Ein neuer Blick auf die Frau
Unbeirrt und klar, beinahe trotzig schaut die gerade mal 19-jährige Katharina Thalbach in die Kamera. Mit Baskenmütze, gepunkteten Halstuch und einer lässig gehaltenen Zigarette in der Hand, erinnert die Schauspielerin an eine Französin der 1930er-Jahre.
Das Porträt wirkt zufällig, wie eine Momentaufnahme und ist doch bei näherem Hinsehen präzise inszeniert. Die Bildsprache ist poetisch, das fehlende Lächeln verleiht der Aufnahme Tiefe.
Die Fotografie entstand in den 1970er-Jahren und stammt von Sibylle Bergemann. Es ist eines jener Bilder, in denen sich ihre besondere Art des Porträtierens bereits zeigt: Der Mensch – oder genauer: die Frau – vor der Kamera bleibt eigenständig.
Das Bild stellt sie nicht aus, es beobachtet. Thalbach wirkt präsent und zugleich schwer zu fassen. Diese Offenheit macht Bergemanns Porträts aus.
Porträtfotografie als Studie über den Menschen und die Welt
Sibylle Bergemann wurde 1941 in Berlin geboren und wuchs in der DDR auf. Fotografieren wollte sie schon früh: Bereits mit fünfzehn erklärte sie ihren Eltern, dass sie Fotografin werden wolle. Ihr Wunsch wurde aber nicht ernst genommen. Zunächst arbeitete sie einige Jahre als Sekretärin.
Erst in den 1960er-Jahren fand sie zur Kamera. Einen entscheidenden Einfluss darauf hatte der Fotograf Arno Fischer, ihr Lehrer und späterer Mann. In seinem Umfeld mit vielen jungen Ostberliner Fotografinnen und Fotografen entwickelte Bergemann ihren eigenen Blick.
Sie fotografierte mit Geduld, sagte nur sehr wenig und hatte meist einen ernsten Gesichtsausdruck. Weggefährten beschreiben sie als kleine zarte Frau, die meist sehr ernst und konzentriert wirkte. Ein Freund der Familie brachte es einst so auf den Punkt: „In aller Stille fotografiert Sibylle.“
Sie gab den Menschen vor ihrer Kamera keine Anweisungen, oft verging viel Zeit, bevor sie die Kamera überhaupt hob. „Ich gehe los. Ich beobachte. Ich bin still. Ich warte und warte. Und dann, in einem jähen Moment, baue ich das Motiv“, sagte sie einmal in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“.
Dieser „jähe Moment“ ist auf vielen ihrer Bilder spürbar. Die Menschen wirken nicht arrangiert, sondern für einen Augenblick ganz bei sich und nicht in einer Rolle oder Pose gefangen.
Modefotografie in der DDR: Bilder für die Zeitschrift „Sibylle“
Bekannt wurde Sibylle Bergemann durch ihre Arbeiten für die ostdeutsche Modezeitschrift „Sibylle“, die zufällig denselben Namen trug wie sie. Das Magazin war in der DDR eine Ausnahmeerscheinung: Mode wurde nicht nur präsentiert, sondern fotografisch interpretiert. Die Redaktion bot der Fotografin somit große künstlerische Freiheit.
Bergemann entwickelte für die Zeitschrift eine eigene Bildsprache: Während westliche Modefotografie häufig auf Glamour setzte, standen Bergemanns Models nicht im teuren Fotostudio, sondern meistens draußen.
Sie fotografierte in dunklen Hinterhöfen, auf industriell geprägten Straßen und mitunter kargen Landschaften. Der Wind gehört in diesen Bildern ebenso zur Szene wie die Kleidung; Mode erscheint nicht als makellose Oberfläche, sondern als Teil einer wirklichen Umgebung. Damit boten ihre Aufnahmen ein hohes Identifikationspotential, besonders für Ostfrauen.
Frauenbilder jenseits der Pose
Ein zentrales Format innerhalb ihres Werks nehmen dann aber Porträts von Frauen ein, unter ihnen Künstlerinnen, Schauspielerinnen und Models. Neben Katharina Thalbach standen auch Eva und Nina Hagen oder Schauspielerin Meret Becker vor ihrer Kamera.
Zwar sind ihre Modelle sehr unterschiedlich, doch die Bilder eint Bergemanns klare Haltung. Die von ihr fotografierten Frauen lächeln nie gefällig in die Kamera. Auch nehmen sie keine künstliche Pose ein, die bewusst ihre körperlichen Reize betont.
Stattdessen erscheinen die Frauen in Bergemanns Fotografien selbstbewusst und unangepasst. Durch ihre respektvolle Distanz geben ihre Porträtaufnahmen der jeweiligen Persönlichkeit Raum.
Das Marx-Engels-Denkmal: Monumente im Entstehen
Neben Mode- und Porträtfotografie arbeitete Bergemann immer wieder dokumentarisch. Dies tat sie nicht nur auf Reisen sondern auch in Ostberlin. Besonders bekannt ist noch heute ihre fotografische Begleitung der Entstehung des sozialistischen Marx-Engels-Denkmals (1986) in Berlin-Mitte.
Die Serie zeigt die Figuren nicht als fertiges Monument, sondern während des Transports und der Montage. Auf manchen Bildern liegen sie auf dem Boden, auf anderen hängen sie an Kränen über der Stadt. Das Pathos politischer Symbolik weicht durch dieses beinahe beiläufige Beobachten auf.
Das verleiht den Bilder mitunter eine gewisse Komik, die ihrer eigenen entsprach: Laut gelacht haben soll sie selten, doch besaß sie einen trockenen, typisch Berlinerischen Humor.
Nach der deutschen Einheit gehörte Bergemann 1990 zu den Mitgründerinnen der Fotograf:innenagentur Ostkreuz. Die Agentur entstand aus dem Wunsch, dokumentarische und autorische Fotografie unabhängig weiterzuführen, auch über die politischen Brüche der Nachwendezeit hinweg.
Bis zu ihrem Tod 2010 nach einer langen Krebserkrankung hielt sie an ihrer ruhigen Arbeitsweise fest. „Mich interessiert der Rand der Welt, nicht die Mitte“, sagte sie einmal – ein Blick, der sich bis heute in ihren Fotografien erkennen lässt.