür: mit angeklebten Koteletten, Perücke und geschminktem Bart.
Erst zehn Jahre später sprach sie erstmals offen über ihr Leben als Transfrau. Trotz Erfolgen als Filmkomponistin („A Clockwork Orange“, „Tron“, „The Shining“) wurde sie häufig auf ihre Identität reduziert. Sie gilt heute als Pionierin, sowohl in der elektronischen Musik als auch in Sichtbarkeit von Trans-Identität in der Populärkultur.
Benjamin Britten (1913-1976)
Benjamin Britten war einer der bedeutendsten britischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Mit 24 Jahren lernte er den Tenor Peter Pears kennen. Sie wurden nicht nur künstlerische Partner, sondern pflegten auch eine lebenslange romantische Beziehung.
Ihre Beziehung prägte viele von Brittens Werken, die er häufig für Pears komponierte. Und das in einer Zeit, in der Homosexualität im Vereinigten Königreich bis 1967 unter Strafe stand und darüber hinaus ein gesellschaftliches Tabu war.
Brittens Homosexualität wurde erst nach seinem Tod der Öffentlichkeit bekannt. Seitdem wird diskutiert, ob seine Musik auch als Ausdruck innerer Konflikte gelesen werden kann. Seine letzte Oper „Death in Venice“ sehen manche als autobiografisch und als künstlerisches Coming-Out in einer homophoben Gesellschaft.