Jüdin, Deutsche, Kommunistin, liebende Ehefrau, Mutter und eine der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts: Geboren wurde Anna Seghers als Tochter jüdischer Eltern am 25. November 1900 in Mainz als Annette Reiling, genannt „Netty“.
Zur weltberühmten Autorin wurde sie mit Romanen wie „Das siebte Kreuz“ oder „Transit“. In beiden Werken behandelt sie das Thema „Flucht“, auch heute ist es noch aktuell.
„Das siebte Kreuz“ schreibt sie im Exil
Ihr 1942 erschienener Roman „Das siebte Kreuz“ machte Seghers international bekannt. Angesiedelt im Jahr 1937, erzählt er von sieben Häftlingen, die vor den Nazis aus dem fiktiven Konzentrationslager Westhofen fliehen.
Der Kommandant des Lagers schwört, alle sieben geflohenen Gefangenen einzufangen und an Kreuze zu binden, die er aus sieben Platanen im Hof des Lagers schlagen lässt. Einer der Flüchtenden kann aber durch menschliche Hilfsbereitschaft entkommen. Das siebte Kreuz bleibt leer.
Anna Seghers hat „Das siebte Kreuz“ im Exil geschrieben und verarbeitet darin auch Erzählungen von ehemaligen Häftlingen des KZ Sachsenhausen. Als namentliches Vorbild diente das reale KZ Osthofen in der Nähe der rheinhessischen Stadt Worms, das bereits 1934 aufgelöst wurde.
Späte Ehrenbürgerschaft ihrer Geburtsstadt Mainz
Als überzeugte Kommunistin mit jüdischen Wurzeln blieb Seghers ein Leben lang eine umstrittene Autorin. Auch ihre Geburtsstadt Mainz, in der sie unter anderem die Höhere Mädchenschule, das heutige Frauenlob-Gymnasium, besuchte, tat sich lange mit ihrer Anerkennung schwer.
Erst 1981 verleiht der damalige Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs Anna Seghers die Ehrenbürgerschaft ihrer Geburtsstadt. Sie wird ihre wenige Tage nach ihrem 81. Geburtstag in ihrer Wohnung in Ost-Berlin überreicht.
Promotion und Hochzeit in Heidelberg
Im Südwesten hat Anna Seghers wichtige Stationen ihres Lebens verbracht. Sie studierte von 1920 bis 1924 an der Universität Heidelberg Kunstgeschichte, Geschichte und Sinologie und promovierte anschließend mit einer Dissertation über Juden und das Judentum im Werk Rembrandts. Hier fängt sie an zu schreiben, ab 1927 veröffentlicht sie unter dem Künstlernamen Seghers.
In Heidelberg heiratete sie 1925 den ungarisch-deutschen Sinologen László Radványi, der nach der Hochzeit den deutschen Namen Johann-Lorenz Schmidt annimmt. Es war eine Liebe, die ein Leben lang halten sollte.
Liebesbriefe von Anna Seghers: Einhornapotheker und Zipfelgeistlein
Ohne diese Beziehung wäre das zum 125. Geburtstag im Aufbau-Verlag erschienene Buch mit dem Titel „Ich will Wirklichkeit“ nicht zustande gekommen. Denn darin enthalten sind bislang unveröffentlichte Liebesbriefe, die Anna Seghers zwischen 1921 bis 1925 in Heidelberg an ihren zukünftigen Ehemann geschrieben hat.
Der Band versammelt mehrere Hundert Briefe, die sich Jahrzehnte in einer Schachtel im Familienbesitz befanden. Herausgeber ist Seghers' Enkel Jean Radványi, der die Briefe gefunden hatte. Der herausgebende Aufbau-Verlag hält die Weltrechte an Seghers Werk, das nun mit der aktuellen Veröffentlichung neu entdeckt werden kann.
Anna Seghers erfindet in ihren für ihren künftigen Ehemann zahlreiche Kosenamen, die oft an das Tierreich angelehnt sind: etwa „Einhornapotheker“, „Schlangenhäuptling“ oder „Zipfelgeistlein“. Sich selbst bezeichnet sie als „Dein Kind“ oder „Deine kleine Tochter“.
Hier hast Du meine Hand, mein Freund. Dein Kind. Deine kleine Tochter.
Ein literarischer Sensationsfund
Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, dass Anna Seghers sich fast unterwürfig darstellt. Gleichzeitig macht sie in ihren Briefen deutlich, dass sie einmal Großes erreichen und auf jeden Fall vom Schreiben leben will. Vier Jahre lang, bis zu ihrer Hochzeit, schreibt Seghers diese Briefe.
Sie zeigen Mut, Verzweiflung, Sehnsucht, Ängste und eine große Offenheit. Der Band „Ich will Wirklichkeit“ ermöglicht anhand der bislang unbekannten Zeitdokumente einen neuen Blick auf die vor 125 Jahren in Mainz geborene Schriftstellerin. Die rund 100 Jahre alten Briefe werden als literarische Sensation gefeiert.