Buchkritik

Das Misstrauen wächst – Eine bedrohliche Analyse von Aladin El-Mafaalani

Gerade in Krisenzeiten braucht die Gesellschaft Vertrauen. Doch das Misstrauen wächst, diagnostiziert Aladin El-Mafaalani in „Misstrauensgemeinschaften“ und sucht nach Auswegen.

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Stand

Von Autor/in Holger Heimann

„Ohne Vertrauen geht nichts“

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, weiß ein gängiges Sprichwort. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani allerdings bestreitet das.

„Ohne Vertrauen geht nichts“, schreibt er in seinem Essay, in dem er die Vorteile, aber auch die Risiken benennt, die Menschen eingehen, die anderen Vertrauen entgegenbringen.

Wer stark vertraut, verzichtet auf Kontrolle und auch auf die Vorstellung, das Vertrauen könne gebrochen werden. Man blendet Gefahren aus und entlastet sich von sozialer Komplexität.

„Dadurch wird man handlungsfähiger, zugleich macht man sich verletzlich, denn es ist nie ausgeschlossen, dass Vertrauen enttäuscht wird.“ 

Komplexe Strukturen moderner Gesellschaften  

Vertrauen basiert auf Erwartungen. Es gibt diese Erwartungen zwischen Menschen, aber auch mit Blick auf funktionierende Strukturen und gesellschaftliche Systeme.

Je komplexer eine Gesellschaft ist, umso schwerer lassen sich Zusammenhänge 
durchschauen, umso mehr ist der Einzelne ausgeliefert, umso wichtiger wird Vertrauen. Doch
der Staat stößt an seine Grenzen, Krisensymptome häufen sich.

Nationalstaatliche Regierungen stehen vor Problemen, die nicht innerhalb ihres territorialen und rechtlichen Rahmens lösbar sind.

„Transnationale Zusammenhänge im Kontext von Migration, Klimawandel oder Finanzregulierung erfordern kooperative Regulierungen, deren Realisierung jedoch aufgrund konträrer Interessenlagen und zunehmender Konkurrenz nur bedingt gelingt.“ 

Aladin El-Mafaalani
Aladin El-Mafaalani (c) Horst Galuschka

Populisten bieten vermeintliche Orientierung 

Es gibt also durchaus gute Gründe für schwindendes Vertrauen in demokratische Institutionen. 

Populisten und Verschwörungsideologen nutzen das aus. Sie kanalisieren Misstrauen und
profitieren von Zuspitzungen. Der Soziologe Steffen Mau hat dafür den prägnanten Begriff
des „Popularisierungsunternehmertums“ geprägt. 

Unbehagen und Skepsis werden in klare Feindbilder und einfache Zusammenhänge überführt. Populistische Narrative und Verschwörungserzählungen bieten so Orientierung und verringern das Gefühl des Kontrollverlusts, schreibt El-Mafaalani.  

„So wie das Vertrauen an bestimmten Kipppunkten in Misstrauen umschlägt, kann sich im Misstrauen auch Vertrauen bilden: Das Misstrauen schlägt um in ein Vertrauen in andere Misstrauende, und durch das Teilen von Normen und Werten entsteht identifikationsbasiertes Vertrauen und darüber ein starker Zusammenhalt.“ 

Und damit hätte man alle Zutaten für eine Vergemeinschaftung über Misstrauen.

Gespräch Steffen Mau: „Es gibt neue Verwerfungen im Ost-West-Verhältnis“

Aufgewachsen ist Steffen Mau – geboren 1968 in Rostock – in der Plattenbau-Siedlung „Lütten Klein“, wo er später gesellschaftliche Verwerfungen analysierte.

Gespräch SWR Kultur

Weniger Regeln und Kontrollen 

Soziale Medien befördern solche Misstrauensgemeinschaften massiv. Zweifel richten sich dabei nicht allein gegen die Politik, sondern zielen auch auf Medien und Wissenschaft.
Das Engagement gegen das sogenannte Establishment tendiert zu einer „destruktiven Dynamik“, glaubt der Autor.

Das deckt sich mit der Diagnose des Autorenduos Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, beide machen sogar eine „Zerstörungslust“ aus.  

Es ist ein bedrohlicher Befund, zu dem Aladin El-Mafaalani in seinem klugen und konzentrierten, nur manchmal etwas ungelenk formulierten Essay gelangt. Denn gerade in Krisenzeiten sind Gesellschaften auf Vertrauen angewiesen. 

Der Autor fürchtet, dass wir große Erschütterungen, wie die Finanzkrise oder die Pandemie, heute schlechter bewältigen würden.  

Staat steht in Pflicht

Was tun? El-Mafaalani empfiehlt einen anderen Umgang mit Risiken und rät zu realistischeren Erwartungen, die Risiken und Komplexität nicht ausblenden. 

Auch den Staat nimmt er in die Pflicht. Dieser sollte den Bürgern selbst mehr Vertrauen entgegenbringen, statt den Alltag durch immer mehr Regeln und Kontrollen noch komplizierter zu machen. 

Leicht und schnell wird sich die Entwicklung der vergangenen Jahre jedoch kaum umkehren lassen, wenn man bedenkt, was jeder aus seinem Alltag kennt: Dass nämlich Vertrauen viel leichter in Misstrauen umschlagen kann als umgekehrt Misstrauen in Vertrauen.

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