Euthanasie im Nationalsozialismus

„Ich dachte immer, dass ich eher eine Tätervergangenheit habe“ – Staatsarchiv Ludwigsburg zeigt Ausstellung zu Opfern von Grafeneck

Psychisch Kranke wurden im NS-Regime systematisch ermordet – unter anderem auf der Schwäbischen Alb, in Grafeneck. Dazu zeigt das Staatsarchiv Ludwigsburg eine neue Ausstellung.

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Von Autor/in Andreas Langen

Aktion sollte „deutsches Erbgut säubern"

Als „Aktion T4“ war sie bekannt, euphemistisch „Euthanasie“, also „schöner Tod“, eine „Vernichtung lebensunwerten Lebens“: Es geht um die Ermordung zahlloser Opfer in der NS-Zeit, die das Regime als psychisch krank oder behindert einstufte. Der Ideologie nach sollte damit eine „Säuberung“ der „deutschen Rasse“ erfolgen.

Angehörige zahlten teilweise Verpflegungsgelder, unter dem Eindruck, es handle sich bei Orten wie Grafeneck um Heilanstalten für geistig und psychisch Erkrankte.

Schloß Grafeneck
Das Schloss Grafeneck war das erste von sechs Vernichtungszentren der sogenannten Aktion T4 im Deutschen Reich. Während der NS-Zeit wurden Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen zu „lebensunwertem Leben“ erklärt, verfolgt und getötet.

Eines dieser Opfer ist der Urgroßvater von Tanja Egeler-Stephan. Vor ein paar Jahren hatte die Herrenbergerin begonnen, einen Stammbaum ihrer Familie anzulegen. Aus dem alltäglichen Projekt wurde eine erschütternde Reise ins Dunkle; denn in den Dokumenten zum Sterbeort ihres Urgroßvaters erschien plötzlich ein unheilvoller Ortsname: Grafeneck.

Familienrecherche führt zu NS-Opfer in Grafeneck

Ihr sei direkt klar gewesen, dass es sich dabei um die Tötungsanstalt handeln musste. Damals, im Jahr 1940, wurden in Grafeneck fast 10.000 Menschen getötet. Dass ihr Urgroßvater eins dieser Opfer sein sollte, habe ihr keine Ruhe gelassen.

Gottlieb Wilhelm Ebinger (links) vor seinem Wohnhaus in Murrhardt
Gottlieb Wilhelm Ebinger (links) vor seinem Wohnhaus in Murrhardt, ca. 1914.

In der Nähe von dem Heimatort, wo ich aufgewachsen bin, ist ein KZ-Außenlager. Ich dachte immer, dass ich eher eine Tätervergangenheit habe. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass wir auch so ein Opfer in der Verwandtschaft haben.

Staatsarchiv Ludwigsburg klärt Schicksal eines Grafeneck-Opfers

Gewissheit darüber bekam Tanja Egeler-Stephan erst durch das Staatsarchiv Ludwigsburg. Dort ist ein Register aller württembergischen Psychiatriepatienten von 1812 bis Ende der 1950er-Jahre erhalten, darin auch Unterlagen über ihren Urgroßvater, Gottlieb Wilhelm Ebinger.

In diesen findet sich nicht nur ein Nachweis über den Tod, sondern auch ein weiteres schockierendes Detail: Das Todesdatum stimmt nicht. Die Verantwortlichen trugen drei weitere Wochen Lebenszeit ein, obwohl Ebinger längst in der Gaskammer getötet worden war.

Christian Hofmann von Staatsarchiv Ludwigsburg erklärt das so:

Der Grund dafür war im Prinzip die Tarnung, aber auch die Tatsache, dass die Täter [weiter] Verpflegungsgelder von den Angehörigen der Ermordeten einkassiert haben.

Angehörige zahlten Verpflegungsgeld für Menschen, die längst tot waren

In Ebingers Fall waren die Umstände besonders perfide, denn die Ursache seiner psychischen Störung waren Fronterlebnisse im Ersten Weltkrieg. Dort war er bei einem Gasangriff in Frankreich verschüttet worden.

Gottlieb Wilhelm Ebinger (sitzend auf der Schaukel) mit Familie
Gottlieb Wilhelm Ebinger (sitzend auf der Schaukel) mit Familie nach dem 1. Weltkrieg.

Anfang der 1930er-Jahre wurde Ebinger in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen und erhielt die Diagnose „Schizophrenie“ – aus heutiger Sicht eine höchst ungenaue Diagnose. Als „schizophren“ wurden damals viele der Opfer bezeichnet. Welche Krankheit tatsächlich dahinter stand, ist oft unbekannt, auch bei Ebinger.

Kriegstrauma führte zur Ermordung im NS-„Euthanasie“-Programm

Fest steht, dass er, der ehemalige Gerbereiarbeiter und Kriegsveteran, bei seinem Einsatz Kriegstraumata erfahren hatte, deren Folgen später der Grund für die Ermordung durch die Nationalsozialisten waren. 

Er ist praktisch durch den Einsatz für sein Vaterland ermordet worden. Während seine Söhne an der Front waren, ist sowas in Grafeneck passiert.

Die Witwe Ebingers, Tanja Egeler-Stephans verwitwete Urgroßmutter, lebte nach dem Krieg in großer Armut und bekam nicht einmal die Kleidungsstücke ihres ermordeten Mannes zurück, von dessen Vergasung sie wusste. Ihre Bemühungen nach dem Krieg, von Behörden eine Entschädigung zu bekommen, wie es bei anderen NS-Opfern üblich ist, liefen ins Leere.

Keine Entschädigung für die Hinterbliebenen

Stattdessen teilte man ihr mit, wenn auch mit großem Bedauern, dass den Behörden die Hände gebunden seien. Eine rechtliche Grundlage für eine umfassende Entschädigung der Hinterbliebenen von Euthanasie-Opfern gab und gibt es bis heute nicht.

Hochzeitsbild von Gottlieb Wilhelm Ebinger, 1919
Gottlieb Wilhelm Ebinger mit seiner Frau (vorne mittig) bei ihrer Hochzeit 1919 in Murrhardt.

Wichtiger ist die Rolle der Archive, bei denen heute immer mehr Nachfahren von NS-Opfern Auskünfte erbitten und bekommen. Bei Tanja Egeler-Stephan sei das gesellschaftliche Phänomen von Spaltung und Hetze ihr Antrieb, erzählt sie.

Ich möchte aufzeigen, dass so was einfach nie wieder passieren darf.