- Monika Kim: Das Beste sind die Augen
- Verena Keßler: Gym
- Helene Hegemann: Striker
- Mareike Fallwickl: Und alle so still
- Rita Bullwinkel: Schlaglichter
Weibliche Wut? Die ist nicht neu in der Literatur. Wütende Frauen begegnen uns in vielen Romanen, in antiken Tragödien, bei Virginia Woolf. Die Wut wirkt wie ein Brennglas für Ungerechtigkeiten, wenn sich Erzählerinnen gegen Machtlosigkeit auflehnen, gegen Unterdrückung wehren und aus dem Leben in engen Rollen ausbrechen wollen.
Nichtsdestotrotz: Lange galt diese Wut als ungehörig, hysterisch oder gefährlich. Doch Autorinnen haben sie schon immer in Worte gefasst, oft zwischen den Zeilen, in stillen Gesten, subversiven Akten und radikalen Entscheidungen.
Wut ist nicht gleich Draufhauen. Gerade female rage tritt in verschiedenen Formen auf, oft auch feinsinnig. Ein prominentes Beispiel ist der Roman der Literaturnobelpreisträgerin Han Kangs „Die Vegetarierin": Die Protagonistin verweigert sich nicht mit lauten Parolen, sondern mit einem stillen, kompromisslosen Entschluss und will sich in eine Pflanze verwandeln. Eine Metapher für Selbstbestimmung, Rückzug und Widerstand.
Heute scheint weibliche Wut so sichtbar wie selten zuvor. In der Popkultur, aber gerade in aktueller Literatur taucht sie in vielen Gestalten auf: als wütender Monolog, als poetische Unterwanderung, als krachende Abrechnung mit patriarchalen Strukturen. Manche Geschichten sind laut und direkt, andere leise, aber nicht minder radikal.
Die hier vorgestellten Romane zeigen, wie vielfältig dieses Gefühl literarisch sein kann und wie es in ganz unterschiedlichen Tonlagen und Erzählformen gesellschaftliche Missstände, persönliche Verletzungen und den Wunsch nach Freiheit sichtbar macht.
Monika Kim: Das Beste sind die Augen
Ji-won will menschliche Augen verspeisen. In Monika Kims Roman wird die Heldin zur Serienmörderin und rächt sich am männlichen Blick, dem „Male Gaze“. „Das Beste sind die Augen" ist ein feministischer Female Rage und Horror-Roman, in dem die Hauptfigur Ji-won sich mit äußerster Brutalität gegen die Blicke der Männer in ihrem Umfeld wehrt.
Der Roman eröffnet das Programm des neuen Verlags „kiwi sphere", dessen Erscheinungen sich an ein junges, vornehmlich weibliches Publikum richten und der zur großen Verlagsschwester Kiepenheuer & Witsch gehört.
Rage scheint also in Mode zu sein.
Verena Keßler: Gym
Das „Gym" ist ein Ort, der merkwürdigerweiser beinahe paradigmatisch für die Lebensrealität der Millenials in der Gegenwart steht. Körperbilder, Protein, Hüttenkäse, Konkurrenz und Ehrgeiz treffen hier auf engen Raum zusammen.
Eine explosive Mischung für die Protagonistin in Verena Keßlers Roman „Gym". Die erschwindelt sich die Stelle im Fitnessstudio „Mega Gym", indem sie Chef Ferhat erzählt, sie habe gerade ein Kind zur Welt gebracht. Ihren Körper trainiert sie fortan, wenn sie keine Smoothies und Proteinshakes hinter der Theke mixt. Als sie Bodybuilderin Vic begegnet, setzt sie sich große Ziele.
Keßlers Erzählerin entwickelt eine skurille Obessesion mit ihrem Körper und ihrer Leistung. Und wehe dem, der sich ihren (Trainings-)Zielen in den Weg stellt.
Helene Hegemann: Striker
Vom Kraftsport zum Kampfsport. Und: zum Klassenkampf.
Autorin Helene Hegemann erzählt in „Striker" eine Doppelgängerinnen-Geschichte in einer der prekären Ecken Berlins. N. steht im Mittelpunkt des Romans und sie kämpft: Ums Überleben in der Großstadt und im Ring einer Kampfsportschule. „Striker" ist voll mit Blut, Schweiß und Verletzungen, erzählt von sozialen Differenzen und Konkurrenzkämpfen.
Mareike Fallwickl: Und alle so still
„Care-Arbeit", so nennt sich die meist ungesehene Arbeit, die Frauen im Alltag neben ihren Brotjobs verrichten. In familiären Zusammenhängen kümmern sich nämlich meist die Frauen und Mütter um Dinge wie Hausarbeit, Einkaufslisten, Geschenke zu besonderen Anlässen oder andere Alltagsaufgaben. Das ist eine Last. Und die kann wütend machen. Mareike Fallwickl beschäftigt sich mit diesem Thema oft in ihren Romanen. In „Die Wut, die bleibt" und zuletzt in „Und alle so still".
Darin stellt Fallwickl die Frage: Was wäre, wenn Frauen überall eines Tages die Arbeit, auch die „Care-Arbeit" niederlegen würden? Würde die Welt dem Stillstand erliegen?
Rita Bullwinkel: Schlaglichter
Der erste Roman der US-Amerikanerin Rita Bullwinkel beweist Schlagkraft. „Schlaglicht" heißt er und ist aufgebaut wie ein Boxkampf. Im fiktiven „Daughters of America Cup" kämpfen junge Boxerinnen um den Titel.
Dabei lässt uns die Autorin in die Leben der jungen Kämpferinnen blicken: Sie sind gezeichnet von Selbstzweifeln, Ehrgeiz, Konkurrenz und Ängsten. Die Kämpfe wirken wie ein Brennglas für die Unsicherheiten und Wut der starken, jungen Frauen, die sich vor dem Zuschlagen nicht scheuen.