Für ihr Buch „Sie kam aus Mariupol“, in dem sie den Spuren ihrer Mutter folgt, wurde Natascha Wodin im Jahr 2017 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Wodin wurde im Dezember 1945 im fränkischen Fürth geboren, als Tochter sogenannter Displaced Persons. Die Eltern stammten aus der Sowjetunion, wurden als Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht. Im Alter von 36 Jahren nahm die Mutter sich das Leben; da war Wodin gerade einmal zehn Jahre alt.
Am 8. Dezember wurde Natascha Wodin nun 80 Jahre alt; der Titel ihres neuen Buchs spricht für sich, doch auch Bücher über das Altern können unterschiedliche Tonlagen haben. Bei Wodin ist die Perspektive unmissverständlich:
Es stimmt nicht, dass das Leben im Alter ruhiger, gemächlicher, beschaulicher wird. Das Gegenteil ist der Fall. Das Leben wird immer schwerer, anstrengender, unüberschaubarer und komplizierter.
Ein Prozess, der zumindest für Natascha Wodin allumfassend ist: Der Körper schmerzt; das Gemüt ist verdüstert. Weder hat sie Lust auf neue Lektüren noch auf die Begegnungen mit Menschen, zumal sich die Todesfälle im Freundes- und Bekanntenkreis häufen. Zumindest einen Lichtblick gibt es: Friedrich, eine späte Liebe – noch einige Jahre älter als sie – ist immer auch Grund zur Sorge.
Körperlicher Verfall, Gedanken über das Leben, Erinnerungen und der gegenwärtige Krieg in der Ukraine – all das fließt zusammen. Man muss schon etwas aushalten können, um durch dieses sehr ehrliche Buch durchzukommen. Doch wenn die Erzählerin und Friedrich auf den See in Mecklenburg-Vorpommern blicken, an dem sie eine Wohnung haben, blitzt zumindest so etwas wie Versöhnungsbereitschaft mit der Welt auf.