Manche lächeln, manche wirken ernst
In einem der Räume der Villa Streccius hängt eine riesige Collage. 50 einzelne Din-A4-große Porträts von hundertjährigen Menschen, die aneinander gereiht sind.
Es sind farbige Aufnahmen, nur das Gesicht ist zu erkennen. Manche Menschen lächeln, andere wirken ernst. Manche schauen offen in die Kamera, andere von der Seite.
Jeder Altersfleck ist zu erkennen
Die Fotos wirken schonungslos, denn jede Falte, Hautpore, jeder Altersfleck oder jede Runzel ist zu erkennen. Die Schönheit der Jugend ist Vergangenheit, das ist deutlich beim Betrachten der Fotos.
Dem Porträtisten geht es offensichtlich um etwas anderes. „Ich wollte die Seele des Menschen, die Würde, den Charakter und nicht den Hautausschlag“, sagt Karsten Thormälen. „Das ist der Grund, warum ich immer den neutralen Hintergrund gewählt habe: Ich wollte sie nicht einordnen. Es geht nur um die reine Lebensleistung.“
Von der Werbeagentur zur Fotografie
Seit 45 Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Fotografieren. Karsten Thormälen hat in Wiesbaden an der Hochschule Rhein-Main Kommunikationsdesign studiert. Am Anfang arbeitete er für Werbeagenturen. Schließlich zog er in den 1990er-Jahren nach New York, um in der Werbebranche Karriere zu machen.
Seit rund zehn Jahren arbeitet er als selbständiger Fotograf, Autor und Kurator. Seine Arbeiten drehen sich immer um alte Menschen.
300 Bilder entstehen bei einer Sitzung
Er fotografiert sie ausschließlich mit Tageslicht und vor einem neutralen Hintergrund. Bei einer Sitzung entstehen rund 300 Bilder. Nur ein bis zwei Fotos seien es wert publiziert zu werden, erklärt Karsten Thormälen.
Bei der Auswahl hätten die Modelle kein Mitspracherecht. „Das ist wie bei der Malerei. Das kann man dann auch nicht mehr ändern.“
Wie ausdrucksstarke Porträts gelingen
Das entspricht seiner künstlerischen Freiheit und dabei lässt er sich nicht reinreden. Sein Geheimrezept für die ausdrucksstarken Portraits ist das sogenannte „Verdichten“ der Bilder – ein Konzept, dass er seinem Förderer und Professor Volker Liesfeld aus Studienzeiten verdankt.
Fotografie lebt vom Weglassen: alles Überflüssige raus. In einem Portrait sind die Augen das Fenster zur Seele, die will man scharf sehen. Wenn die unscharf sind, kriegt das ganze Bild eine ganz andere Bedeutung.
Große Achtung vor seinen Modellen
Unendlich viele Stunden verbringt er bei den Fotositzungen mit den alten Menschen. Mit großer Achtung und Sensibilität begegnet er seinen Models. Trotz der Intimität der Situation gebe es allerdings keine langen Gespräche während des Foto-Shootings.
„Es erfasst mich immer wieder das Gefühl, dass ich da gerade Geschichte verewige“, sagt Karsten Thormälen. „Nicht nur meine Geschichte, sondern von Leuten die ein sehr langes Leben hinter sich haben.“
Menschen voller Kraft und Lebensfreude
Genau das spürt man auch beim Betrachten seiner Porträts. Die Menschen wirken auf seinen Bildern wahrhaftig und lebendig. Nichts ist geschönt, geglättet oder gefiltert. Das hohe Alter schaut dem Betrachter entgegen und weckt den Wunsch, den Menschen von seinem Leben erzählen zu lassen.
Die Bilder machen nachdenklich, denn der Betrachter sieht am Ende nicht mehr nur das Alter, sondern ganz viel Lebensfreude, Humor, Kraft und Weisheit. Die sehenswerte Ausstellung „Die Kunst des Alterns“ bestätigt das bekannte Zitat von Cicero: „Alter ist keine Frage der Jahre, sondern der Einstellung.“
Aktuelle Ausstellungen
Gingko, Kamelien, Bambus „Phyto-Travellers“ – Geschichte des kolonialen Pflanzenraubs im ZKM Karlsruhe
Eva-Maria Lopez zeigt Pflanzen, die einst aus Kolonien geraubt und im wahrsten Sinne nach Europa „verpflanzt“ wurden – ihrer indigenen Namen und des Wissens um Heilkraft beraubt.