Notizbuch-Skizzen zu den „Duineser Elegien“
Selbst große, bedeutende Werke der Weltliteratur haben einmal ganz klein angefangen – nämlich auf vielleicht 10 x 15 Zentimeter großem Papier, von oben bis unten eng beschrieben in winziger Ameisenschrift.
Denn zum Erstaunen von Sandra Richter, der Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, hatte Rilke die Essenz seiner berühmten Gedichtsammlung „Duineser Elegien“ bereits in einem unscheinbaren Notizbüchlein skizziert.
Sandra Richter: „Ein ganz großartiger Fund ist für mich gewesen, dass die Duineser Elegien, dieses große Spätwerk Rilkes, in einem einzigen Notizheft notiert waren, bevor er anfing in Duino, tatsächlich die letzten Elegien zu schreiben. Er hat dieses Notizheft offensichtlich immer mit sich herumgetragen in der Hoffnung, dass neue Elegien hinzukommen würden.“
Bemerkenswerte Kritzeleien und kunstfertige Skizzen.
Das Notizbuch gehört zu einer ganzen Reihe von Schätzen, die mit der Übernahme des privaten Rilke-Archivs Gernsbach 2022 ins Deutsche Literaturarchiv gekommen sind und nun erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen sind.
Dazu zählen auch die vielen Zeichnungen, die Rilke schon seit Kindertagen anfertigt: In sein Schulbuch malt er einen Soldaten mit Degen und Tornister, in Rodins Atelier fertigt er auf die Schnelle die Skizze einer Tigerskulptur an, die später zur Vorlage seines berühmten Panther-Gedichts werden wird.
Immer wieder stößt man in den Texten, Notizbüchern und Briefen auf bemerkenswerte Kritzeleien, aber auch auf kunstfertige Skizzen. Vor allem aber entlarvt die neue Ausstellung Rilkes wohl inszenierte Selbstdarstellung als einsamer, weltentrückter Dichter.
Wider Erwarten extrem gut vernetzt
Das Gegenteil ist der Fall. Rilke ist extrem gut vernetzt, findet an jedem Ort Förderer und Bewunderer. Was ihm besonders zugute kommt, als er 1915 zum Militärdienst eingezogen wird.
Vera Hildenbrandt, Leiterin der Marbacher Museen: „Dann startet wirklich eine Hilfsaktion sondergleichen von den verschiedensten Menschen des öffentlichen Lebens – Politiker, Künstler, Schriftsteller – da werden die Ministerien gestürmt und man versucht, Rilke freistellen zu lassen, was letztlich auch gelingt.“
Die Briefe in diesem Kontext zeigten laut Hildenbrandt auch, dass von Rilke sehr strategisch schreiben konnte und genau wusste, „welches Sprachregister er ziehen muss, um die Menschen für sich einzunehmen.“
Auf der Liste der Promis, die sich für Rilkes Ausmusterung stark gemacht haben, stehen auch Namen wie Hugo von Hofmannsthal, Gerhart Hauptmann oder Walter Rathenau.
In Marbach geht es um den „ganzen“ Rilke
Es sind so einige großartige Entdeckungen, mit denen diese Rilke-Ausstellung punkten kann. Eine Ausstellung, die bewusst nicht chronologisch daherkommt, sondern sehr konzentriert bestimmte Lebenswelten Rilkes in den Blick nimmt:
seine Stellung im zeitgenössischen Literaturbetrieb, der reisende, ständig neue Orte suchende Rilke, seine Rollen als Sohn, Ehemann und Vater, als Geliebter und Freund, als Leser oder auch als Gärtner in seinen letzten Lebensjahren in der Schweiz auf Schloss Muzot.
Rilke als hart arbeitender Autor
Und natürlich geht es in dieser Ausstellung auch um den schreibenden Rilke: ein Autor, den eben nicht einfach nur die Muse küsst, sondern der sich seine Werke hart erarbeitet, wie die Textentwürfe zu seinem Roman „Malte Laurids Brigge“ zeigen.
Vera Hildenbrandt: „Er hat drei verschiedene Anfänge geschrieben, drei verschiedene Enden, hatte offensichtlich viele Textfragmente, die er erst zusammenfügen musste, und das tat er bei seinem Verleger und der Gattin in Leipzig, wo man gemeinsam offensichtlich tagelang, wochenlang zusammensaß, um aus diesen Textfragmenten einen Roman zu machen.“
Schier überbordend ist die Fülle an spannenden Originalen, an Manuskripten, Briefen und anderen Texten.
Einfluss von Ehefrau Clara Rilke-Westhoff
Und immer wieder stolpert man über aufschlussreiche Details. Zum Beispiel, dass das Ehepaar Rilke getrennte Kassen führt und mit welchem Einsatz Clara Rilke-Westhoff den Laden am Laufen hält.
Als Rilke 1904 in Schweden eine Auszeit nimmt, schickt sie ihm Gymnastikhemden. Er wiederum ordert ein Paar Sandalen. Damit die Größe stimmt, legt er einen Umriss seiner Füße bei: Die Fußschablone lässt auf Schuhgröße 40 schließen.
Und noch eines zeigt die Ausstellung: Ehefrau Clara ist eine wichtige Diskussionspartnerin, die auch auf Rilkes literarische Arbeit Einfluss nimmt, so die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Sandra Richter:
Sandra Richter: „Sie sorgt dafür, dass seine Bücher, seine Texte, zum Verlag kommen. Sie ist dabei eine erste Leserin, auch seine erste Lektorin. Sie ordnet seine Neuen Gedichte in der Reihenfolge an, wie wir sie heute finden. Und manchem Text gibt sie einen neuen Namen.“
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Die literarische Welt feiert am 4. Dezember den 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke, einer der bedeutendsten deutschen Lyriker, der 1875 in Prag geboren wurde. Im Alter von 30 Jahren veröffentlichte er sein „Stunden-Buch“, das ihn als Lyriker berühmt machte. Dieser Gedichtband und weitere faszinierten das Publikum, Rilkegedichte wurden in viele Sprachen übersetzt und sie beeinflussten unzählige andere Lyrikerinnen und Lyriker in aller Welt.
Die Autoren Jan Wagner und Nobert Hummelt hatten die Idee, deutsche Schreibende dazu einzuladen, sich mit Rilke zu beschäftigen und sich zu lyrischen „Antworten“ auf Rilke inspirieren zu lassen. Die Resonanz war überwältigend. Das faszinierende Ergebnis der unterschiedlichsten Gedichte ist im Band „Tanzt die Orange – 100 Antworten auf Rilke“ im Hanser Verlag erschienen.