Kurt und seiner Partnerin Maggie hat das Leben so manchen Streich gespielt. Maggie war in ihrer Jugend Opfer sexueller Gewalt, und Kurt galt in seinem Umfeld lange als Loser. Und dann werden sie auch noch Opfer der Ironie des Schicksals.
Davon erzählt die Dänin Asta Olivia Nordenhof in ihrem Roman „Geld in der Tasche“. Obwohl nicht mehr der Jüngste, hat Kurt auf einem Bauernhof auf der dänischen Insel Fünen ein Busunternehmen aufgebaut.
Manchmal fühlt er sich zwar überfordert damit, weil er ein hektischer Mensch ist und das eine oder andere vergisst. Dennoch:
„Die Firma hatte drei gute Jahre in Folge, inzwischen hat er einiges auf der hohen Kante, und es schmerzt ihn fast körperlich, das Geld anzurühren. Deshalb sucht er eine besondere Anlage. Er möchte nicht in die Vergangenheit investieren, er träumt von etwas ganz Neuem.“
Roman entsteht aus einem Traumgesicht
Kurt investiert sein Geld schließlich in das Fährschiff „Scandinavian Star“. Während die Skagerrak-Fähre bis zu ihrem Untergang im April 1990 tatsächlich existiert hat, sind Kurt, Maggie und Tochter Sofie eine fiktive Familie.
Die Autorin ist zugleich auch Ich-Erzählerin und berichtet, wie die Familiengeschichte entstand. Als sie mit dem Bus durch Fünen reiste, sah sie an einer Bushaltestelle einen weißhaarigen Mann, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging.
Es war, als hätte ich es geträumt: ganz deutlich, aber gleichzeitig so, dass man kein einziges Detail daraus ableiten konnte. Aus seinem Traumgesicht entstand eine Ahnung von einem Hof.
Liebe, Geiz und Untergang
Die Autorin lässt uns sozusagen die Erfindung der Figuren miterleben: Sie nennt den Weißhaarigen Kurt und schreibt ihm die Partnerin Maggie und beiden eine Geschichte zu.
Sie erzählt sie nicht chronologisch, vielmehr widmet sie ihnen abwechselnd kurze Kapitel und schaut ihnen auch nur in einzelnen Lebensphasen über die Schulter, doch am Ende kennt man die Biografien der beiden.
Sie lebten lange in Armut, und als das Busunternehmen schließlich Gewinn abwarf, entwickelte Kurt die Manie, jeden Cent zu sparen. Zumindest als sie sich trafen, empfanden sie Liebe füreinander, die sein Geiz später aber aufzehrte.
Und dann ging das Ersparte, für das sie auf alles verzichtet haben, mit der Scandinavian Star unter.
Fakten über die Schiffskatastrophe
Falls es stimmt, dass der Brand auf der Scandinavian Star gelegt wurde, um Profit daraus zu schlagen, und davon gehe ich aus, starben die 159 Menschen nicht nur wegen der zynischen Risikobereitschaft von ein paar Männern, sie starben für eine Idee,
Dies schreibt Autorin Nordenhof in dem Kapitel, das sie der Scandinavian Star widmet und zwischen Kurt und Maggies Geschichte schiebt. Es weicht stilistisch stark vom übrigen, sehr empathisch daherkommenden Text ab.
Sie macht nüchtern mit den bekannten Fakten zum Schiffsuntergang vertraut und trägt auch Vermutungen darüber zusammen.
Wobei sich Nordenhof der These anschließt, dass die Eigner, wenn sie die Brände an Bord nicht haben legen lassen, um daraus Kapital zu schlagen, zumindest an der Sicherheit der Fähre gespart haben – für „Geld in der Tasche“.
Kurt und Maggie sind also indirekte, unsichtbare Opfer, wie es sie sicherlich gegeben hat.
Eine Familientragödie
Der Kapitalismus ist ein Massaker. Aber wir leben, wir können den Kapitalismus beenden,
Dennoch ist „Geld in der Tasche“ kein politisches Pamphlet, sondern ein sehr durchdacht konstruierter Roman über eine Familientragödie, der durch seinen ungewöhnlichen Aufbau und eine sehr präzise beschreibende Sprache besticht.
Auf Dänisch ist bereits ein weiterer Roman von Asta Olivia Nordenhof um den Untergang der Scandinavian Star erschienen. Bleibt zu hoffen, dass sehr bald mehr von dieser außergewöhnlichen und in Dänemark längst gefeierten Schriftstellerin übersetzt wird.
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