Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum

Neuer Blick auf Rilke: Gut vernetzt und unterstützt von Fans und Prominenten

Das Literaturmuseum Marbach zeigt Rainer Maria Rilke nicht als einsamen Dichter ist, sondern als Sohn, Ehemann, Freund und Liebhaber – und als gut vernetzten Künstler mit Unterstützern und Fans in aller Welt.

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Von Autor/in Silke Arning

Notizbuch-Skizzen zu den „Duineser Elegien“

Selbst große, bedeutende Werke der Weltliteratur haben einmal ganz klein angefangen – nämlich auf vielleicht 10 x 15 Zentimeter großem Papier, von oben bis unten eng beschrieben in winziger Ameisenschrift.

Denn zum Erstaunen von Sandra Richter, der Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, hatte Rilke die Essenz seiner berühmten Gedichtsammlung „Duineser Elegien“ bereits in einem unscheinbaren Notizbüchlein skizziert.

Rainer Maria Rilke, Entwürfe zur 9. »Duineser Elegie«, 1922
Rainer Maria Rilke, Entwürfe zur 9. „Duineser Elegie“, 1922. Pressestelle DLA Marbach

Sandra Richter: „Ein ganz großartiger Fund ist für mich gewesen, dass die Duineser Elegien, dieses große Spätwerk Rilkes, in einem einzigen Notizheft notiert waren, bevor er anfing in Duino, tatsächlich die letzten Elegien zu schreiben. Er hat dieses Notizheft offensichtlich immer mit sich herumgetragen in der Hoffnung, dass neue Elegien hinzukommen würden.“

Bemerkenswerte Kritzeleien und  kunstfertige Skizzen.

Das Notizbuch gehört zu einer ganzen Reihe von Schätzen, die mit der Übernahme des privaten Rilke-Archivs Gernsbach 2022 ins Deutsche Literaturarchiv gekommen sind und nun erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen sind.

Dazu zählen auch die vielen Zeichnungen, die Rilke schon seit Kindertagen anfertigt: In sein Schulbuch malt er einen Soldaten mit Degen und Tornister, in Rodins Atelier fertigt er auf die Schnelle die Skizze einer Tigerskulptur an, die später zur Vorlage seines berühmten Panther-Gedichts werden wird.

Skizze eines Tigers, aus Rilkes Notizbücher 19021903
Skizze eines Tigers, vermutlich inspiriert durch die Bronzestatuette eines antiken Tigers, die Rilke bei einem Besuch im Atelier des Bildhauers Auguste Rodin gesehen hat (Rilkes Notizbücher 1902/1903). Pressestelle DLA Marbach

Immer wieder stößt man in den Texten, Notizbüchern und Briefen auf bemerkenswerte Kritzeleien, aber auch auf kunstfertige Skizzen. Vor allem aber entlarvt die neue Ausstellung Rilkes wohl inszenierte Selbstdarstellung als einsamer, weltentrückter Dichter.

Wider Erwarten extrem gut vernetzt

Das Gegenteil ist der Fall. Rilke ist extrem gut vernetzt, findet an jedem Ort Förderer und Bewunderer. Was ihm besonders zugute kommt, als er 1915 zum Militärdienst eingezogen wird.

Blick in die Ausstellung „Und dann und wann ein weißer Elefant. Rilkes Welten“
Blick in die Marbacher Ausstellung „Und dann und wann ein weißer Elefant. Rilkes Welten“. Pressestelle DLA Marbach | David Arzt

Vera Hildenbrandt, Leiterin der Marbacher Museen: „Dann startet wirklich eine Hilfsaktion sondergleichen von den verschiedensten Menschen des öffentlichen Lebens – Politiker,  Künstler, Schriftsteller – da werden die Ministerien gestürmt und man versucht, Rilke freistellen zu lassen, was letztlich auch gelingt.“

Die Briefe in diesem Kontext zeigten laut Hildenbrandt auch, dass von Rilke sehr strategisch schreiben konnte und genau wusste, „welches Sprachregister er ziehen muss, um die Menschen für sich einzunehmen.“

Auf der Liste der Promis, die sich für Rilkes Ausmusterung stark gemacht haben, stehen auch Namen wie Hugo von Hofmannsthal, Gerhart Hauptmann oder Walter Rathenau.

