„Das ist unrealisierbar!“, meinte ein Kollege zu Fanni Fetzer, Museumsdirektorin des Kunstmuseums Luzern, als sie ihm von ihrem Vorhaben erzählte: Sie wolle die legendäre Ausstellung „these, antithese, synthese“ von 1935, in der fast hundert Gemälde der damaligen Avantgarde im Kunstmuseum Luzern gezeigt worden waren, rekonstruieren.
Die Werke, die damals fast alle direkt aus den Ateliers der Kunstschaffenden kamen, hängen mittlerweile in den renommiertesten Kunsthäusern auf der ganzen Welt. Zum Jubiläum bringt „Kandinsky, Picasso, Miró – zurück in Luzern“ die großen Namen nun wieder zusammen – nicht ohne Hindernisse.
Schwarz-weiß Fotografien bezeugen originale Hängung
Der Zweifel des Kollegen weckte den Ehrgeiz der Museumsdirektorin. Mit einem kleinen Team legte sie los. Es gibt wenige historische Dokumente, ein wenig Korrespondenz, einen schmalen Ausstellungskatalog. Und: Fünf schwarz-weiß Fotografien, die die damalige Hängung der Werke zeigen. Etwa von einem Ausstellungsraum, in dem drei Arbeiten von Piet Mondrian zu sehen sind.
Die Recherche nach den Bildern verlief dabei nicht immer erfolgreich, wie bei einem der Mondrian-Bilder: „Wir haben dieses Bild schließlich bei Instagram gefunden. Da hat es jemand aus einer Ausstellung in der Tate Gallery gepostet. Wir haben dann die Tate kontaktiert, die uns viele andere Arbeiten für diese Ausstellung geliehen hat.“
Das Mondrian-Werke sei aber eine private Leihgabe gewesen. Aus Datenschutzgründen leitete die Tate die Anfrage zwar weiter – eine Antwort kam jedoch nicht, so die Museumsdirektorin.
Fundraising für ein Mammut-Projekt
Dass dieses Mammut-Projekt mit 60 Bildern zustande kommen würde, war nicht immer klar: „Es gab einen Moment, da hatten wir 40 Werke gefunden und zugesichert bekommen, in dem ich dachte: Jetzt müssen wir es absagen. Mit 40 Werken kann ich die Geschichte nicht erzählen. Dann haben wir uns nochmal eine Frist gesetzt.“
Über Fundraising konnten die horrenden Kosten für Versicherungen und Transporte gestemmt werden: „Jetzt haben wir gut 90 Werke hier.“
Werke, die von Kurieren aus 15 Ländern nach Luzern gebracht worden sind, aus Museen oder von privaten Leihgebern: Gemälde von Pablo Picasso und Georges Braque, von Kandinsky, Miró, Klee und Van Gogh. Die gemeinsame künstlerische Linie: neue künstlerische Ausdrucksformen.
Luzern als Pol für die Avantgarde
Doch wieso wurde ausgerechnet das kleine Luzern damals zum Zentrum der klassischen Moderne? Ab den 1920er-Jahren verlagerte sich aufgrund der politischen Umbrüche der internationale Kunstmarkt im deutschen Sprachraum in die Schweizer Stadt.
„Galerien eröffneten, weil die moderne Kunst im aufkommenden Nationalsozialismus zunehmend unter Druck geriet“, so Fetzer. Die Arbeiten stammten von Kunstschaffenden, die in Deutschland teils als „entartet“ diffamiert worden waren. Luzern war über seine Händler bei Künstlern bekannt.
Sophie Taeuber Arp damals als einzige Künstlerin vertreten
Der Avantgarde-Gedanke wurde in der damaligen Schau jedoch nicht ganz eingelöst. Gleichberechtigung spielte nämlich keine Rolle. Neben 23 Künstlern wurde nur eine Künstlerin eingeladen, Sophie Taeuber Arp – und das auch nur auf Druck ihres Ehemannes Hans Arp, der sonst seine Werke zurückgezogen hätte.
Auch der britische Maler Ben Nicholson wollte, dass neben seinen Werken die seiner Frau, der Bildhauerin Barbara Hepworth gezeigt werden. Das dreiköpfige Kuratorenteam lehnte ab.
Grund genug für das heutige Team, an dieser Stelle von der historischen Vorlage abzuweichen: „Wir haben von Barbara Hepworth sechs Arbeiten dazu genommen, um zu zeigen, dass ihre Arbeiten mit denen von Hans Arp, Giacometti oder von Calder locker mithalten.“
Es war damals eine Schau der Superlative. Die Neuinterpretation „Kandinsky, Picasso, Miró– zurück in Luzern“ ist es noch immer.
Diskussion 100 Jahre Surrealismus – Was fängt die Kunst mit der Wirklichkeit an?
Traum und Imagination, das Unbewusste und das Unerklärliche: Vor 100 Jahren machte sich eine Kunstbewegung auf, neue Bilder für die Erfahrung des Menschen zu finden. Ein Aufbruch, der keine Sache weltabgewandter Innerlichkeit sein wollte, sondern eine Befreiung. Wie politisch war der Surrealismus? Welche kulturellen Wahlverwandtschaften suchte er sich? Und welche Bedeutung hat er heute noch? Beate Meierfrankenfeld diskutiert mit Adrian Djukić, Kurator – Lenbachhaus München; Dr. Annabelle Görgen-Lammers – Kuratorin, Hamburger Kunsthalle; Dr. Larissa Kikol – Kunstkritikerin und Kunstwissenschaftlerin