Religion und Kunst lassen sich nicht trennen. Fünf Beispiele zeigen, auf welche Weise sich Kunst bis heute mit Religion und religiösen Motiven auseinandersetzt.
Gekreuzigter Trump: Vom Kult provoziert
Neue feministische Mystik: Rosalía
Rihanna und der religiöse Kunstkitsch
Kirche als moderner Kunstort
Jon Fosse und der religiöse Geniekult
Gekreuzigter Trump: Vom Kult provoziert
Von Religion fühlt sich moderne Kunst seit jeher angestachelt. Vor allem dazu, deren Dogmen in Frage zu stellen und religiöse Tabus zu brechen. Und ist dafür nicht der Kult der MAGA-Bewegung um US-Präsident Donald Trump ein besonders gut geeigneter Stoff?
„Saint or Sinner”, Heiliger oder Sünder? Das fragte sich der britische Künstler Mason Storm und montierte Trump kurzerhand auf ein Kreuz. Konstruktion und orangfarbene Kleidung erinnern an Hinrichtungen in US-Gefängnissen. Eigentlich sollte die Skulptur 2025 im Schweizer Bahnhof von Basel gezeigt werden. Doch die Zuger „Galerie Gleis 4“ wollte eine Beeinträchtigung des Bahnbetriebs vermeiden. 30.000 Menschen sahen die Skulptur allein während der ersten beiden Ausstellungswochen.
Kunst als Akt der Provokation gegen religiöse oder pseudo-religiöse Verehrung: Das gab es schon häufig. In Wien ironisierte der Künstler Johannes Rass 2025 zuletzt das Motiv der Pietà, der Schmerzensmutter mit dem toten Christus.
Besonders bekannt wurden provokative Gesten der Popkultur. Madonna tanzte in „Like a Prayer“ 1989 vor brennenden Kreuzen und ließ sich ans Kreuz hängen. Lady Gaga zeigte sich ironisch in Nonnentracht. Und der finnische Künstler Jani Leinonen nagelte den McDonald’s-Clown ans Kreuz.
Neue feministische Mystik: Rosalía
Auch Rosalía zeigt sich im Album „Lux“ als Nonne. Doch das ist keine Provokation. Der spanische Superstar hat das Album dem Glauben und katholischen Heiligen gewidmet. Sogar der Vatikan jubelte. Kardinal José Tolentino de Mendonca, zuständig für Kultur und Bildung, sah in „Lux“ ein tiefes Bedürfnis nach Spiritualität.
Was Rosalìa antreibt? Es ist eine feministische Religiosität, die sich gegen die materielle und sexuelle Verfügbarkeit von Frauen wendet. Jedes der Album-Lieder ist von einer Mystikerin inspiriert, von Hildegard von Bingen bis zur Muslimin Rabia al-Adawiyya. „Lux“ erzielte auf Spotify bereits am ersten Tag schon 42 Millionen Streams.
Das Nonnenleben als Safe Space gegen den ausbeuterischen, männlich geprägten Kapitalismus: Dieser Trend ist populär bei der Gen Z, die sich verstärkt zur Religion zurückwendet. Bekannt wurde 2024 ein KI-Jesus in Luzern, bei dem man beichten konnte. Ähnliche religiöse Tendenzen gibt es im Spiritual Jazz.
Rihanna und der religiöse Kunstkitsch
Es ist ein schmaler Grat von religiöser Pop-Mystik zum Kitsch. 2018 zeigte das New Yorker Metropolitan Museum of Art die Ausstellung „Heavenly Bodies”. Das Thema: Wie Mode die „Catholic Imagination” anregt. Katholizismus ist demnach einfach „chique“, als visuelles Konzept.
Liturgisches Brimborium wird zum Lifestyle, zur modischen Selbstinszenierung, ähnlich wie im morbiden Lifestyle des „Wave Gothic”. Religiöse Symbolik hilft dabei, den Alltag zu romantisieren, festlich barock oder dunkeldüster, ganz nach Geschmack.
Auch in der Gegenwartskunst gibt es solche Tendenzen. Beispielhaft sind Werke der Künstlerin Marina Abramović, unter anderem eine Kreuz-Installation, in der sich eigene Gemütszustände spiegeln können. Religiöse Motive inspirieren zu einer Kunst der Selbstsorge oder Achtsamkeit.
Kirche als moderner Kunstort
Unverändert hat religiöse Kunst einen festen Platz im sakralen Raum, vor allem in Kirchen. Neu ist daran, dass sich Kunst nicht zwingend an vorgegebenen biblischen oder liturgischen Motiven zu orientieren braucht. Beispielhaft sind Werke der österreichischen Künstlerin Helga Vockenhuber.
In ihren Bronzeskulpturen lässt Vockenhuber beispielsweise aus verschiedenen Kulturen Bilder einer neuen Eva zusammenfließen. Eine überkonfessionelle Kunst, die gleichwohl mit religiösem Glauben und der Hoffnung auf Erlösung verbunden ist.
Der Kirchenraum wird häufig zur Präsentation moderner Kunst genutzt. Beliebt sind auch sogenannte lebendige Denkmäler. Vor allem das berühmte Abendmahl-Bild von Leonardo da Vinci wird gerne inszeniert, wie 2025 in Mainz.
Jon Fosse und der religiöse Geniekult
Auch die Gegenwartsliteratur setzt sich unverändert mit Themen der Religion auseinander. Das Experimentierfeld ist allerdings unüberschaubar groß, reicht von religiös motivierter Gegenwartskritik wie bei Martin Mosebach zu den spirituellen Betrachtungen Brigitte Kronauers oder der massentauglichen Esoterik von Paulo Coelho.
Religiöse Literatur schreibt insbesondere der 2023 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete norwegische Schriftsteller Jon Fosse. Seine kaum strukturierten Erzählungen und Romane gelten als Versuch, durch den Alltag der Selbsterfahrung das Göttliche hindurchblitzen zu lassen.
Ähnlich wie früher der Schriftsteller Reinhold Schneider verteidigt Fosse auch die Institution der Kirche. Sie habe das Mysterium des Glaubens durch die Zeit gerettet und sei die letzte Institution, die sich den umgezügelten Kräften des Kapitalismus entgegenstellen könne.
Religion in der Kunst erstaunlich präsent
Kunst und Religion lassen sich tatsächlich auch in der Gegenwart voneinander nicht trennen. Zwar werden religiöse Motive in der Gegenwartskunst vielfach adaptiert, profanisiert oder kritisiert. Verschwunden sind sie aber nicht, sondern erstaunlich präsent.