Wolfram Lotz, Jahrgang 1981, ist eine der wichtigsten Figuren im deutschsprachigen Gegenwartstheater, vielfach ausgezeichnet, oft gespielt. Aufsehen erregte er zudem 2022 mit seinem Monumentalwerk „Heilige Schrift I“, einem 900 Seiten umfassenden Tagebuch aus vier Monaten Lebenszeit.
Da stand alles drin, was man aufschreibt, wenn man offenbar in einer Schreibkrise steckt: Philosophisches und Banales, die Katze des Nachbarn, Gedanken über Miley Cyrus, Bösartiges über Schriftstellerkollegen.
Und nun? Fortsetzung der Heiligen Schrift? Kein Gedanke! Gerade einmal etwas mehr als 100 Seiten, was naturgemäß nichts über die Gewichtigkeit des Textes aussagt.
Lotz hat sich an ein eigenwilliges Projekt gemacht: Fünf Jahre lang hat er in diversen Internetforen die Traumschilderungen von Menschen aus ganz Europa gesammelt.
Europa erscheint weniger als ein politisches Gebilde, sondern eher als kollektiver Raum des Unterbewusstseins. So zum Beispiel:
„Ich war in einem Gebäude, wo eine Firma oder ein Verein untergebracht war, für den ich anscheinend arbeitete. Aus irgendeinem Grund war Tina Turner zu Besuch und gewährte mir und noch einer Handvoll Leute ein ganz relaxtes Gespräch, in dem alle was fragen durften. Tina Turner sprach komischerweise ebenfalls Dänisch und hatte ganz bequeme Kleidung an und einen Handtuchturban auf, sie trug auch Pantoffeln und saß ganz bequem da.“
Ob Lotz die Texte sprachlich vereinheitlicht hat, geglättet, ergänzt, gekürzt, sortiert – wir erfahren es nicht. Ein großer Steinbruch verarbeiteter Wünsche, Ängste, Erfahrungen.