Der Mensch steht im Mittelpunkt
Berlin in den 50er-Jahren, eine Stadt im Umbruch mit vielen Widersprüchen. Es gibt noch keine Mauer, aber die unterschiedlichen Entwicklungen im West- und Ostsektor deuten die Grenze schon an.
Auf der einen Seite werden bereits Häuser hochgezogen und das Leben pulsiert auf dem Kudamm, während auf der anderen Seite das Stadtbild noch von menschenleeren, unbebauten Flächen und Häusern mit Einschusslöchern in den Fassaden geprägt ist.
Aus den Fenstern eines Gebäudes schauen zwei Paare, das eine alt, das andere jung. Der Ost-Berliner Fotograf Arno Fischer dokumentiert dies in seiner berühmten Werkreihe „Situation Berlin“. „Friedensfahrt in Prenzlauer Berg“ ist der Titel des Bildes.
„Ein ganz toller Schnappschuss“, findet Kuratorin Eva Paulitsch: „Wir sehen nicht das Geschehen, also diese Friedensfahrt, auf die diese zwei Paare schauen, sondern wir sehen die Paare selbst. Es ist ein älteres Ehepaar abgebildet und ein jüngeres. Was sehen die, wie schauen sie in die Welt?“
Arno Fischer bricht für die Fotografie sein Bildhauerei-Studium ab
Zeitgeschichte im besten Sinne, bei der nicht das Ereignis im Vordergrund steht, sondern der Mensch. Wie er auf die Welt blickt, was ihn umtreibt, ausmacht, freut, ängstigt und verbindet. Das interessiert den jungen Autodidakten Arno Fischer, der für diesen sozialdokumentarischen Blick durch die Kameralinse sogar sein Studium der Bildhauerei abbricht.
Angeregt wurde er auch von der damals legendären Ausstellung „Family of Man“ in New York des Kurators Edward Streichen, die mit Fotos aus 70 Ländern als Manifest des Friedens und der Gleichstellung aller Menschen um die Welt ging.
Die Modezeitschrift „Sibylle“ ist für den Fotografen ein Experimentierfeld
Gleichstellung und Gleichberechtigung, Haltungen, die sich in einem weiteren wichtigen Werkkomplex von Arno Fischer wiederfinden. Zum Beispiel in seinen Fotos der 1960er-Jahre für das Magazin „Sibylle“- die Mode- und Kulturzeitschrift der ehemaligen DDR.
Mit seinen inszenierten Modefotografien prägt Arno Fischer wesentlich die Bildsprache der populären Zeitschrift. Das Frauenbild, das dort vermittelt wird, ist ein anderes als das in westdeutschen Modemagazinen.
Die berufsstätige Frau ist ein emanzipiertes, aktives Mitglied der Gesellschaft und die Mode nicht primär Mittel der Selbstdarstellung oder gar Verführung, sondern Ausdruck von Haltung, Selbstbewusstsein und Alltagstauglichkeit. Die Arbeit für die „Sibylle“ ist für Fischer ein willkommenes Experimentierfeld.
In New York entstehen Fotos von Alltagsszenen
Fischer, der in Leipzig auch einen Lehrauftrag für künstlerische Fotografie hat, darf in den 70ern und 80ern in Begleitung seiner Partnerin Sibylle Bergemann nach New York reisen.
Hier entstehen Fotos von Alltagsszenen: Junge Frauen, die sich für den Abend schick gemacht haben und in ein Taxi steigen, oder eine klassische Straßenszene mit wartenden Menschen, im Vordergrund zwei Männer, der eine alt, der andere jung.
Arno Fischer besticht durch seine zurückhaltende, poetische und oft auch melancholische Bildsprache. Er rückt den Menschen in seiner alltäglichen Umgebung in den Vordergrund: ehrlich, authentisch und ohne ihn zu inszenieren. Das macht seine Fotografie vielleicht gerade heute besonders sehenswert.
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