Abdulrazak Gurnah erzählt: „Hätte ich angefangen zu schreiben, wenn ich nicht gegangen wäre? Ich bin da nicht sicher. Was mich zum Schreiben gebracht hat, war auch die Reflexion darüber, was ich zurückgelassen hatte, und: was ich hier vorfand.
Abdulrazak Gurnah hat Sansibar in den 1960er Jahren verlassen und begann erst in Großbritannien – mit zeitlicher und räumlicher Distanz – über sein Heimatland zu schreiben. Aber bis heute kehrt dieser Erzähler – literarisch – in den Osten Afrikas zurück.
Auch sein neuer Roman führt nach Tansania und nimmt das Leben derer in den Blick, die – anders als Gurnah – geblieben sind und im politischen Nachbeben der Revolution von Sansibar ihren Weg gehen. Da ist Raya, eine Frau, die überstürzt verheiratet wurde, wie Gurnah lakonisch bemerkt. Zu groß ist die Angst der Eltern, Raya könne den Ruf der Familie gefährden. Zu gebrochen sind sie selbst, um ihrer Tochter, um den Umständen ihres Lebens zu vertrauen.
Von Verbrechern, Katzen und Krokodilen Mit neuen Büchern von Abdulrazak Gurnah, Jina Khayyer, Leif Randt und Allan N. Derain
Tansania, Iran, Philippinen: Neue Romane aus aller Welt, der neue Roman eines Literaturnobelpreisträgers und ein Verlagsgeburtstag.
Die Gewalt der Revolution
Ihr Vater […] erzählte seine Geschichten wirklich gut. Als sie klein war, erzählte er Fabeln von sprechenden Tieren, später dann fantasievolle Abenteuer aus der großen weiten Welt, und die unterschiedlichen Stimmen imitierte er gekonnt. Aber zuletzt war sein Vorrat versiegt. Raya wusste, warum. Die Revolution hatte ihn gebrochen, und die zauberhaften Geschichten ihrer Kindheit waren langen Tiraden über Ungerechtigkeiten und Alltagssorgen gewichen.
„Wenn Realität – in diesem Fall die Gewalt der Revolution – dem eigenen Zuhause so nahekommt, dann geht ein Stück Zufriedenheit verloren," meint der Literaturnobelpreisträger.
„Menschen unter so einem Druck, das ist meine Erfahrung, sprechen oft mit Bitterkeit. Mit Enttäuschung – und so ist es auch bei ihm. Er konzentriert sich auf das, was ihm das Leben bitter macht."
Rayas Eltern – selbst dieser Vater, ein zunehmend autoritärer, unangenehmer Mensch – tragen Sorge für ihre Tochter, sie wollen sie schützen – und treiben sie vielleicht gerade deshalb in eine Ehe, die sie nicht glücklich macht. Nichts verbindet Raya mit diesem Mann, älter als sie, ein Fremder, der ihr – als der gemeinsame Sohn Karim zur Welt kommt – bloß noch fremder wird. Raya fügt sich nicht.
Sie bricht aus, verlässt den Mann, bringt Karim zu den Großeltern und lässt ihn bald schon allein dort zurück. Kinder sind in diesem Roman immer wieder: eine Last, die ihre selbst gebrochenen Eltern nicht tragen können. Und die Kinder? Spüren das.
Fremd in der eigenen Geschichte
Gelegentlich fragte Karim sich, warum so nachlässige und lieblose Menschen wie seine Eltern überhaupt Kinder bekamen. […] Wenn er eines Tages selbst ein Vater war, würde er alles anders machen, so viel stand fest. […] Anderen gegenüber sprach er diesen Gedanken erst viel später aus, denn sie erschienen ihm undankbar, wenn nicht gar sündhaft, und noch später hatte er sie ganz vergessen.
Dieses „Später“ nimmt Abdulrazak Gurnah in seinem Roman in den Blick. Denn eigentlich erzählt „Diebstahl“ von drei jungen Menschen: Von Karim und dessen späterer Frau Fauzia, einer gebildeten, selbständigen Frau; außerdem von Badar, der als Jugendlicher zum Diener von Karims Mutter wird.
Gurnah erzählt, wie diese drei Menschen großgeworden sind, welche Familien, welche politischen Umstände sie geprägt haben, und wie sie – ausgehend von dieser Prägung – ihr eigenes Leben gestalten. Aber das Aufregende an diesem Roman ist, dass er schlichten psychologischen Deutungen widersteht, die Familienromane so oft eindimensional machen.
