Das nächste Paradies wartet schon in der Fußgängerzone
Das viel beschworene Paradies ist eigentlich gar nicht so weit weg. Manchmal liegt es gleich in der nächsten Fußgängerzone: Das Geschenkeparadies zum Beispiel oder auch die Paradies-Apotheke.
In der Installation aus 350 Fotos des Künstlers Miguel Rothschild, einem einzigen großen Wimmelbild, gibt es auch ein Kinderparadies, ein Kegelparadies, ein Boulettenparadies oder ein Schnorchelparadies. Sieben Jahre lang hat Rothschild sich auf der ganzen Welt auf die Suche nach dem Paradies gemacht und ist an vielen Orten fündig geworden. Doch seine Entdeckungen sind eher ernüchternd.
Von Donald Trump bis Rosalía Provokation und Mystik: So viel Religion steckt heute in der Kunst
Religion ist in der Kunst der Gegenwart erstaunlich präsent. Zwar werden religiöse Motive vor allem profanisiert und kritisiert. Doch Kunst und Religion lassen sich nicht trennen.
Ein Begriff wird völlig banalisiert
„Interessant ist, dass die meisten dieser Läden gar nicht idyllisch aussehen, sondern eher ein bisschen heruntergekommen“, sagt Isabell Schenk-Weininger, die Leiterin der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen.
„Dieses Versprechen wird wahrscheinlich auch im Innern der Läden nicht eingelöst. Es ist eine ganz schöne Alltagsuntersuchung, wie ein Begriff völlig banalisiert wird und doch noch diesen Kern in sich trägt – dieses Versprechen eines Schlaraffenlandes.“
Partytime in der gotischen Kirche
Wie herrlich Sakrales und Banales zusammengehen, zeigt noch eine weitere Arbeit des Künstlers, der dafür die bekannten bunten Fenster gotischer Kirchen fotografiert hat. Das farbenfrohe Lichtspiel der göttlichen Offenbarung ließ die Gläubigen früher vor Andacht in die Knie gehen.
Miguel Rothschild hat seine prächtigen Aufnahmen durchlöchert. Jetzt wirbelt das bunte Konfetti wie in einer Schneekugel durch den Bilderrahmen. Partytime in den heiligen Hallen – ein absoluter Hingucker.
Zwei Seiten einer Madonna
Ebenso wie die etwas andere Madonna der Berliner Künstlerin Nadine Rennert. Sie ist sehr in sich gekehrt, hat den Blick gesenkt. Das wird kontrastiert von einer Fratze, die in den Oberkörper der Frau eingelassen ist – mit weit aufgerissenem Mund, herausgestreckter Zunge und aufgerissenen Augen, beschreibt Isabell Schenk-Weininger das Kunstwerk.
„Man kann da natürlich sehr viel hineindeuten, ob sich das auch in ihrem Inneren befindet. Also, es ist schon ein Teil von ihr auch dieser Dämon, der uns hier entgegenblickt.“ An Kontrasten mangelt es wirklich nicht in dieser sehr sehenswerten Ausstellung, die auch so manches schwierige Thema leichtfüßig transportiert.
Weiße Silhouetten für Raubkunstobjekte, die in Benin und Nigeria fehlen
Die aus Brasilien stammende Künstlerin Ana Hupe zum Beispiel hat – wie auf einer Wäscheleine – eine Reihe Stoffbahnen aufgehängt, gefärbt in Indigo-Blau, einem Farbstoff, der tief im kulturellen Erbe Benins und Nigerias verwurzelt ist.
Darauf gebatikt sind die weißen Silhouetten verschiedenster sakraler Gegenstände: ein spiritueller Altar-Kopf aus Benin, eine Axt aus Nigeria für bestimmte Zeremonien. Raubkunst, die heute in Berliner und Dresdner Museen steht – eine Fehlstelle in den Herkunftsländern, die die bleichen Umrisse der Objekte auf den blauen Fahnen symbolisieren.
Sakrale Kunst im Museum haben ihre Funktion eingebüßt
Aber apropos Museum: Da sind noch Skulpturen und Gemälde von Jesus auf dem Palmesel, von der Heiligen Kümmernis – einer Heiligen, die gekreuzigt wurde – oder von Maria.
„Es sind alles Objekte, die im christlichen Zusammenhang eigentlich für Kirchen oder für Prozessionen entstanden und hier ihrem Kontext beraubt sind“, erläutert Isabell Schenk-Weininger. „Sie sind jetzt im Museum, werden betrachtet wie andere Kunst auch und haben ihre Funktion eingebüßt.“
Galerieleiterin Isabell Schenk-Weininger deutet auf eine Serie mit Zeichnungen von Matthias Beckmann. Seine Bilder zeigen einen Ausschnitt aus verschiedenen Museumsräumen, wobei der Berliner Künstler besonderen Wert auf die Details gelegt hat: auf das Schild „Notausgang“ neben den Heiligenfiguren oder auf die Besucher, die sich vor der Madonna drängeln.
Religion trifft auf gelebte Realität. „Unglaublich“ – die neue Ausstellung hält, was sie verspricht.
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