Die blaue Tätowierung auf dem Arm ihres Vaters habe sie schon als Kind wahrgenommen, sagt Judith Hermanns Mutter. Oder doch erst auf dem Sterbebett des Vaters? Die Erinnerung, das Schweigen, die Unfähigkeit, sich auszudrücken; vielleicht auch die Unwilligkeit.
Darüber schreibt Judith Hermann in ihrem neuen Buch auf behutsam vortastende Weise. Ihr Großvater starb vor ihrer Geburt. Es gibt ein Foto von ihm, Juli 1941, da sitzt er auf einem Motorrad in der Stadt Radom in Polen, in Uniform, im Hintergrund ein Haus. Der Großvater, Jahrgang 1904, war bei der Waffen-SS. Die blaue Tätowierung ist die Tätowierung der Blutgruppe.
Als die Mutter 80 Jahre alt ist, erleidet sie einen allumfassenden Gedächtnisverlust. Nur vorübergehend, aber er ist der Anlass für die Tochter, sich näher mit der Geschichte des Großvaters zu beschäftigen und schließlich nach Radom aufzubrechen, um vor Ort zu recherchieren. Um Bilder zu haben, um die Fotografie des Großvaters mit der Realität in Einklang zu bringen.
Von dort aus weitet sich der Blick; die Autorin fährt nach Italien, zu ihrer Schwester, die Archäologin ist. Eines passt zum anderen. Es ist eine Familienrecherche und eine Erkundung verdrängter Geschichte. Und zugleich ein klassisches Judith Hermann-Buch.