Jeder weiß, dass Lady Gaga ein Tattoo mit einem Zitat ihres Lieblingsdichters Rainer Maria Rilke auf dem Innenarm trägt. Aber erstaunlicherweise nicht als Übersetzung, Lady Gaga weiß was sich zum maximalen Distinktionsgewinn gehört, sondern im Original.
Der Text ist ein Test für jeden, ein Initiationscheck: „Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: Muss ich schreiben?“
Künstler darf nur der sein, der diese Frage mit einem ungebrochenen JA beantwortet - und wir gehen davon aus, dass Lady Gaga genau dies getan hat. Das besondere an der Frage Rilkes ist, dass sie nicht lautet: „Können Sie schreiben?“ Sondern „Müssen Sie“?
Seit Rilke ist Dichten kein Handwerk mehr, sondern eine Haltung, eine existentielle Befindlichkeit. Das hat er mit dem anderen gemein, der uns bis heute paradoxerweise als Dichter am nächsten steht, obwohl ihn ein undurchdringliches Geheimnis umgibt, weil wir nicht einmal wissen, ob er ein Mensch ist oder eine Fledermaus: Franz Kafka.
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Literatur als Lebenshilfe
Aber dass da einer unbedingt dichtet, seine Existenz in den Dienst der Literatur stellt, macht Rilke erstaunlicherweise zum Experten für Lebensfragen, als würde er sie von außen beobachten, als könne er etwas sehen, was uns Sterblichen verborgen bleibt.
Darum geht es bei Rilke immer um die großen Dinge, selbst wenn er einen Panther in seinem Käfig beobachtet oder ein Karussell, wie es sich dreht und dreht und „dann und wann ein weißer Elefant“ auftaucht. Das lesende Publikum hat ihn als Lebensratgeber verstanden und vielleicht gar nicht nur missverstanden.
Denn was soll man von solchen Versen halten wie: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“, oder „Hiersein ist herrlich“ oder „Sei allem Abschied voran“ oder „Was heißt hier siegen, überstehn ist alles“ oder einfach quasi als Aufforderung an sich: „Du musst dein Leben ändern“. Das meint schon, was es sagt.
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Hier beginnt die Geschichte der vielleicht bedeutendsten Gedichte von Rainer Maria Rilke.
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Die Rilke-Gemeinschaft
So wie Rilke vom angehenden Dichter erwartet, dass er sich die Frage stellt: „Müssen Sie?“, so erwartet er auch von seinen Leserinnen und Lesern: Müssen Sie?
Und wenn wir mit JA antworten, treten wir ein in eine generationenübergreifende Schicksalsgemeinschaft, in eine, wenn man so will, große Sekte, nicht in eine geschlossene Männergruppe wie sie der andere Dichter von Ratgeberliteratur dieser Zeit formierte, Stefan George, kein closed shop, sondern eine offene, inklusive, bei der alle dabei sein dürfen.
Und alle meint wirklich alle, nicht nur Menschen, sondern auch Dinge, Pflanzen, Tiere, beseelt vom Dichter Orpheus à la Rainer Maria Rilke. Das macht seine besondere Attraktion aus. Und wir und Lady Gaga und viele andere dürfen dazugehören.
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Sprüche fürs Poesiealbum
Aber sind diese Zitate denn nicht aus dem Zusammenhang gerissen? Ein berechtigter Einwand. Rilke ist kein Ratgeberliterat fürs Poesiealbum, er liebt zwar steile Sentenzen, Zitierfähiges, und das war ihm völlig bewusst.
Aber diese Verse sind oft Verdichtungen sehr komplizierter Gedankenbewegungen und höchst artifizieller poetischer Konstruktionen. Das heißt, in diesen scheinbar so gefälligen Zitaten rumort es, sie bündeln maximale Spannungen, halten sie für einen Augenblick still.
Das heißt, jeder Rat, den Rilke gibt, ist nur ein Rat für den Moment, der gleich wieder implodiert. Denn was soll es bedeuten: „Du musst dein Leben ändern“. Kann man das in Permanenz? Natürlich nicht!
„Maschine und Seele“ (Clemens Setz)
Der Dichter und Rilke-Fan Clemens Setz hat einen treffenden Gegensatz benannt, der die Gedichte von Rainer Maria Rilke trägt: „Maschine und Seele“. Und es ist die poetische Maschine, die nie stillsteht, die über jeden Ruhepunkt hinaustreibt.
Rilke war voller Dichtung. Auch für ihn gilt, was Franz Kafka für sich in Anspruch nahm: „Ich bestehe aus Literatur“. Darum gewinnt bei ihm immer die Form, das macht einen großen Dichter aus.
Aber das erstaunliche an Rilke ist, dass seine Gedanken diesem Formzwang folgen können, dass diese formalen Vorgaben zu keinem Blabla führen, sondern luzide dialektische Volten erschaffen.
Das ist schon toll und unerreicht, gerade in seinem vielleicht berühmtesten Zyklus „Duineser Elegien“ kann man das nachlesen. Nach diesem Wunderwerk der Gedankenlyrik hat er in einem wundernahen Rausch die „Sonette an Orpheus“ geschrieben, im Wundermonat Februar 1922.
Viele Wunder? Wer die Orpheus-Sonette liest, wird unbedingt dichtungsgläubig werden, denn Rilke zeigt, dass er auch das Kleinste dichterisch bewältigt, und das ist manchmal schwerer als die ganz großen Fragen anzugehen.