90 muss gefeiert werden, findet Ingrid Noll.
Eigentlich sei sie kein großer Geburtstagsfan, gesteht Ingrid Noll. Aber diesen Tag will sie dann doch nicht einfach so vorbeiziehen lassen. „90 muss gefeiert werden“, sagt sie. Die Familie sei eingeladen, es hätten alle zugesagt.
Es wird daher sicher voll werden in dem schon etwas älteren, aber immer noch sehr charmanten Einfamilienhaus mit grünen Klappläden, wildem Wein bis rauf zur Dachrinne und heimeligem Garten.
Ihre Mörderinnen: unscheinbar mit einem deutlichen "Sprung in der Schüssel"
Eigentlich die perfekte Kulisse für ein Drama made by Ingrid Noll. Denn ihre über Leichen gehenden Heldinnen kommen nicht aus irgendwelchen abgehängten, heruntergekommenen Stadtghettos. Ebenso wie ihre Erfinderin lieben sie Gebäck, schöne Kaffeetassen und Rosen in der Vase. Es sind Frauen, unscheinbar, nicht unfreundlich, aber mit einem deutlichen Sprung in der Schüssel, wie Ingrid Noll es formuliert.
Es interessiere sie nicht nur, dass da jemand umgebracht worden sei und wie das aufgedeckt werde, ihr gehe es eher darum, warum das passiert sie und wie es dazu kommen konnte: "Ich möchte eigentlich die Täterinnen verstehen. Was ist da alles schon vorher passiert? Was für Gründe gibt es dafür? Es sind Psychogramme."
Krimi-Ikone feiert runden Geburtstag 90 Jahre Ingrid Noll: Weinheim ehrt Autorin mit Festival
Die Weinheimer Bestsellerautorin wird 90. Ihre Krimis mit schwarzem Humor und starken Frauenrollen wurden zahlreich übersetzt, verfilmt und sind noch immer erfolgreich.
Ihre mit dem Alter erworbene Menschenkenntnis hilft ihr
Es ist das ganz normale Personal, das Ingrid Noll in ihren Geschichten vorführt: gebrochene, schräge, skurrile Figuren, die auf den ersten Blick kein Wässerchen zu trüben vermögen, im Stillen aber bereits ihre Messer wetzen.
Charaktere, die nicht nur ersponnen sind: "Da hilft mir auch wieder das Alter mit Menschenkenntnis, dass ich bereits viele Menschen kennengelernt habe und mir auch viele ihr Herz ausgeschüttet haben, was ich nicht verwende, was aber meinen Fundus bereichert."
Im chinesischen Nanking schrieb sie als junges Mädchen erste Geschichten
Erst mit 55 hat Ingrid Noll ihren ersten Roman veröffentlicht. Vorher hatte sie zum Schreiben einfach keine Zeit. Familie, Kinder, die Arbeit in der Arztpraxis ihres Ehemanns hatten Vorrang.
Aufgewachsen ist sie im chinesischen Nanking. Es ist ein koloniales Leben mit vielen Dienern, aber auch ein einsames Kinderleben ohne Schulfreunde, Unterricht gibt es daheim. Und so schreibt das junge Mädchen erste kleine Geschichten, die es später im Garten vergräbt, damit sie bloß niemand findet.
Schwarzer Humor würzt ihre Geschichten
Die Phantasie, der scharfe Blick fürs Detail sind ihr bis heute nicht abhandengekommen, ebenso wie die Lust am Schreiben. Dass sie mit 90 Jahren nicht mehr ganz so flott unterwegs ist, schlecht hört und auch nicht mehr ohne Brille auskommt, fällt für sie unter die Kategorie "Materialermüdung". Mit dieser Art schwarzem Humor würzt sie auch ihre Geschichten. Und das ist ohne Zweifel die hohe Kunst der Unterhaltung.
Ich finde, der Ansatz zu unterhalten, ist nicht verkehrt. Das Leben ist ja eigentlich traurig genug, schwer genug. Und Humor ist die Rettung, die wir haben.