Koloniales Erbe im Linden-Museum: „Celebrating Womanhood“
Zwei Jahre lang durchkämmten der tansanische Historiker Valence Silayo und die Ethnologin Fiona Siegenthaler die Depots des Linden-Museums. Viele Objekte aus Ostafrika sahen zum ersten Mal seit über 100 Jahren wieder Licht – und blieben doch rätselhaft.
Reise nach Tansania
Silayo reiste deshalb nach Tansania, um Menschen aus der Herkunftsregion zu befragen. Ein mit Muscheln verziertes Tierfell hielten die Forscher zunächst für einen Königsteppich – bis eine alte Frau am Fuße des Kilimandscharo es besser wusste.
Sie erklärte dem Historiker, dass es sich um ein Hochzeitskleid handelt, das die Braut von ihrer Familie bekommt. „Das hat unser Verständnis völlig geändert“, so Silayo.
Frauenrollen im Fokus
Das Brautkleid ist eines von rund 30 Exponaten der Volksgruppe Chagga, die alle einen Bezug zu Frauen haben. Der Ausstellungstitel lautet deshalb „Celebrating Womanhood“. Doch das hat wenig mit westlichen Gleichberechtigungsideen zu tun – wie ein ebenfalls mit Muscheln reich verziertes Aufbewahrungsgefäß neben dem Brautkleid zeigt.
Für den Mann reserviert
„Die Ehefrau sorgt dafür, dass da immer eine Mahlzeit drin ist, und niemand außer dem Mann darf ohne seine Erlaubnis davon nehmen“, erklärt Silayo. Auch der Muschelschmuck zeige klare Rollenbilder: Er preise den Besitzer dafür, wie viele Kriege er geführt, Löwen getötet und Feinde enthauptet habe.
Schatten der Kolonialzeit
Die Geschichte dieser Objekte ist auch eine Geschichte von Gewalt. Viele Exponate gelangten während der deutschen Kolonialherrschaft nach Stuttgart – einer Zeit, in der Ostafrika unter Zwangsherrschaft stand und hunderttausende Menschen starben. Von den 1880er-Jahren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs kontrollierte das Deutsche Kaiserreich große Teile des heutigen Tansania.
Die Kolonialtruppen führten blutige Feldzüge gegen die lokale Bevölkerung, zerstörten Dörfer und zwangen die Menschen zu harter Zwangsarbeit. Auch die Chagga am Kilimandscharo erlitten brutale Niederlagen. Einige der Offiziere, die damals für diese Gewalt verantwortlich waren, überließen dem Linden-Museum ihre „Beute“ – oft Objekte, die sie auf Raubzügen mitgenommen hatten.
Wenn Stolz zu Wut wird
„Als wir den Chagga sagten, dass diese Objekte in Deutschland liegen, wurden einige sehr wütend. Die Grausamkeit des Kolonialismus ist noch sehr präsent“, berichtet Silayo. Für ihn sind die Objekte deshalb nicht nur kulturelle Zeugnisse, sondern auch schmerzhafte Erinnerungen an Unterdrückung und Verlust.
Kontroverse Themen sichtbar machen
Neben der Kolonialgeschichte greift die Ausstellung auch die Beschneidung von Mädchen auf – ein nach tansanischem Recht verbotenes, aber teils weiterhin praktiziertes Ritual. Kuratorin Siegenthaler sagt: „Diese Kontroversen sichtbar zu machen, ist sinnvoller, als sie zu verstecken.“
Dialog als Schlüssel
Für Silayo ist genau dieser Dialog entscheidend: „Diese Ausstellung ist ein Appell, zusammenzukommen, um zu heilen und weiterzukommen. Es ist nur ein kleines Projekt, aber für die Chagga spricht es Bände.“