Kunstmuseum Luzern

Eine Schau der Superlative: „Kandinsky, Picasso, Miró – zurück in Luzern“

Vor 90 Jahren wurde Luzern zum Pol für die Avantgarde. Eine neue Ausstellung rekonstruiert nun die legendäre Schau „these, antithese, synthese“ von 1935 und bringt dafür fast hundert Werke aus der ganzen Welt zusammen.

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Von Autor/in Barbara Paul

„Das ist unrealisierbar!“, meinte ein Kollege zu Fanni Fetzer, Museumsdirektorin des Kunstmuseums Luzern, als sie ihm von ihrem Vorhaben erzählte: Sie wolle die legendäre Ausstellung „these, antithese, synthese“ von 1935, in der fast hundert Gemälde der damaligen Avantgarde im Kunstmuseum Luzern gezeigt worden waren, rekonstruieren.

Die Werke, die damals fast alle direkt aus den Ateliers der Kunstschaffenden kamen, hängen mittlerweile in den renommiertesten Kunsthäusern auf der ganzen Welt. Zum Jubiläum bringt „Kandinsky, Picasso, Miró – zurück in Luzern“ die großen Namen nun wieder zusammen – nicht ohne Hindernisse.

Ausstellungsansicht von 1935 im früheren Kunstmuseum Luzern
Ausstellungsansicht: These, Antithese, Synthese mit Werken von Hans Arp, Alexander Calder, Ben Nicholson, Alberto Giacometti, Hans Erni, Kunstmuseum Luzern, 1935.

Schwarz-weiß Fotografien bezeugen originale Hängung

Der Zweifel des Kollegen weckte den Ehrgeiz der Museumsdirektorin. Mit einem kleinen Team legte sie los. Es gibt wenige historische Dokumente, ein wenig Korrespondenz, einen schmalen Ausstellungskatalog. Und: Fünf schwarz-weiß Fotografien, die die damalige Hängung der Werke zeigen. Etwa von einem Ausstellungsraum, in dem drei Arbeiten von Piet Mondrian zu sehen sind.

Die Recherche nach den Bildern verlief dabei nicht immer erfolgreich, wie bei einem der Mondrian-Bilder: „Wir haben dieses Bild schließlich bei Instagram gefunden. Da hat es jemand aus einer Ausstellung in der Tate Gallery gepostet. Wir haben dann die Tate kontaktiert, die uns viele andere Arbeiten für diese Ausstellung geliehen hat.“

Das Mondrian-Werke sei aber eine private Leihgabe gewesen. Aus Datenschutzgründen leitete die Tate die Anfrage zwar weiter – eine Antwort kam jedoch nicht, so die Museumsdirektorin.

Fundraising für ein Mammut-Projekt

Dass dieses Mammut-Projekt mit 60 Bildern zustande kommen würde, war nicht immer klar: „Es gab einen Moment, da hatten wir 40 Werke gefunden und zugesichert bekommen, in dem ich dachte: Jetzt müssen wir es absagen. Mit 40 Werken kann ich die Geschichte nicht erzählen. Dann haben wir uns nochmal eine Frist gesetzt.“

Über Fundraising konnten die horrenden Kosten für Versicherungen und Transporte gestemmt werden: „Jetzt haben wir gut 90 Werke hier.“

Werke, die von Kurieren aus 15 Ländern nach Luzern gebracht worden sind, aus Museen oder von privaten Leihgebern: Gemälde von Pablo Picasso und Georges Braque, von Kandinsky, Miró, Klee und Van Gogh. Die gemeinsame künstlerische Linie: neue künstlerische Ausdrucksformen.

Luzern als Pol für die Avantgarde

Doch wieso wurde ausgerechnet das kleine Luzern damals zum Zentrum der klassischen Moderne? Ab den 1920er-Jahren verlagerte sich aufgrund der politischen Umbrüche der internationale Kunstmarkt im deutschen Sprachraum in die Schweizer Stadt.

„Galerien eröffneten, weil die moderne Kunst im aufkommenden Nationalsozialismus zunehmend unter Druck geriet“, so Fetzer. Die Arbeiten stammten von Kunstschaffenden, die in Deutschland teils als „entartet“ diffamiert worden waren. Luzern war über seine Händler bei Künstlern bekannt.

Sophie Taeuber, Echelonnement, 1934, Öl auf Leinwand
Sophie Taeuber, Echelonnement, 1934, Öl auf Leinwand.

Sophie Taeuber Arp damals als einzige Künstlerin vertreten

Der Avantgarde-Gedanke wurde in der damaligen Schau jedoch nicht ganz eingelöst. Gleichberechtigung spielte nämlich keine Rolle. Neben 23 Künstlern wurde nur eine Künstlerin eingeladen, Sophie Taeuber Arp – und das auch nur auf Druck ihres Ehemannes Hans Arp, der sonst seine Werke zurückgezogen hätte.

Auch der britische Maler Ben Nicholson wollte, dass neben seinen Werken die seiner Frau, der Bildhauerin Barbara Hepworth gezeigt werden. Das dreiköpfige Kuratorenteam lehnte ab.

Barbara Hepworth, Large and Small Form, 1934, weisser Alabaster
Barbara Hepworth, Large and Small Form, 1934, weisser Alabaster.

Grund genug für das heutige Team, an dieser Stelle von der historischen Vorlage abzuweichen: „Wir haben von Barbara Hepworth sechs Arbeiten dazu genommen, um zu zeigen, dass ihre Arbeiten mit denen von Hans Arp, Giacometti oder von Calder locker mithalten.“  

Es war damals eine Schau der Superlative. Die Neuinterpretation „Kandinsky, Picasso, Miró– zurück in Luzern“ ist es noch immer.

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Autor/in
Barbara Paul
SWR Kultur, Autorin und Moderatorin Barbara Paul