Zeichnung eines salutierenden Husaren in Galauniform mit Säbel und Gerte, um 189091
Um 1890/91 tuscht Rilke in leuchtenden Farben einen salutierenden Husaren in schmucker Galauniform mit Säbel und Gerte. Der Titel von Rilkes Zeichnung zitiert den Refrain eines populären Gassenhauers aus Carl Millöckers Operette Die Jungfrau von Belleville (1881): „Uns von der Cavall’rie / genirt so etwas nie!“ Pressestelle DLA Marbach

In Marbach geht es um den „ganzen“ Rilke

Es sind so einige großartige Entdeckungen, mit denen diese Rilke-Ausstellung punkten kann. Eine Ausstellung, die bewusst nicht chronologisch daherkommt, sondern sehr konzentriert bestimmte Lebenswelten Rilkes in den Blick nimmt:

seine Stellung im zeitgenössischen Literaturbetrieb, der reisende, ständig neue Orte suchende Rilke, seine Rollen als Sohn, Ehemann und Vater, als Geliebter und Freund, als Leser oder auch als Gärtner in seinen letzten Lebensjahren in der Schweiz auf Schloss Muzot.

Aus Rilkes Taschenbuch von 1897
Ab 1897 ist Rilke mehrfach in Arco in der Nähe des Gardasees (Italien), wo er seine Mutter besucht, die sich dort zur Kur aufhält. Viele der von ihm besuchten Orte inspirieren ihn zu Texten, die er in kleinen Taschenbüchern niederschreibt und mit Zeichnungen versieht. Pressestelle DLA Marbach

Rilke als hart arbeitender Autor

Und natürlich geht es in dieser Ausstellung auch um den schreibenden Rilke: ein Autor, den eben nicht einfach nur die Muse küsst, sondern der sich seine Werke hart erarbeitet, wie die Textentwürfe zu seinem Roman „Malte Laurids Brigge“ zeigen.

Vera Hildenbrandt: „Er hat drei verschiedene Anfänge geschrieben, drei verschiedene Enden, hatte offensichtlich viele Textfragmente, die er erst zusammenfügen musste, und das tat er bei seinem Verleger und der Gattin in Leipzig, wo man gemeinsam offensichtlich tagelang, wochenlang zusammensaß, um aus diesen Textfragmenten einen Roman zu machen.“

Schier überbordend ist die Fülle an spannenden Originalen, an Manuskripten, Briefen und anderen Texten.

Rilkes Gedicht Herbsttag, entstanden am 21. September 1902 in Paris
Rilkes Gedicht Herbsttag zählt zu den bekanntesten deutschen Gedichten. Entstanden am 21. September 1902 in Paris, erschien es erstmals im Buch der Bilder. Pressestelle DLA Marbach

Einfluss von Ehefrau Clara Rilke-Westhoff

Und immer wieder stolpert man über aufschlussreiche Details. Zum Beispiel, dass das Ehepaar Rilke getrennte Kassen führt und mit welchem Einsatz Clara Rilke-Westhoff den Laden am Laufen hält.

Rainer Maria Rilke und Clara Rilke in Westerwede, 1901
Rainer Maria Rilke und Clara Rilke in Westerwede, 1901. Pressestelle DLA Marbach

Als Rilke 1904 in Schweden eine Auszeit nimmt, schickt sie ihm Gymnastikhemden. Er wiederum ordert ein Paar Sandalen. Damit die Größe stimmt, legt er einen Umriss seiner Füße bei: Die Fußschablone lässt auf Schuhgröße 40 schließen.

Und noch eines zeigt die Ausstellung: Ehefrau Clara ist eine wichtige Diskussionspartnerin, die auch auf Rilkes literarische Arbeit Einfluss nimmt, so die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Sandra Richter:

Sandra Richter: „Sie sorgt dafür, dass seine Bücher, seine Texte, zum Verlag kommen. Sie ist dabei eine erste Leserin, auch seine erste Lektorin. Sie ordnet seine Neuen Gedichte in der Reihenfolge an, wie wir sie heute finden. Und manchem Text gibt sie einen neuen Namen.“

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Autor/in
Silke Arning
Moderatorin Silke Arning