Das Schicksal ist eine Marke
Das Schicksal ist längst eine Marke geworden. Auf den Shirts von Manon Lescaut und Renato Des Grieux prangt die gleiche Bezeichnung: "Destino“. Bei der Liebe auf den ersten Blick in der Inszenierung von Friedrike Blum am Theater Heidelberg fällt Letzterer nicht auf den Körper, sondern auf das Design.
Das passt dann offensichtlich stilistisch zusammen, die Erotik wird sich schon dazu geben. Dass es dann doch nicht gut geht miteinander, liegt hier an eben diesem Markenfetischismus des gehobenen Geldbeutels, dem sich Manon doch nicht zu entziehen vermag.
Oper im Mafiamilieu
Wir sind hier im Mafiamilieu. Zwielichtige Herren lassen sich durch dunkle Sonnenbrillen nicht ins Auge schauen. Stattdessen verzocken sie ihr Geld in einem unter Straßenniveau liegenden Spielkeller.
Oben ist das Hotel, in dem das weibliche Fleisch vertickt wird, wo Lescaut – der den Zwiespältigen heldenbaritonal schön singende Giorgos Kanaris – seine Schwester an den schmierigen Obermafioso Geronte – den knarzig singenden Gewaltmacho Wilfried Staber – verkauft, wo sie doch eigentlich den Weg der Tugend ins Kloster antreten soll, das nun sicher keine Marke ist.
Puccinis Schmelz mit Hip-Hop-Gezappel
Die vor dem Spielklub lungernde Jugend möchte gerne Teil dieses faszinierenden Mafiastyle sein, muss sich aber mit musikalischen Unterhaltungsnummern begnügen, eine Art Gangnam-Style im Puccini-Rhythmus. Den Zusammenhang von musikalischer Popkultur und der Mafia kennt man aus Coppolas "Paten“ und dem "Cotton Club".
Hier knirscht es allerding etwas im Gebälk, wenn die madrigaleske Lyrik von Des Grieux mit Puccinis Schmelz als Hip-Hop-Gezappel ausgeführt wird. Da fallen Körper und Musik mit erweitertem Gegenwartsbewusstsein leicht auseinander.
Der Tanzmeister wird zum Modemacher
Dagegen gerät der zweite Akt als große Szene vor dem der Kontrolle von Kleidung und Make Up dienenden Spiegel großartig. Die bemühten Madrigale, mit denen Geronte Manon in Puccinis den alten Stil imitierender Musik um den Finger wickeln will, präsentieren hier ein überdimensional sich ausbreitendes, mit tausenden von Diamanten glitzerndes Kleid.
Der Tanzmeister wird zum Modemacher, der Manon lehrt, wie man solches Gewand zu tragen hat, während sich Geronte mit widerlicher Lüsternheit ihr unter dem Rock kriechend nähert. Kein Wunder, dass Manon sofort die Gelegenheit ergreift, um mit dem sie endlich in diesem Luxusmilieu wiederfindenden Des Grieux durchzubrennen.
Große Duettszene - um ein Luxuskleid
Und da schlägt das Schicksal zu wie Alberichs Ring-Fluch. Musikalisch leitet sich die große Duettszene aus Wagners "Tristan und Isolde" ab und die Holzbläsermixturen erinnern bewusst an die Klangwelt der "Götterdämmerung". Manon kann nicht vom Luxuskleid lassen. Wie der Nibelungenhort liegt das zum Haufen zusammengeknüllte Kleid auf dem Boden und lässt sich einfach nicht wegraffen, bevor die von Geronte gerufene Polizei eintrifft.
Was im zweiten Akt so klug gelingt, die Fatalität des Markenfetischismus der puren Warengesellschaft, bei dem auch der Körper zu einer solchen wird, misslingt im folgenden Akt gründlich. Schon die an die Migrationsbehörde ICE erinnernde Staatsgewalt ist so plakativ wie die in orangefarbene Häftlingskleidung unvorteilhaft gekleideten, zu deportierenden Frauen.
Im dritten Akt gerät die zentrale Szene zu einem pathetischen Rampentheater
Hier überstrapaziert die ansonsten sehr geschickt vorgehende Kostümbildnerin Katharina Weissenborn ins Plakative des politischen Aktualisierungswillen. Und die Regisseurin verkennt den wahren Kern der Deportationsszene: die Niedertracht des Volks, das solches Spektakel mal mitleidig, mal hämisch in einem streng konstruktiven Concertato kommentiert.
Hier kommt es stattdessen in der Regie zu einem unstrukturierten Durcheinander, bei dem Des Grieux‘ Bekenntnis zu Manon und zur gemeinsamen Deportation zu einem händeringenden, pathetischen Rampentheater gerät.
Ein inszeniertes Konzert im letzten Akt
Den letzten Akt reduziert Friederike Blum dann wieder konsequent zu dem, was er ist: Körper und Stimme. Mehr nicht. Ein inszeniertes Konzert vor weißem Hintergrund, das des von Loriana Casagrande über die Breite der Bühnen gezogenen Podiums eigentlich nicht bedarf.
Signe Heiberg und Jaesung Kim als Manon und Des Grieux treten in alltäglicher Kleidung jenseits des Markenfetischismus auf. Hier gilt‘s allein der Kunst des Sterbens als vokales, durch Mark und Bein gehendes, im langsam dämmernden Dunkel verschwindendes Ereignis. Und das gelingt Signe Heiberg mit einer großen, in die starke Höhe strebenden Stimme, gleichsam mit der Erdung eines Mezzofundaments.
One-Woman-Show mit Signe Heiberg als eindringliche Manon Lescaut
Der Des Grieux von Jaesung Kim ist ihr mit einem gleichfalls höhensicheren Tenor ebenbürtig, wenngleich er dieser One Woman-Show manchmal etwas zu sehr den Teppich unter den Füßen wegziehen will. Puccini war nie ein Komponist für die Tenöre, sondern einer der Frauen. Ihr Schicksal interessiert ihn, das der Männer nur in geringerem Maße. Das zeigt die eindringliche Manon von Signe Heiberg.
Mit vergleichbarer Dringlichkeit agiert auch Mino Marani am Pult des Philharmonischen Orchesters. Das ist ein geradezu überhitzter Puccini, mit der hier Oper als Film über die Bühne geht. Es ist beherztes, groß gedachtes Klangkino.
Stürmischer Applaus für eine insgesamt gelungene Manon Lescaut in Heidelberg
Wenn das Solocello im Orchesterzwischenspiel vor dem dritten Akt überakzentuiert aus dem Graben steigt, dann fehlt an solchen Stellen doch die Delikatesse der Balance, die es gerade für diese frühe Puccini-Oper auch braucht. Alles in allem ist dem Theater Heidelberg aber eine durchaus eindringliche "Manon Lescaut" für das Hier und Jetzt gelungen und wird mit stürmischem Applaus gefeiert.
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