Platz 1 (65 Punkte) Abdulrazak Gurnah: Das versteinerte Herz
Sansibar, in den 1970er-Jahren. Salims Vater verschwindet, als der Junge sieben Jahre alt ist. Erst als junger Erwachsener, als er im fremden London zu überleben versucht, wird er dem Geheimnis seiner Herkunft auf die Spur kommen.
Karim wirkt zunächst vielleicht wie ein verlassenes Kind, aufgewachsen ohne Wärme. Doch – im Vergleich zu Badar – greift die Sicht zu kurz. Karim ist nie ohne Schutz. Als die Mutter geht, bleibt ihm die Liebe der Großeltern, später der Schutz seines Bruders. Badar dagegen: Verliert seine Eltern, deren Liebe, rasch muss er die Schule abbrechen und wird ein Diener.
Warum? Weiß er nicht. Bis ins Erwachsenenleben ist er ein Geworfener, der seine eigene Geschichte nicht kennt. Aber: Wenn es einen durch und durch freundlichen, warmen Charakter in diesem Roman gibt, dann ist es Badar. Die Quelle dieser Freundlichkeit lässt Gurnah offen, tut gar nicht so, als könnte man Charaktere restlos erklären.
Abdulrazak Gurnah meint: „Was Badar angeht: Ich wollte jemanden haben, der ohne Handlungsmacht, der wirklich passiv ist. Aber er denkt. Badar handelt vielleicht nicht, aber er versteht, er liebt, er denkt. Das ist auch Handlungsmacht – nicht derart, dass er sagen würde: Ich mache etwas aus mir, verbessere meine Lage.
Dass er das könnte – davon geht Badar gar nicht aus. Aber am Ende gelingt ihm das – weil er aufmerksam ist für das, was passiert. Und dieser Haltung dem Leben gegenüber wollte ich dem Vorzug geben."
Leerstellen als Kern der Kunst
So wie sich dieser Roman nicht auf eindimensionale psychologische Deutungen verlässt, so bleibt er auch auf Distanz zu schlichten Erzählmustern. Abdulrazak Gurnah spiegelt die Multikulturalität Tansanias, indem er an bestimmten Momenten aus dem Englischen ausbricht, Wörter, Phrasen einstreut, die für ein europäisches Publikum fremd sind. Aber er tut das behutsam – im Wissen darum, dass ein solches Vorgehen auch zum Exotisieren afrikanischer Literatur genutzt wurde.
Und auch der historische Kontext, der für viele westliche Leser unbekannt sein dürfte – die Revolution in Sansibar, die Rolle der Europäer vom Kolonialismus bis in unsere Zeit – wird nicht unauffällig miterklärt. Während andere Autoren Erklärungen in die Handlung einstreuen, um einen westlichen Leser sein Unwissen nicht spüren zu lassen, erklärt Gurnah nur dann etwas, wenn es aus der Logik der Handlung heraus zwingend ist. Wenn ein Mann aus dem Land einem aus der Stadt von seinem Leben erzählt zum Beispiel.
Zwischen den Zeilen vermittelt sich: Das Gefühl der Fremdheit, Erklärungsbedarf – beides ist nicht der Begegnung zwischen Afrika und Europa vorbehalten. Es gibt sie auf ein und demselben Kontinent, in ein und demselben Land Afrikas. Immer wieder lässt der Autor Kontexte aber auch gänzlich unerklärt. Leerstellen, offene Fragen sind für Gurnah kein Problem, sondern Kern der Kunst:
„So macht man das, wenn man dem Leser keinen Vortrag halten will. Der Leser kann dann seine Arbeit machen und die Spuren zusammenführen. Und vielleicht weiß er zu schätzen, wie sich Kultur vermittelt. Sie vermittelt sich auch in Bruchstücken, in kleinen Happen, die man aufschnappt."
Der Roman „Diebstahl“ – das spürt man in jeder Zeile – ist das Werk eines enorm reflektierten Schriftstellers. Und eines Mannes, der in seinem Schreiben einer der klügsten Maximen folgt: Wahre Kunst ist es, die eigene Kunstfertigkeit zu verbergen, keine Aufmerksamkeit auf die Machart zu lenken, sondern im besten Sinn einfach zu erzählen.