„Ich habe die Absicht, Journalist zu werden“
In Sütterlin steht es in seinem Gesuch auf Zulassung zur Abiturprüfung 1931: „Ich habe die Absicht, Journalist zu werden. Wenn es möglich sein sollte, möchte ich auch Deutsch und Geschichte studieren.“
Unterschrieben hat Willy Brandt das in Lübeck noch mit seinem Geburtsnamen Herbert Frahm. Die Unkeler Künstlerin Grabriela Mrozik hat diese Formulierung seines Berufswunsches in eine große Papierarbeit verwandelt, einen aufgeklappten Leporello.
Die Erklärung des jungen Mannes kurz vor seinem Abitur habe sie beeindruckt. sagt Mrozik: „Denn es ist kein Wunsch, sondern eine feste Absicht, also kraftvoll für mich. Ein Satz, der wichtig ist für ihn und für sein Leben.“
Brandt geht erst 1948 in die Politik
Die Künstlerin spielt mit dem Satz in 14 Variationen. Jede Grafik des Leporellos steht für ein Jahr Brandts als Journalist im Exil. Erst 1948 ließ der spätere Regierende Bürgermeister West-Berlins und Bundeskanzler den Journalismus sein und ging in die Politik.
NIcht, ohne sich weiterhin mit Journalisten zu umgeben: von Egon Bahr bis Günter Gaus. Seine Witwe Brigitte Seebacher sagt, dass Willy Brandt eigentlich nichts gesagt oder veröffentlicht habe, was nicht zuvor ein anderer redigiert oder gegengelesen hätte.
„Willy Brandt“ wird sein Pseudonym
Politische Artikel schrieb er zunächst unter seinem Geburtsnamen Herbert Frahm in Lübeck, nach seiner Emigration wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten dann auch in Skandinavien.
„Er hat, seitdem er 15 war, regelmäßig Beiträge für den ‚Lübecker Volksboten‘ geschrieben“, erklärt Ausstellungskurator Christoph Charlier. „Willy Brandt war jemand, der sich die Finger wund geschrieben hat. Das konnte ihm die Sozialdemokratische Zeitung mit ihrem Chefredakteur Julius Leber durchaus finanzieren.“
Unter falschem Namen in Nazi-Deutschland
Im Exil schrieb er ab April 1933 unter dem Fantasie-Namen Willy Brandt über Nazi-Deutschland, wurde Deutschland-Erklärer. 1936 ging er kurz nach den Olympischen Sommerspielen dafür unter falschem Namen nach Berlin – getarnt als Student Gunnar, um Kontakt zu Parteifreunden zu halten und über die Stimmung im Land zu berichten.
Die Frucht: ein Artikel Brandts im Exil-Organ „Marxistische Tribüne“: Genau beobachten und erklären und daraus Schlüsse ziehen – das machte den Zeitungsschreiber Willy Brandt aus.
Schreiben, um sich selbst zu reflektieren
„Immer sich selbst zu reflektieren, zu sich selber zu kommen und dazu das Schreiben zu nutzen, das war ein ganz zentraler Wesenszug von Willy Brandt“, sagt Kurator Christoph Charlier.
Die Unkeler Ausstellung zeigt viele spannende Objekte aus seinem Nachlass. So wird klar, wie sehr der Berufswunsch Journalist den späteren Politiker Willy Brandt geprägt hat.
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