Lindenmuseum Stuttgart

Schönheit und Schmerz - die Ausstellung „Celebrating Womanhood“ beleuchtet koloniales Erbe

Für das Linden-Museum Stuttgart hat der Historiker Valence Silayo die Bedeutung ostafrikanischer Sammlungsgegenstände erforscht, indem er Interviews in Tansania führte. Dort ist die schmerzhafte Erinnerung an deutsche Gewaltherrschaft noch sehr lebendig - doch Silayo zeigt Wege der Verständigung über das schwierige koloniale Erbe.

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Von Autor/in Andreas Langen

Koloniales Erbe im Linden-Museum: „Celebrating Womanhood“

Zwei Jahre lang durchkämmten der tansanische Historiker Valence Silayo und die Ethnologin Fiona Siegenthaler die Depots des Linden-Museums. Viele Objekte aus Ostafrika sahen zum ersten Mal seit über 100 Jahren wieder Licht – und blieben doch rätselhaft.

Kuratoren der Ausstellung Valence Silayo und Fiona Siegenthaler
Kurator Valence Silayo, Fellow der Gerda Henkel Stiftung und Kuratorin der Afrika-Abteilung im Linden-Museum, Fiona Siegenthaler.

Reise nach Tansania

Silayo reiste deshalb nach Tansania, um Menschen aus der Herkunftsregion zu befragen. Ein mit Muscheln verziertes Tierfell hielten die Forscher zunächst für einen Königsteppich – bis eine alte Frau am Fuße des Kilimandscharo es besser wusste.

Sie erklärte dem Historiker, dass es sich um ein Hochzeitskleid handelt, das die Braut von ihrer Familie bekommt. „Das hat unser Verständnis völlig geändert“, so Silayo.

Frauenrollen im Fokus

Das Brautkleid ist eines von rund 30 Exponaten der Volksgruppe Chagga, die alle einen Bezug zu Frauen haben. Der Ausstellungstitel lautet deshalb „Celebrating Womanhood“. Doch das hat wenig mit westlichen Gleichberechtigungsideen zu tun – wie ein ebenfalls mit Muscheln reich verziertes Aufbewahrungsgefäß neben dem Brautkleid zeigt.

Ausstellungsblick „Celebrating Womanhood - Kulturerbe vom Kilimandscharo“
Das Linden-Museum bewahrt rund 450 Objekte aus dem Kulturerbe der Chagga in Nordtansania, die zwischen 1885 und 1918 während der deutschen Kolonialzeit oft in gewaltvollen Kontexten nach Stuttgart gelangten.

Für den Mann reserviert

„Die Ehefrau sorgt dafür, dass da immer eine Mahlzeit drin ist, und niemand außer dem Mann darf ohne seine Erlaubnis davon nehmen“, erklärt Silayo. Auch der Muschelschmuck zeige klare Rollenbilder: Er preise den Besitzer dafür, wie viele Kriege er geführt, Löwen getötet und Feinde enthauptet habe.

Schatten der Kolonialzeit

Die Geschichte dieser Objekte ist auch eine Geschichte von Gewalt. Viele Exponate gelangten während der deutschen Kolonialherrschaft nach Stuttgart – einer Zeit, in der Ostafrika unter Zwangsherrschaft stand und hunderttausende Menschen starben. Von den 1880er-Jahren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs kontrollierte das Deutsche Kaiserreich große Teile des heutigen Tansania.

Die Kolonialtruppen führten blutige Feldzüge gegen die lokale Bevölkerung, zerstörten Dörfer und zwangen die Menschen zu harter Zwangsarbeit. Auch die Chagga am Kilimandscharo erlitten brutale Niederlagen. Einige der Offiziere, die damals für diese Gewalt verantwortlich waren, überließen dem Linden-Museum ihre „Beute“ – oft Objekte, die sie auf Raubzügen mitgenommen hatten.

Kitambele Rock, Sammlungseingang 1900
Kitambele Rock, Sammlungseingang 1900, akquiriert von Kurt Johannes.

Wenn Stolz zu Wut wird

„Als wir den Chagga sagten, dass diese Objekte in Deutschland liegen, wurden einige sehr wütend. Die Grausamkeit des Kolonialismus ist noch sehr präsent“, berichtet Silayo. Für ihn sind die Objekte deshalb nicht nur kulturelle Zeugnisse, sondern auch schmerzhafte Erinnerungen an Unterdrückung und Verlust.

Kontroverse Themen sichtbar machen

Neben der Kolonialgeschichte greift die Ausstellung auch die Beschneidung von Mädchen auf – ein nach tansanischem Recht verbotenes, aber teils weiterhin praktiziertes Ritual. Kuratorin Siegenthaler sagt: „Diese Kontroversen sichtbar zu machen, ist sinnvoller, als sie zu verstecken.“

Dialog als Schlüssel

Für Silayo ist genau dieser Dialog entscheidend: „Diese Ausstellung ist ein Appell, zusammenzukommen, um zu heilen und weiterzukommen. Es ist nur ein kleines Projekt, aber für die Chagga spricht es Bände.“

Sprache Warum heißt Tee in manchen Ländern "Chai" oder "Cha"?

Dieses Phänomen erzählt viel über die Kolonialgeschichte. Tee heißt auf Persisch Chai und ähnlich klingt es im Arabischen oder im Türkischen.

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Autor/in
Andreas Langen
Andreas Langen, Autor und Redakteur, SWR Kultur