Bedrohliche Temperaturen für die Ökosysteme
Die aktuelle Ausstellung des norwegischen Naturfotografen Audun Rikardsen trägt den Titel „Winter-Wale“; die vorherrschende Farbe der Bilder ist leuchtendes, tiefkaltes Blau.
Doch wenn man dieser Tage den Fotografen anruft, der gerade sein Haus nahe den Lofoten renoviert, dann berichtet er von drückender Hitze. Knappe 30 Grad Celsius, weit nördlich vom Polarkreis, das mag lästig sein fürs Heimwerkeln – für die Ökosysteme ist der Temperaturanstieg existentiell bedrohlich.
Wissenschaftler und Fotograf zugleich
„Das ist dramatisch für die ganze Küste. Die Erwärmung treibt den Hering weiter nordwärts, und Hering ist die Lebensgrundlage von Orcas und vielen anderen Walarten“, erklärt Rikardsen.
Als Professor für Süßwasser- und Meeres-Biologie kennt er die Hintergründe seiner fotografischen Motive sehr genau. Wissenschaftliche und fotografische Praxis stärken sich gegenseitig.
Für gute Bilder nutze ich meine Kenntnisse als Wissenschaftler: über das Verhalten der Tiere, wie ich mich ihnen nähern kann, mit welchen Herausforderungen sie es zu tun haben. So bekomme ich bessere Fotos, und das stärkt die Geschichten, die sie erzählen.
Ökologische Zusammenhänge in Fotos sichtbarmachen
Die Geschichten der aktuellen Ausstellung drehen sich um den Hering. Dessen Lebensräume werden gerade vom Klimawandel verschoben und alle müssen folgen: Wale, Robben, Seeadler, Möwen, Kabeljau, und auch die Fischerei-Flotten. Wer zurückbleibt, verliert – zum Beispiel die Adler.
„Die Fischerei ist wichtig für Seeadler. Manche überleben den Winter nur dank der Abfälle vom Ausnehmen der Fische. Wir sehen jetzt schon drastische Rückgänge bei Adlern und anderen Seevögeln, wo es keinen Hering mehr gibt.“
Diese Zusammenhänge in Fotos sichtbar zu machen, ist anspruchsvoll, noch dazu im Hohen Norden mit seiner Polarnacht.
Rettungsaktion als Foto festgehalten
Jahrelang hat Audun Rikardsen das nötige Equipment selbst gebaut. Mittlerweile kann er in völliger Dunkelheit Szenen gleichzeitig über und unter Wasser abbilden; wie bei seinem sensationellen Bild „Help me!“.
Im Winter 2016 hatte sich im Meer vor Rikardsens Wohnort ein Buckelwal in einem künstlichen Hindernis verfangen. Trotz Schneesturm und Dunkelheit entdeckte der Forscher das Tier – verletzt und in Panik. Mit einem Flossenschlag hätte der Riese Rikardsen Boot versenken können.
Auf dem Foto sieht man unter Wasser aus nächster Nähe das Auge des Wals; über Wasser ein Boot der Küstenwache, die zur Hilfe geeilt war. Schließlich gelang es, das Tier zu befreien.
Der Clou an dieser umgekehrten Moby-Dick-Handlung ist: das Hindernis war ein Telekommunikationskabel; die Befreiung des Wals bescherte dem ganzen Küstenstreifen drei Wochen ohne Internet und Telefon.
Der Mensch bedroht die Natur
Auf lange Sicht aber ist es Homo Sapiens, der seinen Mitgeschöpfen den Stecker zieht. Eine Bildunterschrift erklärt: Im Gewebe von Räubern sammeln sich Chemikalien; Orcas gelten als die am stärksten mit Giften belastete Tierart der Welt. In 50 bis 100 Jahren werden wir diese Wale womöglich ausgerottet haben.
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