Eine Ausstellung für Selfie-Liebhaber
Die Stadtgalerie von Neuwied verspricht „verblüffende Gemälde“ mit dreidimensionaler Wirkung. Die Ölgemälde sind auf Stoffbanner gedruckt, zeigen sich räkelnde Luchse, einen Dinosaurier, dem ein Stück Fleisch hingehalten wird, oder eine Straße, die aus einem Bilderrahmen ragt.
Obwohl sich in den Bildern viel bewegt, sehe ich den versprochenen 3D-Effekt erstmal nicht. Sabine Meinen zufolge, Leiterin der Stadtgalerie, war das bei anderen Besucherinnen und Besuchern bisher anders.
Schon während der Ausstellungseröffnung hätten sich die Gäste auf die Ausstellung und vor allem auf das Fotografieren mit dem Handy eingelassen, erzählt sie, auch das eher ältere Publikum. „Die Zeit ist vorbei, in der man eine Altersbegrenzung in Sachen Selfies hatte“, erkennt Sabine Meinen.
Im Selfie-Modus zeigt sich erst der 3D-Effekt
Auch ich versuche mich jetzt fallen zu lassen. Ich stecke mein Handy ins Stativ, das zum Inventar der Ausstellung gehört. Im Selfie-Modus sehe ich endlich hinter mir fliegende bunte Papageien vor einem Schiffsauge, dahinter das tosende Meer.
Ich muss wohl an Bord eines Piratenschiffes sein, wofür auch der Piratenhut spricht, der direkt neben dem Objekt liegt. Ich entscheide mich gegen den Hut und dafür, die Papageien „zu füttern“, indem ich ihnen meine Hand hinhalte.
Im Selbstauslöser Modus lasse ich ein Foto nach dem anderen schießen. Und ja, es funktioniert. Es sieht wirklich so aus, als stünde ich neben den Papageien und würde sie füttern.
Das Experimentieren mit dem Bild macht das Kunsterlebnis aus
Der Leiterin der Stadtgalerie zufolge geht es in der Ausstellung vor allem um die Art und Weise, das Bild zu erleben und Spaß dabei zu haben, nicht dagegen um Farben oder Komposition der Originale, die vor allem von Künstlern aus der Nähe von Hongkong gemalt worden sind.
Mit mir in der Ausstellung sind auch Schülerinnen und Schüler der Berufsschule. Mit ihren 15 und 16 Jahren scheinen sie im perfekten Selfie-Alter zu sein.
Spaß haben und ein lustiges Bild mitnehmen, das man seinen Freunden zeigen kann
Anouscha und Driola probieren gerade einen der bunten Teppiche aus. Anouscha balanciert auf der aufgemalten Hängeleiter, Driola läuft hinter ihr und filmt von oben. „Wenn man solche Videos dreht, merkt man gar nicht, ob die fake sind oder echt“, erkennt Anouscha.
Vor dem Bild mit den Papageien hält Anouscha einen Zauberstab seitlich in die Kamera, mit jedem Schwung stellt sich ein anderes Mädchen aus ihrer Klasse vor die Leinwand. Zusammengeschnitten wirkt es so, als hätte Anouscha jede Sekunde eine neue Person ins Bild „gezaubert“.
So wird der Museumsbesuch hauptsächlich für Menschen, die gerne fotografieren oder fotografiert werden, zum Event - man nimmt ein lustiges Foto mit, das man seinen Freunden und Bekannten zeigen kann.