Gleich auf den ersten Seiten gibt es eine kleine Episode, die den Zauber dieses Buches zusammenfasst – und dabei ist sie eigentlich nicht wirklich zauberhaft. Natascha Wodin wacht morgens auf und entdeckt auf ihrem Kopfkissen ein kleines, rotes Muster. Es hat die Form einer geöffneten Rosenblüte. Wie hübsch!
Die blutige Rose als Metapher
Ich fragte mich, ob es sich um eine filigrane Stickerei handelte, die ich bisher nicht bemerkt hatte, aber ich konnte keine Erhebungen ertasten. War die kleine Rose kunstfertig in den Stoff hineingewebt?
Es dauerte eine Weile, bis ich begriff. Gestern war ich beim Zahnarzt und hatte nach der Parodontosebehandlung meiner letzten fünf eigenen Zähne nachts aus dem Mund geblutet.
Eine Rose aus Blut – Romantik und Schmerz nur zwei Sätze entfernt – typisch Natascha Wodin ist das.
Die „blutige Rose“ ist mehr als ein alltägliches Detail, sie fasst die besondere Atmosphäre des Buches zusammen: Zärtlichkeit und Leidenschaft mit einem tiefen Bewusstsein für körperlichen und seelischen Schmerz.
Von fremden Welten ins Herz der Heimat Neue Bücher von Ursula K. Le Guin, Hannah Lühmann, Caroline Schmitt, Clara Heinrich, Natascha Wodin und Christoph Wagner
Von Ursula K. Le Guin bis Clara Heinrich: Geschichten über Freiheit, Fürsorge und Erinnerung. Und: Ein Blick auf die Rockjahre im Südwesten.
Liebe im Alter
Eine passende Metapher für die Liebe, um die es hier geht, eine späte Liebe im Alter, die „späten Tage“ eben.
Die verbringt Natascha Wodin mit ihrem Freund Friedrich. Seit sechs Jahren sind die beiden ein Paar.
Es gab Zeiten, da nannte er mich seine Königin, seine Heilige, seine Jeanne d’Arc. Jetzt liegt er nachts mit seinem Tod im Bett.
Mit dem zerzausten Rest seiner silbernen Haare sitzt er im Sessel neben mir und lächelt verloren oder starrt ins Leere. Ein immer noch schöner alter Mann, sehr schmal und zart, mit etwas vogelhaften, wie mit einem feinen Bleistift gezeichneten Zügen.
Herausforderungen einer späten Beziehung
Die Beziehung hatte leidenschaftliche Momente, Romantik, Sex, vor allem der Anfang war stürmisch. Aber dann kam das Ringen mit Schwächen und Fehlern des Anderen, die Erkenntnis, dass die beiden in vielen Dingen sehr verschieden sind – und sich trotzdem viel zu geben haben.
So weit, so normal, Beziehungsarbeit braucht es auch im Alter – aber dann sind da noch die körperlichen Probleme:
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich alte Menschen in meinen jungen Jahren wahrgenommen habe. Ich fühlte etwas zwischen Grauen, Mitleid, Verständnislosigkeit und Aversion bei ihrem Anblick, und ich hielt es für ausgeschlossen, dass ich irgendwann genauso werden würde, wie sie.
Der Alltag wird beschwerlich
Und nun ist Natascha Wodin selbst fast 80, Friedrich noch älter. Der Alltag mit ihm wird immer beschwerlicher. Er hat ein schwaches Herz, hört schlecht, vergisst viel, er schläft nachts kaum, geistert herum, redet wirr.
Und auch Natascha Wodin hat jeden Tag Schmerzen, kann kaum noch laufen, komplexe Tätigkeiten, wie einen Kuchen backen, fallen immer schwerer.
Mein Schreibtisch ist der einzige Ort, an dem ich mein Alter, die Schmerzen, die Angst vergesse, obwohl ich darüber schreibe. Ich schreibe darüber, um nicht sang und klanglos zu sterben.
Erinnerungen an ein anderes Leben
In kurzen, tagebuchartigen Absätzen, erzählt Natascha Wodin von ihren „späten Tagen“ mit Friedrich. Ihren Stil erkennt man sofort wieder: kurze, poetische Sätze, dicht und präzise, oft mit lakonischem Unterton.
In die tägliche Realität des alten Paares, mischen sich immer wieder Erinnerungen an ihr Leben. Es geht um gescheiterte Beziehungen, um Freundschaften, ihre Arbeit als Dolmetscherin in Russland und ihren späten Erfolg als Schriftstellerin.
Aber auch der furchtbare Krieg gegen die Ukraine beschäftigt sie, schon weil ihre Mutter, die an ihrem Schicksal als russisch ukrainische Zwangsarbeiterin in Deutschland zerbrach und sich das Leben nahm, aus Mariupol stammte.
Natascha Wodin schaut dem Verfall direkt ins Gesicht
Kulisse des Buches ist ein See in Mecklenburg-Vorpommern. Dort sitzt das Paar oft und beobachtet die Spiegelungen des Himmels im Wasser, Sonnenuntergänge, Vögel. Ein romantischer Ort, den so völlig kitschfrei wohl nur Natascha Wodin beschreiben kann:
Der Himmel spannt sich wie eine blaue Hochglanzfolie über den See, der Wind hat alle Wolken weggeblasen und treibt die schreienden Möwen, die immer auf Fischjagd sind, aus ihren Flugbahnen. Der Schaum der auslaufenden Wellen hinterlässt für Momente das Muster geklöppelter Spitze im Sand. Abends wenn die Sonne untergeht und unser Ufer längst im Schatten liegt, schauen wir aus dem Dämmer hinüber auf die andere Seite des Sees, die noch im Licht liegt. Dort drüben brennt die Welt.
Das ist der eigentliche Zauber dieses Buches: dass es nichts beschönigt und trotzdem schön ist.
Natascha Wodin schaut dem Verfall direkt ins Gesicht – manchmal verzweifelt, aber nicht verbittert. Die späten Tage ist ein Buch darüber, wie Nähe und Liebe auch dann noch möglich sind, wenn allles andere brüchig wird. Leicht ist es nicht, aber das sind Leben und Liebe ja nie.
Das Leben hört nicht auf, lebendig zu sein, nur weil es dem Ende zugeht. Es verändert bloß seine Töne – und Natascha Wodin hört sie alle.
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