Ausstellung auf Schloss Filseck

Stiller Beobachter des Alltags - Der Fotograf Arno Fischer

Der Fotograf Arno Fischer zählt zu den wenigen seiner Zunft, die bereits zu DDR-Zeiten und davor international wahrgenommen wurden. Jetzt würdigt eine sehenswerte Ausstellung auf Schloss Filseck bei Göppingen den 2011 verstorbenen Ausnahmefotografen und Mitbegründer der renommierten Berliner Fotoagentur Ostkreuz.

Teilen

Stand

Von Autor/in Tobias Ignée

Der Mensch steht im Mittelpunkt

Berlin in den 50er-Jahren, eine Stadt im Umbruch mit vielen Widersprüchen. Es gibt noch keine Mauer, aber die unterschiedlichen Entwicklungen im West- und Ostsektor deuten die Grenze schon an.

Auf der einen Seite werden bereits Häuser hochgezogen und das Leben pulsiert auf dem Kudamm, während auf der anderen Seite das Stadtbild noch von menschenleeren, unbebauten Flächen und Häusern mit Einschusslöchern in den Fassaden geprägt ist.

Arno Fischer, Der Riss in der Mauer, 1954
Arno Fischer, Der Riss in der Mauer, 1954.

Aus den Fenstern eines Gebäudes schauen zwei Paare, das eine alt, das andere jung. Der Ost-Berliner Fotograf Arno Fischer dokumentiert dies in seiner berühmten Werkreihe „Situation Berlin“. „Friedensfahrt in Prenzlauer Berg“ ist der Titel des Bildes.

„Ein ganz toller Schnappschuss“, findet Kuratorin Eva Paulitsch: „Wir sehen nicht das Geschehen, also diese Friedensfahrt, auf die diese zwei Paare schauen, sondern wir sehen die Paare selbst. Es ist ein älteres Ehepaar abgebildet und ein jüngeres. Was sehen die, wie schauen sie in die Welt?“

Arno Fischer, Ost-Berlin, Friedensfahrt, Prenzlauer Berg, 1957
Arno Fischer, Ost-Berlin, Friedensfahrt, Prenzlauer Berg, 1957.

Arno Fischer bricht für die Fotografie sein Bildhauerei-Studium ab

Zeitgeschichte im besten Sinne, bei der nicht das Ereignis im Vordergrund steht, sondern der Mensch. Wie er auf die Welt blickt, was ihn umtreibt, ausmacht, freut, ängstigt und verbindet. Das interessiert den jungen Autodidakten Arno Fischer, der für diesen sozialdokumentarischen Blick durch die Kameralinse sogar sein Studium der Bildhauerei abbricht.

Angeregt wurde er auch von der damals legendären Ausstellung „Family of Man“ in New York des Kurators Edward Streichen, die mit Fotos aus 70 Ländern als Manifest des Friedens und der Gleichstellung aller Menschen um die Welt ging.

Die Modezeitschrift „Sibylle“ ist für den Fotografen ein Experimentierfeld

Gleichstellung und Gleichberechtigung, Haltungen, die sich in einem weiteren wichtigen Werkkomplex von Arno Fischer wiederfinden. Zum Beispiel in seinen Fotos der 1960er-Jahre für das Magazin „Sibylle“- die Mode- und Kulturzeitschrift der ehemaligen DDR.

Mit seinen inszenierten Modefotografien prägt Arno Fischer wesentlich die Bildsprache der populären Zeitschrift. Das Frauenbild, das dort vermittelt wird, ist ein anderes als das in westdeutschen Modemagazinen.

Die berufsstätige Frau ist ein emanzipiertes, aktives Mitglied der Gesellschaft und die Mode nicht primär Mittel der Selbstdarstellung oder gar Verführung, sondern Ausdruck von Haltung, Selbstbewusstsein und Alltagstauglichkeit. Die Arbeit für die „Sibylle“ ist für Fischer ein willkommenes Experimentierfeld.

In New York entstehen Fotos von Alltagsszenen

Fischer, der in Leipzig auch einen Lehrauftrag für künstlerische Fotografie hat, darf in den 70ern und 80ern in Begleitung seiner Partnerin Sibylle Bergemann nach New York reisen.

Hier entstehen Fotos von Alltagsszenen: Junge Frauen, die sich für den Abend schick gemacht haben und in ein Taxi steigen, oder eine klassische Straßenszene mit wartenden Menschen, im Vordergrund zwei Männer, der eine alt, der andere jung.

Arno Fischer, Christopher Street, Greenwich Village-Halloween, 1984
Arno Fischer, Christopher Street, Greenwich Village-Halloween, 1984.

Arno Fischer besticht durch seine zurückhaltende, poetische und oft auch melancholische Bildsprache. Er rückt den Menschen in seiner alltäglichen Umgebung in den Vordergrund: ehrlich, authentisch und ohne ihn zu inszenieren. Das macht seine Fotografie vielleicht gerade heute besonders sehenswert.

Göppingen

Ausstellung in der Kunsthalle Göppingen DDR-Fotografin Sibylle Bergemann im Porträt: Sie interessierte der Rand der Welt

Sie fotografierte Katharina Thalbach und Nina Hagen, ihre Porträts machten sie zu einer der wichtigsten Fotografinnen des Landes. Nun wird Sibylle Bergemann eine Ausstellung gewidmet.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Sindelfingen

Ka-Boom und Kopftuch für Genderpower „No Place like Home“ – Italienische Fotografie ohne Italien-Klischees in Sindelfingen

Die Ausstellung italienischer Fotografie seit den 80er Jahren im Schauwerk Sindelfingen zeigt die Realität eines Landes, das mehr zu bieten hat als Klischees von Zitronenblüte und Hochkultur.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Bildpartnerschaft zwischen Odessa und Mainz Polaroid-Gentleman – Der Mainzer Fotokünstler Michael Dörr

Michael Dörr ist leidenschaftlicher Fotograf. Er benutzt eine Technik, die den meisten als ausgestorben galt: Die Sofortbildkamera.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Deutung in Bildern Der „Rückblende“-Preis für politische Fotografie und Karikatur 2025

Die besten Fotos und Karikaturen 2025 sind in der Ausstellung „Rückblende“ zu sehen, sechs wurden preisgekrönt. Sie alle erzählen von Spannungen, Umbrüchen und Entwicklungen.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur